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Tennis bei den French Open:Nadal ist zäher als sein Dämon

French Open Winner Rafael Nadal Photocall

Zwei Wahrzeichen von Paris: Rafael Nadal posiert mit Pokal, im Hintergrund der Eiffelturm.

(Foto: Aurelien Meunier/Getty Images)

Zweifel treiben ihn an: Der 13. Sieg bei den French Open zeigt, dass Rafael Nadal in Paris immer noch von Ehrgeiz, Wille und dem Spiel auf langsamem Sand profitiert. Beliebt ist er auch für seine Zwischentöne.

Von Gerald Kleffmann

Um zu veranschaulichen, was Rafael Nadal bislang bei den French Open zustande gebracht hat, helfen Zahlen. 2005 nahm der Spanier erstmals an dem Grand-Slam-Turnier teil, einer der vier wichtigsten Tennisveranstaltungen. Seitdem gewann er 299 Sätze, er verlor 27. Er gewann 100 Matches, er verlor zwei. Von 2010 bis 2015 gewann er 39 Partien in Serie. 20 Mal endete ein Satz 6:0 für ihn. Seine Bilanz gegen Top-Ten-Spieler: 27:1. Einmalig, alles.

Am Sonntag, beim 6:0, 6:2, 7:5-Finalerfolg gegen den Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic, sicherte er sich zum vierten Mal den Pokal ohne Satzverlust im gesamten Event. Und wer es genau wissen will: 10 499 Punkte holte er seit 2005, 7702 gab er ab. 13 Mal durfte er deshalb in den Coupe des Mousquetaires beißen. Auch ein Rekord bei ein und demselben Turnier. Man könnte aber, um diese Leistungen greifbar zu machen, auch nur den Gag erzählen, der stets nach dem Endspiel kursiert: Ein kurz manipulierter Wikipedia-Eintrag erklärt unter "Roland Garros", das sei jener Wettbewerb, bei dem 127 Profis antreten - und Nadal die Trophäe erhält. Mit nur einem Wort umschrieb derweil Djokovic Nadals Qualität in Paris treffend - sie sei "unglaublich".

Die Frage, die sich ob dieser Fakten und Wertungen zwangsläufig stellt, lautet: Wie schafft das dieser Kerl? 1,85 Meter groß, ein Rechtshänder, der mit links schlägt, privat schüchtern ist und so höflich, dass Youtube-Detektive noch Videos suchen, in denen er einmal nur sein Arbeitsgerät zertrümmert wie die gehypten Vertreter der jüngeren Generation oder wenigstens kurz "Menno!" flucht.

"Full of doubts", voller Zweifel sei er, hatte Nadal einmal dazu erklärt, was ihn innerlich beschäftige und plage. Weshalb er wieder und wieder trainiere. Er wolle siegen. Siege gäben Sicherheit. So ein klitzekleiner Dämon scheint also auch ihn, den King of Clay, wie ihn Djokovic wie so viele nennt, zu begleiten. Leider hat der Dämon schlechte Karten. Nadal ist zäher als er. Vor allem in Paris. Auf Sand kann er sein Spiel perfekt zelebrieren. Er hat auf dem langsamsten aller Tennisbeläge die eine Sekunde mehr Zeit, die er für die weiten Ausholbewegungen braucht, um sich Ball und Gegner zurechtzulegen.

Auch Nadal lebt im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten

Letztlich gibt es schon Erklärungen, warum manche Sportler eben andere nicht nur sporadisch, sondern dauerhaft überragen. Es ist die Kombination aus außergewöhnlicher athletischer und technischer Begabung sowie mentaler Stärke in Form von Ehrgeiz, Wille und Widerstandsfähigkeit. Der renommierte Sportpsychologe Philipp Laux charakterisierte Nadal und Roger Federer so: "Sie haben finanziell ausgesorgt, haben Anhänger weltweit. Was treibt sie an? Es ist der Wunsch, jeden Tag ihr Bestes zu liefern. Und das ist keine Phrase bei ihnen - sie leben es vor." Je 20 Grand-Slam-Titel des 34-Jährigen aus Mallorca und des 39-Jährigen aus Basel zeugen von ihrer beharrlichen Arbeit. Nadal als Stier von Manacor zu bezeichnen, klingt nur aufregender.

Damit jetzt aber kein falsches Bild aufkommt: Auch Nadal lebt im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten, im Sommer erwarb er eine Yacht modernsten Standards, Holzklasse fliegt sein riesiger Clan weniger, fürs Handgelenk überreichte ihm ein Sponsor eine Uhr, deren Preis siebenstellig ist. Seine Zurückgezogenheit, ähnlich wie bei Federer, hat ihn indes nie abgehoben werden lassen. Als am Sonntag die Tenniswelt ihn zu würdigen begann, war Nadal selbst wohl die ruhigste, stillste Person von allen. Er lenkte vielmehr den Blick auf die Pandemie, dass es Wichtigeres gebe gerade. "Ich bin nicht dumm, nein? Es ist weltweit immer noch eine traurige Situation", betonte er ernst.

Es sind auch solche Zwischentöne, die Nadal zu einer beliebten Persönlichkeit werden ließen. Die Zahlen zu Roland Garros helfen aber natürlich ein bisschen.

© SZ vom 13.10.2020

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