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French Open:Ein Klopfen an der Tür

Die Geste des Frauen-Turniers: Paris-Siegerin Barbora Krejcikova sendet Grüße an ihre früh verstorbene Trainerin Jana Novotna.

(Foto: Christophe Ena/AP)

Auf Barbora Krejcikova hatte vor den French Open kaum jemand gesetzt - nun ist sie die erste Tennisspielerin seit dem Jahr 2000, die Roland Garros sowohl im Einzel als auch im Doppel gewinnt. In ihrem größten Moment dankt sie ihrer verstorbenen Mentorin Jana Novotna: "Sie weiß, was das für mich bedeutet. Und ich weiß, was es für sie bedeutet hätte."

Von Barbara Klimke, Paris/München

Das Ende eines Turniers hat den Nebeneffekt, dass manches wieder auf ein Normalmaß zusammenschnurrt. Der Pokal der French Open im Tennis ist ein besonders prächtiges Beispiel. Riesig wirkt dieses Silbergefäß, die Coupe Suzanne-Lenglen, wenn sie auf dem Court Central unter dem Applaus des Publikums in die Arme der Siegerin wandert. Aber was schließlich in der Reisetasche verschwindet, ist nur die Schrumpfversion. "Ich bekomme eine Nachbildung, die ist ein bisschen kleiner", erläuterte Barbora Krejcikova nach dem Frauen-Finale in Paris. Gern hätte sie das schönere Original mitgenommen, um es zu Hause im Tennisklub ihrem Jugendtrainer zu zeigen. Aber sei's drum. "Über die andere werde ich mich genauso freuen."

Es ist wohl nicht zu erwarten, dass Barbora Krejcikova, 25, aus Ivancice bei Brünn die Dinge künstlich überhöht, nur weil sie am Samstag das Einzel des berühmtesten Sandplatzturniers gewonnen hat. Und tags darauf auch noch im Doppel in Paris mit ihrer Partnerin Katarina Siniakova siegte, 6:4, 6:2, gegen das Duo Bethanie Mattek-Sands/Iga Swiatek. Sie ist nun die erste Spielerin seit der Französin Mary Pierce im Jahre 2000, der ein solcher Zweifachtriumph in Roland Garros gelang. Aber im Grunde, so sinnierte Barbora Krejcikova, betrachte sie sich weiterhin "als das Mädchen aus der kleinen Stadt, das an der Tenniswand angefangen hat".

Noch vor einem Jahr, vor ihrem erstaunlichen Lauf auf den Ascheplätzen in dieser Saison, wurde sie in der Weltrangliste als Nummer 115 geführt. Sie war eine unter vielen. Als die Pandemie im vergangenen Sommer den Turnierbetrieb unterbrach, trainierte sie zuhause mit ihren tschechischen Kolleginnen und trat bei ITF-Turnieren an, einer unterklassigen, wenig beachteten Kategorie. Das hat ihr geholfen, nicht nur spielerisch, wie sie sagte. Sondern auch, weil es ihren Blick für das Leben und das Leiden der Mitmenschen schärfte. In dieser Zeit habe sie ihre eigenen Erfahrungen als Sportlerin relativierend überdenken können: "Nun, ich gehe raus, spiele Tennis und verliere", sagte sie. "Aber es gibt andere, die tatsächlich ihr Leben verlieren." Schon in der Möglichkeit, überhaupt unbehelligt ihrem Sport nachgehen zu können, erkannte sie ein hohes Gut.

Für Krejcikova waren die French Open im Einzel überhaupt erst das fünfte Major-Turnier

Unter Weltklassespielerinnen finden sich solche, die sich von ihrem Helfertross die Tasche tragen lassen. Und solche, von denen die Anekdote kursiert, dass sie zu Hause in ihrem Heimatklub zur Matte greifen, um den Platz abzuziehen. Von Krejcikova, die 2018 bereits die Doppel-Wettbewerbe von Wimbledon und Paris mit ihrer Dauerpartnerin Siniakova gewonnen hatte, heißt es, sie gehöre eher zur zweiten Kategorie. Sie ist nicht in Jubel ausgebrochen, als sie das Endspiel gegen Anastasia Pawljutschenkowa 6:1, 2:6 und 6:4 gewann. Sie hat sich auch nicht rücklings in den roten Sand geworfen. Stattdessen blieb sie eine Weile mit fast versteinertem Gesicht auf ihrem Hocker sitzen, als könne sie es nicht fassen, dass eine Grande Dame des Tennis, Martina Navratilova, sich anschickte, ihr die Trophäe zu überreichen.

Sie waren beide Debütantinnen im Einzel-Finale, Krejcikova wie Pawljutschenkowa. Aber die fünf Jahre ältere russische Gegnerin hatte immerhin einen sehr langen Anlauf genommen: Für sie war es bereits der 52. Grand-Slam-Wettbewerb ihrer Karriere, sie gehört seit Jahren zum Tennisestablishment. Dagegen ist Krejcikova gewissermaßen auf dem Sprungbrett mit einem Salto in die Elite gehüpft. Als Solistin waren die French Open für sie überhaupt erst das fünfte Major-Turnier; ihren ersten Titel auf der Tour hatte sie vor zwei Wochen in Straßburg gewonnen. Nun wird sie in einem Atemzug mit Hana Mandlikova genannt, der bis dato letzten Tschechin, die 1981, damals für die CSSR, gewann. Als sich Martina Navratilova die beiden Paris-Trophäen ihrer 18 Grand-Slam-Trophäen umfassenden Sammlung sicherte, 1982 und 1984, trat sie für die USA an.

2021 French Open - Day Fourteen

Es dauerte eine Weile, bis die Tschechin gelöst wirkte - hier neben der legendären Martin Navratilova.

(Foto: Clive Brunskill/Getty Images)

Navratilova war es, die am Samstag in ihrer kurzen Hommage auf dem Platz an Krejcikovas Entschlossenheit, an ihren Mut erinnerte. Doch nicht so sehr deren couragierte Slice-Bälle im Finale hatte sie dabei im Sinn, sondern eine Episode, die sieben Jahre zurückliegt. Damals, 2014, war eine weitere berühmte Tennisspielerin des Landes, die Wimbledonsiegerin Jana Novotna, nach Brünn zurückgekehrt, und Krejcikova nahm ihr Herz in die Hand und - so erzählte es Navratilova dem Publikum - klopfte an Novotnas Tür. Novotna lud die jugendliche Athletin ein paar Tage später zu einer Tennisstunde auf den Platz ein. Sie blieb für Krejcikova eine hingebungsvolle Trainerin, Beraterin und fürsorgliche Freundin bis zu ihrem frühen Tod im Alter von nur 49 Jahren im November 2017.

Alles, so erzählte Krejcikova am Samstag, habe sie ihrer Mentorin zu verdanken: die frühen Erfolge als Doppelspielerin und ebenso den Triumph nun in Paris. "Wir haben uns sehr verbunden gefühlt", bis zum Schluss blieb sie an der Seite der krebskranken Jana Novotna. "Fast ihre letzten Worte waren: Versuch, mit Freude zu spielen und einen Grand Slam zu gewinnen", sagte Krejcikova: "Ich weiß, dass sie mir von irgendwoher zusieht. Alles in den letzten beiden Wochen ist passiert, weil sie auf mich achtgibt, und ich danke ihr dafür."

Telefonate mit der Sportpsychologin halfen, die Nerven zu beruhigen

Das Training wird mittlerweile von Petr Kovacka geleitet. Und auch die Hilfe einer Sportpsychologin hat Barbora Krejcikova während des Turniers regelmäßig in Anspruch genommen. Noch kurz dem Achtelfinale gegen die US-Amerikanerin Sloane Stephens plagten sie Versagensängste: "Panik", wie sie sagte. Erst nach einem beruhigenden Telefonat mit der Psychologin hatte sie ihre Nerven im Griff.

Auch am Samstag sprintete sie leichtfüßig ins Finale. Sie ließ sich zwar gleich zu Beginn den ersten Aufschlag abnehmen, aber noch ehe ihre Gegnerin richtig in Tritt gekommen war, hatte sie ihr reihenweise unerreichbare Slice-Bälle vor die Füße gespielt. Den zweiten Satz dominierte Pawljutschenkowa fast ebenso souverän: Die Russin besann sich auf ihren Paradeschlag, wuchtete die Bälle die Linie entlang. Im dritten Durchgang hielt Pawljutschenkowa, mittlerweile mit dick bandagiertem Oberschenkel, das Match bis zum 2:2 offen, dann zog Krejcikova davon und konnte mit dem dritten Matchball den Schlusspunkt setzten.

Sie ist nun die sechste Solistin in Serie, die bei den French Open ihr erstes Grand-Slam-Finale gewinnt. Aber um Zufall, sagte sie, handele es sich nicht. Jana Novotna habe gewollt, dass sie siege. "Sie weiß, was das für mich bedeutet. Und ich weiß, was es für sie bedeutet hätte."

© SZ/mp
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