Kein deutsches Achtelfinalduell in Paris:Zverev übersteht den Schreckmoment

Kein deutsches Achtelfinalduell in Paris: Verbissen gekämpft: Alexander Zverev.

Verbissen gekämpft: Alexander Zverev.

(Foto: Jean-Francois Badias/dpa)

Der deutsche Tennisprofi hat lange Probleme mit Frances Tiafoe - findet aber rechtzeitig sein Spiel. Im Achtelfinale trifft er nun auf Grigor Dimitrov, der einen entkräfteten Daniel Altmaier bezwingt.

Von Gerald Kleffmann, Paris

Wie immer an den vergangenen Abenden bei den jeweiligen Nachtmatches auf dem Court Philippe-Chatrier kam irgendwann der Hinweis auf der großen Videowand, wann die letzten Metros fahren würden. Die 10er Linie zum Beispiel sollte letztmals in dieser Nacht um 0.40 Uhr von der nächstgelegenen Station Michel-Ange-Molitor losschippern. Man glaubt es kaum, aber: Auch Paris geht mal schlafen. Die Uhr tickte und tickte, und als Alexander Zverev schließlich doch diese wechselhafte Partie tief in der Nacht gewonnen hatte, galt es für die Zuschauer, zur U-Bahn-Station zu sprinten. Es war nämlich schon 0.18 Uhr, als sich der deutsche Tennisprofi und der Amerikaner Frances Tiafoe die Hand gaben. Mit 3:6, 7:6 (3), 6:1, 7:6 (5) nach 3:41 Stunden hatte sich der 26 Jahre alte Deutsche durchgesetzt, Zverev steht damit zum sechsten Mal in Serie im Achtelfinale von Roland Garros.

Für seinen Kollegen Daniel Altmaier verlief der Abend wesentlich kürzer und unerfreulich. Der 24-Jährige aus Kempen verpasste sein zweites Achtelfinale in Paris nach 2020. Nach dem Marathonmatch in der zweiten Runde gegen den Südtiroler Jannik Sinner über 5:26 Stunden waren die Kräfte sichtlich vermindert. Gegen Grigor Dimitrow, ATP-Weltmeister 2017, verlor er in 2:07 Stunden deutlich mit 4:6, 3:6, 1:6. Der Bulgare, der nach einer längeren Schwächephase auf der Tour wieder eine bessere Saison erlebt, spulte sein Federer-haftes Tennis - seine Bewegungen ähneln stark seinem früheren Vorbild - ab wie zu seinen besten Zeiten. In der Runde der letzten 16 trifft Zverev, der auf ein deutsches Duell gehofft hatte, nun auf Dimitrow.

Beim kurzen Interview auf dem Platz sagte Zverev: "Ich liebe Tennis mehr als alles andere. Ich bin so glücklich, auf diesem Platz wieder zu kämpfen." Mit einem Lächeln erinnerte er sich daran, dass er sich genau vor einem Jahr, am 3. Juni 2022, im Halbfinale gegen Rafael Nadal an der Grundlinie einen mehrfachen Bänderriss im rechten Fuß zugezogen hatte. Seine Erleichterung klang aus jedem seiner Worte.

Zverev begann die Partie als erster Aufschläger. Die Bedingungen waren ideal. War es noch am Abend zuvor bei der sogenannten Night Session des Spaniers Carlos Alcaraz gegen den dann klar unterlegenen Kanadier Denis Shapovalov so kalt gewesen wie im Februar auf Sylt, weshalb sich viele Zuschauer in Decken mummelten, betrug die Temperatur um kurz nach halb neun Uhr um die 20 Grad. Wind war natürlich vorhanden, Zverev hatte ja zu Recht erwähnt, er habe noch keine French Open gespielt, bei der es so oft so sehr pfiff und blies wie dieses Jahr. Tiafoe war bislang ein Gegner, der Zverev lag, 6:1 lautete die Bilanz zu seinen Gunsten, wobei - bedeutsamer - Zverev sich bei allen drei Duellen in Melbourne bei den Australian Open, in Wimbledon (jeweils 2017) und in New York bei den US Open (2019) durchsetzen konnte.

Der 25-Jährige aus Hyattsville in Maryland hat eine bewegte Lebensgeschichte vorzuweisen, die Eltern flüchteten vor dem Bürgerkrieg in Sierra Leone in den Neunzigerjahren in die USA. Vater Constant war Tagelöhner beim Bau und wirkte am Aufbau des Jugendtenniszentrums in College Park, Maryland, mit. Nach der Fertigstellung wurde Constant als Verwalter angestellt und wohnte auf der Anlage, wo auch Frances jahrelang nächtigen sollte. Tiafoe hat sich wirklich von unten hochgearbeitet.

Kein deutsches Achtelfinalduell in Paris: Mann mit bewegter Lebensgeschichte: Frances Tiafoe.

Mann mit bewegter Lebensgeschichte: Frances Tiafoe.

(Foto: Thomas Samson/AFP)

In der Tennisszene ist der Amerikaner als einer der fröhlichsten Zeitgenossen bekannt, aber er ist auch ein zäher, leidenschaftlicher Kämpfer, der Zverev das Tennisleben in diesem Match schwer machte. Er war es, der bei 3:3 und 15:40 die ersten zwei Breakbälle hatte, den zweiten nutzte er zum 4:3. Zverev patzte im ersten Satz dann noch mal, mit einem Doppelfehler verlor er das nächste Aufschlagspiel zum 3:6.

Im dritten Satz stürzte Zverev an der Grundlinie, aber: nichts passiert

Tiafoes Spiel ist eigenwillig, er schiebt die Rückhand mehr, als dass er sie schlägt, die Vorhandbewegung ist eckig, dafür effektiv. Er kann ganz herrliche Topspin-Bogenlampen fabrizieren, die hart sind und die Ecken des Platzes zielgenau erreichen. Zverev hatte mit der Mischung an Schlägen, die Tiafoe anbot, so seine Probleme. Seltsamerweise wurde Zverev besser, je mehr Wind aufkam. Ihm glückte sofort das Break zum 1:0 im zweiten Satz. Doch Tiafoe, trainiert vom früheren Profi Wayne Ferreira aus Südafrika, konterte und luchste Zverev das Aufschlagspiel zum 2:2 ab.

Es war bis dahin kein gutes Match, vor allem seitens Zverev, der wesentlich fahriger und unpräziser agierte als noch in der zweiten Runde gegen den Slowaken Alex Molcan. Tiafoe strahlte Energie aus, Zverev wirkte anfälliger, wovon auch vier Doppelfehler bis zu diesem Moment zeugten. Ganz witzig war aber der Moment, als jemand rief: "Sascha, isch liebe disch!" Es folgte ein Ass von Zverev. Vier Breakchancen ließ er dann aus, bis die beiden im Tie-Break ankamen - da war Zverev so offensiv, wie er es sein kann. Sofort belohnte er sich.

Ein kurzer Schreckmoment folgte im ersten Spiel des dritten Satzes, Zverev stürzte an der Grundlinie, aber es passierte ihm nichts. Jedoch kassierte er das Break, aber konterte umgehend. Und nun hatte Zverev sein Spiel gefunden, während Tiafoes Widerstand im dritten Satz schwand. Der vierte Satz blieb zunächst offen, doch dann wurde es wild. Beide fabrizierten mehr Fehler als Winner. Zverev lag 3:5 zurück, 5:5, 6:6. Noch mal Tie-Break. Und wieder setzte sich Zverev durch.

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