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French Open:"Gegen Djokovic gibt es keine Taktik"

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Dominic Thiem trifft im Halbfinale der French Open auf Novak Djokovic. Sein Trainer Günter Bresnik über die Chancen des jungen Österreichers und die bevorstehende Zeitenwende im Tennis.

Interview von Philipp Schneider, Paris

SZ: Herr Bresnik, in der vergangenen Woche hat Dominic Thiem das Turnier in Nizza gewonnen, 13 Tage später steht er zum ersten Mal in seiner Karriere im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers und trifft nun auf den Weltranglistenersten Novak Djokovic. Sind Sie mit ihm schon am Ziel?

Günter Bresnik: Wenn man mir nach Nizza gesagt hätte, dass Dominic hier das Halbfinale spielt, hätte ich das mit Kusshand genommen. Mit ist auch bewusst, dass Djokovic in den Augen der Allermeisten ein übermächtiger Gegner ist.

Und in Ihren Augen?

Wer das Match von Dominic in Miami gegen Djokovic gesehen hat, der wird jetzt auch ein bisschen von einer Sensation träumen dürfen.

Im März gewann Djokovic in Miami 6:3, 6:4 gegen Thiem auf Hartplatz, hatte aber wahnsinnig zu kämpfen. Jetzt treffen sie sich auf Sand wieder. Fünf seiner sechs Turniersiege hat Thiem auf dem Belag geholt. Hat er also bessere Chancen?

Der Belag ist mir mittlerweile wurscht. Solange es nicht Rasen ist, halte ich Dominic überall für wettbewerbsfähig. Rafael Nadal hat er auf Sand geschlagen, er hat Roger Federer geschlagen, er hat Stan Wawrinka geschlagen vor zwei Jahren in Madrid. Er hat Ferrer besiegt, er hat gegen Kei Nishikori knapp verloren. Ich traue ihm einiges zu, wenngleich Djokovic natürlich haushoher Favorit ist.

Vor allem Thiems Physis ist erstaunlich. Er hat ja in der Woche vor den French Open nicht nur das Turnier in Nizza gewonnen, Sie haben auch sehr viel mit ihm trainiert in der Zeit.

Extrem viel. Und schauen Sie ihn sich jetzt an: Ihm geht's blendend! Ich bin ja kein Freund von diesem ständigen Schonen. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der durch Schonen besser geworden wäre.

Das mag sein. Aber haben die vielen Regenunterbrechungen nicht auch bei der Regeneration geholfen?

In Dominics Fall nicht. Weil sich der ganze Zeitplan zusammengeschoben hat. Jeden Tag ein Match spielen zu müssen, ist kein Vorteil. Grundsätzlich gilt: Als Spieler musst du fit sein. Fitte Spieler werden immer einen Vorteil haben. Und Djokovic ist der fitteste Spieler auf der Tour. Gegen ihn muss man sich beweisen.

Thiem hat über sich gesagt, dass er im vergangenen Jahr vor allem seine Physis verbessert hat, dass das der größte Unterschied sei. Was kann er grundsätzlich noch verbessern an seinem Spiel?

Dominic ist ein körperlicher Spätentwickler. Zwischen 16 und 19 litt er an einer sehr schweren Bakterienkrankheit, die ihn lange Zeit zurückgehalten hat. Er wird jetzt zum Mann. Er ist ausgewachsen. Das war er mit 20, 21 nicht. Spielerisch hat er sich auch extrem verbessert, was seinen Aufschlag und Return angeht. Wenngleich das für mich noch immer der Punkt ist, in dem er den größten Abstand zu den ganz Großen hat. Wenn der Ball im Spiel ist und er den Punkt diktieren kann, gibt es inzwischen niemanden, mit dem er sich nicht messen kann.

Es wird bei den French Open viel über die schwierigen Wetterverhältnisse geredet. Zwei Spielerinnen, darunter die Weltranglistenzweite Agnieszka Radwanska, klagen über Wettbewerbsverzerrung. Liegt Thiem das Spiel in Kälte und Feuchtigkeit?

Die Verhältnisse sind hier für alle Leute gleich. Spieler jammern nur, wenn sie nicht gewonnen haben. Und wenn jemand bei den Verhältnissen nicht schnell genug oder druckvoll spielen kann, dann ist das sein Problem. Dann muss man anders arbeiten und trainieren. Man kann sich ja auch nicht beschweren, wenn es heiß ist und die Bälle schnell fliegen.

Trotzdem, wem kommt das Wetter eher zugute: Djokovic oder Thiem?

Wie wird das Wetter denn sein?

Na, sicher kalt und feucht.

Nun, Djokovic ist 29 Jahre alt, seit 13 Jahren auf der Tour. Der hat jede Art von Wetterverhältnis schon hinter sich. Er hat alles erlebt, kann die Bedingungen mit dem kleinen Finger beherrschen. Für Dominic ist vieles noch Neuland.

Wie sieht denn Ihre Taktik aus gegen Djokovic?

Gegen Djokovic gibt es keine richtige Taktik. Dominic ist auch keiner, der sehr taktisch spielen sollte. Weil er ein sehr druckvolles, eigenes Spiel hat. Seine Taktik muss sein, dass er sein eigenes Spiel aufzieht. Wie gegen David Goffin im Viertelfinale. Ihn hat er ins Laufen gebracht. In Miami hatte Dominic 15 Breakbälle gegen Djokovic, aber keinen genutzt. Er muss sein Spiel kompromisslos durchziehen, das ist die Taktik.

Thiem ist erst 22, in welchem Bereich sehen Sie bei ihm noch das größte Verbesserungspotential?

Aufschlag und Return. Dominic hat einen sehr guten Aufschlag, den er nicht verwendet.

Warum nicht?

Einfach, weil der Prozentsatz noch nicht gut genug ist.

Zeitenwende im Tennis?

Er zieht den Aufschlag nicht voll durch, weil die Fehlerquote sonst zu hoch wäre?

Ja, er hat hier in dem Turnier den drittschnellsten Aufschlag gespielt mit 222 km/h. Er serviert den aber sehr selten. Die Durchschnittsgeschwindigkeit bei seinem ersten Aufschlag liegt bei 170 bis 180 km/h.

Obwohl er mit 1,85 Meter nicht der größte Spieler ist.

Wenn er seine Quote in Zukunft verbessert, dann erhält er mehr freie Punkte. Das gleiche gilt für seinen Return. Er darf sich nicht mehr so viele Fehler leisten, wenn er auf den zweiten Aufschlag geht. Da muss er seine Position besser variieren. Das sind Sachen, die man nicht im Training üben kann. Da braucht er die Erfahrung aus großen Matches gegen große Spieler. Davon hat er in diesem Jahr mehrere gehabt, das ist ein Glück für ihn. Deshalb tut er sich auch in diesem Jahr wesentlich leichter als noch im Vorjahr.

Wäre Thiem ohne die verletzungsbedingten Absagen von Roger Federer und Rafael Nadal ins Halbfinale gekommen?

Natürlich waren die Absagen ein Riesenvorteil für Dominic. Er hätte sonst schon in der Runde der letzten 16 gegen Nadal spielen müssen. Und es wäre vermessen zu sagen, dass er diese Partie gewonnen hätte. Aber ausgeschlossen wäre es auch nicht gewesen. Mir hätte das sogar getaugt: Für seine Entwicklung wäre es gut gewesen, wenn er gegen Nadal gespielt hätte. Sagen wir so: Der Einzug ins Halbfinale ist für seine Entwicklung unbezahlbar. Aber der Sieg gegen Marcel Granollers...

... der von Nadals Absage profitiert hat, eine Runde weiter kam und dann gegen Thiem verlor ...

... hat ihm definitiv weniger gebracht, als eine Niederlage gegen Nadal auf dem Court Philipp Chatrier gebracht hätte. Gegen den größten Sandplatzspieler aller Zeiten in Paris zu spielen, das hat Dominic schon einmal gehabt.

Vor zwei Jahren hat er glatt verloren. Inzwischen wirkt er reifer und stärker. Erleben wir gerade die schon ewig vorhergesagte Zeitenwende im Tennis? Löst eine neue Generation von Spielern die alte ab?

Es gibt noch beide Generationen. Die eine ist noch nicht abgelöst, denn Djokovic wird sich sicher noch eine Zeit lang vorne halten. Andy Murray genauso. Die Nummer eins und zwei sind einzementiert. Stan Wawrinka dahinter bewegt sich auch nicht viel ...

Und Federer und Nadal?

Die fehlen verletzt. Sind aber spielerisch noch immer über die nächste Generation zu stellen. Wenn Federer zehn Mal gegen Dominic spielt, wird er neunmal gewinnen. Das gilt für Nadal genauso. Aber die neue Generation, sie wartet.

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