Süddeutsche Zeitung

Friedhelm Funkel:Nach Rudelbildung auf Rekordjagd

Er reiht mit den Düsseldorfern Sieg an Sieg - das befriedet auch sein Verhältnis zum Vereinschef.

Von Philipp Selldorf, Düsseldorf

Als man in Deutschland noch nicht daran dachte, die Namensrechte an Bundesliga-Arenen zu verkaufen, erschien im Sportteil einer Düsseldorfer Zeitung ein Artikel, der die Bürger davor warnte, Spiele der Fortuna zu besuchen: "Wer ins Rheinstadion geht, wird mit Fortuna-Fußball nicht unter 90 Minuten bestraft", hieß es da, und aus aktuellem Anlass könnte man ja die Bewohner der Landeshauptstadt jetzt mal fragen, welches Phänomen aus zwei verschiedenen Epochen vorzuziehen ist: ein authentisches Rheinstadion, in dem der Ball und die Zuschauer gequält werden? Oder ein hemmungslos vermarktetes Stadion am Rhein, das den Namen eines Spielautomatenbetreibers trägt, aber eine Mannschaft beherbergt, die von Friedhelm Funkel trainiert wird?

Bis vor kurzem hätte wohl mancher Befragte erwidert, dass es da - außer zweierlei Stadionnamen - keinerlei Unterschied gebe. Doch diese Zeiten sind so passé, wie nur irgendetwas passé sein kann: Nicht nur in Düsseldorf ist das Lästern über Funkels Fußball verstummt. Stattdessen staunt man inzwischen überall über diesen oft unterschätzten Fachgelehrten, zumal es derzeit in Deutschland nur einen Fußball-Trainer gibt, der es mit Funkels jüngsten Erfolgen aufnehmen kann: Auch Niko Kovac (FC Bayern) blickt auf vier hintereinander gewonnene Punktspiele zurück, doch hat er dafür die Hilfe von Manuel Neuer und Robert Lewandowski beanspruchen dürfen, während Funkel Profis wie Adam Bodzek und Benito Raman in Stellung brachte.

Selbst Mitarbeiter der Fortuna sind sich nicht sicher, ob ein beliebig aus der Menge gegriffener Düsseldorfer Teenager imstande wäre, einen der aktuellen Fortuna-Spieler beim Namen zu nennen. Zumal jener Spieler, der tatsächlich Anlagen zum Star besitzt, den schwierigen Nachnamen Lukebakio trägt und darüber hinaus als Eigentum des FC Watford lediglich leihweise dem Düsseldorfer Klub zugehört.

Über den Mangel an Prominenten in seinen Teams hat sich Funkel allerdings noch nie beschwert, dieses Merkmal gehört zu seinem speziellen Trainerschicksal. Dass er sich am Freitag über die neuerdings bei der Fortuna herrschenden Verhältnisse beklagt hat, beruhte auf anderen Ursachen als unerfüllten Personalwünschen. Funkel betonte, es werde "immer schwieriger und immer komplizierter" für ihn. Doch er beschrieb damit nicht Mangel, sondern Überfluss, denn der 65 Jahre alte Fußball-Lehrer ist überzeugt, dass sein aktuelles Team "die beste Mannschaft ist, seitdem ich hier bin". Im März vor drei Jahren ist er zur damals lediglich noch knapp zweitklassigen Fortuna gekommen. Nun muss er bei der Kaderwahl fürs nächste Spiel manchen traurigen Spieler nach Hause schicken und tröstet sich dabei mit seinem Erfahrungsschatz: "Ich sag' immer: Ein Trainer kann nie gerecht sein."

Mit Funkel konnte man, als er die Lage vor der Begegnung mit RB Leipzig am Sonntag schilderte, über so ziemlich alles reden, nicht nur über Fußball. Es ging auch um Tennis, die Handball-WM und seine Freude am Handball schlechthin, wobei ihn besonders freut, dass die Handballer "zerren, kratzen, hauen und sich ins Gesicht schlagen" - und sich trotzdem bestens vertragen, "da gibt's keine Rudelbildung". Womit sich wunderbar überleiten ließe auf das Thema, das vor zwei Wochen ganz Düsseldorf in die Rudelbildung trieb.

"Wir müssen uns Zeit geben", sagt Schäfer wie ein Therapeut

Das passierte, als Funkel plötzlich seinen Abschied zum Saisonende verkündete, weil ihm der Vorstandschef die Vertragsverlängerung vorenthielt. Klub-Boss Robert Schäfer, 42, musste daraufhin erfahren, was es heißt, wenn sich ein Funktionär mit einem sogenannten Kult-Trainer anlegt, der obendrein gerade ein Erfolgstrainer ist. Zügig erhielt Funkel doch noch den Vertrag, den er haben wollte.

Was von dem Zwist geblieben ist, ließ sich in dieser Woche in der Sport-Bild studieren: Dort erschien ein Artikel mit der Überschrift "Friedenspakt für Fortuna" und einem Foto der beiden Kontrahenten, die sich die Hände zum Sportlergruß reichen. Der eine, Schäfer, lächelt sein bestes Lächeln, der andere, Funkel, setzt ein verklemmtes Lächeln auf, das mehr als tausend Worte sagt. "Wir müssen uns jetzt Zeit geben", erklärt Schäfer den Stand der Beziehungen mit einem Satz aus dem Standard-Vokabular von Paartherapeuten.

Der Vertrauensbruch sitze tief, dessen sei er sich bewusst. "Ich glaube, dass wir nach wie vor ein gutes Verhältnis haben, das wir aber auch wieder verbessern wollen", trug Funkel ebenfalls einen verräterischen Satz vor - und erzählte, dass man im Grunde recht vertraut miteinander sei. Zum Jahresende sei ein gemeinsames Abendessen samt Ehefrauen lediglich daran gescheitert sei, dass er krank geworden sei, man werde das aber "nachholen". Eine zweifelhafte Episode - wer glaubt denn schon, dass der unverwüstliche Friedhelm Funkel jemals krank werden könnte?

Der 2:1-Sieg in Augsburg war Funkels perfekte Antwort auf die Unruhe, nun will er über die Zweierbeziehung mit dem Vorstandschef nicht mehr sprechen: "Da ist genug und alles zu gesagt worden." Im Vordergrund steht Leipzig - und ein Rekord: Fünf Siege in Serie hat Funkel zwar schon mal erzielt, mit Duisburg, doch das sei, wie er stilecht anmerkt, "im vorigen Jahrtausend gewesen".

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Quelle:
SZ vom 26.01.2019
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