Friedhelm Funkel Oberster Gewerkschafter

Kein Bundesliga-Trainer hat es so verstanden, die Chancen seines Standorts so effektiv auszureizen wie der Düsseldorfer Chefcoach.

Von Klaus Hoeltzenbein

Im Januar war Friedhelm Funkel schon entlassen. Es war die kürzeste Entlassung in der Geschichte der Bundesliga. Einen heftigen Fanaufstand später war er wieder im Amt. Und jetzt, zum Saisonende, musste nicht der Trainer, sondern der Vorstandschef gehen. Also derjenige, der im Winterquartier in Marbella verfügt hatte, man wolle die Zukunft von Fortuna Düsseldorf nicht über die Saison hinaus diesem 65-Jährigen anvertrauen, dem ältesten Trainer der Liga.

Es geht also auch andersherum. Der Trainer ist nicht immer der Büttel, auf dem sich alles abladen lässt. Dies sei als Zwischenruf in eine Debatte eingebracht, die das Saisonfinale begleitet hat, und deren engagiertester Wortführer, neben Funkel, der Mönchengladbacher Trainer Dieter Hecking, 54, war, der seinen Arbeitsplatz bei Borussia mit den Worten räumte: "Wir (Trainer) können zu Hause bleiben."

Die Arbeitsplätze von Hecking und Funkel lagen Luftlinie nur wenige Kilometer auseinander. Hecking landete auf Platz fünf und wird abgelöst, Funkel auf Rang zehn und bleibt. Was zeigt, dass der Tabellenplatz nicht das einzige Kriterium für Erfolg oder Misserfolg ist. Sondern eher die streng qualitative Frage: Was hat jemand mit dem investierten Kapital und dem zur Verfügung stehenden Personal erreicht?

In der Hinrunde stand in einer solchen Kosten-Nutzen-Rechnung noch der Freiburger Christian Streich, 53, auf Platz eins. Zieht man das internationale Abschneiden in dieser Wertung hinzu, wäre jetzt die Führung dem Frankfurter Europa-League-Halbfinalisten Adi Hütter, 49, kaum zu nehmen. Doch beschränkt auf die Bundesliga hat niemand die Chancen eines Standortes so effektiv ausgereizt wie Funkel, der mit einem vorab zum Abstieg verurteilten Aufsteiger im Endspurt in der Tabelle sogar noch die Hauptstadt-Hertha aus Berlin überholte.

Natürlich ist das Düsseldorfer Modell dieser Saison eine Ausnahme. Denn dort hatten Funkels Chefs eine der Leitlinien des Sports missachtet: "The trend is your friend." Zu deutsch: Nie, nie, nie den Notfallknopf im Aufzug drücken, wenn es endlich einmal aufwärts geht. Nach einem 3:3 beim FC Bayern (drei Tore von Dodi Lukebakio, dem schwer erziehbaren Musterschüler Funkels) und gar einem 2:1 gegen Dortmund wurde der Trainersturz versucht. Wenn der Name "Shitstorm" je seine Berechtigung hatte, dann in jenen Januartagen, in denen Fortunas Fans für Funkel die digitalen Barrikaden stürmten.

Trotz dieses Solidarakts spricht Funkel heute so, als sei er der Vorsitzende der Gewerkschaft seiner Zunft: "Ich will nicht sagen, dass wir die Mülleimer sind. Aber die Trainer haben es schon schwer." Zweifellos, doch jeder, der Profifußball lehrt, weiß, dass er in einen privilegierten Job einsteigt. Einen Job auf Zeit, der Resultate fordert, aber auch horrend honoriert wird. Der ewige Funkel hat mehr als 800 Spiele als Profi und Trainer bewältigt; Fortuna soll seine letzte Station sein. Auch wenn diverse Falten seine Mimik kreuzen - für all den Stress hat sich dieser muntere Rheinländer grandios gehalten.