French Open Djokovic ist nun ein Spieler wie jeder andere

0:6 im dritten Satz: Novak Djokovic scheitert bei den French Open.

(Foto: Getty Images)
  • Titelverteidiger Novak Djokovic verliert in Paris in drei Sätzen gegen Dominic Thiem.
  • Aus dem sportlichen Tief hat sich der ehemalige Weltranglistenerste noch lange nicht befreit.
  • "Das tut mir jetzt ein bisschen weh. Das ist kein schönes Bild dieser Legende", sagte Boris Becker.
Von Gerald Kleffmann, Paris

Der Sieger stand auf dem Platz namens Court Suzanne Lenglen am Mikrofon, das ihm Ex-Profi Cedric Pioline hinhielt. Fast schon demütig würdigte er seine eigene Tat. Er brachte mit ruhiger Stimme seine Freude zum Ausdruck, dass er ja nun im Halbfinale dieser French Open stehe, wie er es schon vor genau einem Jahr geschafft hatte. Er hätte gut agiert, "den Ball sauber getroffen", analysierte er, und mit Blick auf den kommenden Gegner, den neunmaligen Roland-Garros-Champion Rafael Nadal, sagte er schmunzelnd mit leiser Ironie: "Es ist unglaublich, wie schwer es ist, bei einem Grand Slam tief ins Turnier vorzustoßen. Es wird nicht leichter am Freitag."

Nadal ist ja wieder erstarkt und auf Sand in diesem Jahr unterwegs wie eine Planierraupe. Am Mittwoch führte er 6:2, 2:0, ehe sein spanischer Landsmann Pablo Carreno Busta wegen einer Bauchmuskelzerrung aufgab. Alles wäre also nett und doch unspektakulär gewesen - wenn der Sieger dieses 7:6 (5), 6:3, 6:0 Novak Djokovic geheißen hätte.

Aber es war Dominic Thiem, der da bei Pioline stand und lächelte.

French Open Österreicher führt Novak Djokovic vor
French Open

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Der Vorjahressieger verliert bei den French Open gegen Dominic Thiem - und das sogar ziemlich deutlich. Simona Halep wehrt einen Matchball ab.

Zwölf Punkte in Serie verloren

Dem 23-jährigen Österreicher, Nummer sieben der Weltrangliste, einem der größten, Tennis schuftenden Talente, war eine Machtdemonstration gelungen. Der erste Satz verlief noch auf Augenhöhe, 73 Minuten lang. Dann nahm das Raunen der Zuschauer zu, sie sahen etwas, das in dieser Liga selten vorkommt: einen Klassenunterschied. "Das tut mir jetzt ein bisschen weh. Das ist kein schönes Bild dieser Legende", sagte Boris Becker, der Djokovic drei Jahre lang trainiert und zu sechs grandiosen Grand-Slam-Triumphen geführt hatte, als Eurosport-Kommentator.

Wahrscheinlich muss man bis in die Jugend Djokovics zurückgehen, um eine Phase zu finden, in der sein Spiel derartig auseinanderbrach wie Mitte des dritten Satzes. Zwölf Punkte in Serie verlor er nicht nur - er überreichte sie Thiem auf dem Tablett. Mit Bällen, die er am Rahmen traf. Bällen, die nicht knapp, sondern weit im Aus landeten. Bällen, die tief unten ins Netz segelten. Oft winkte er kopfschüttelnd ab. Er beeilte sich häufig und schlug schnell auf, als wolle er, dass alles rasch vorbei ist. Dies war das Bild, von dem Becker so treffend sprach.

Und es war eines, das Novak Djokovic von sich zeichnete. Die Quintessenz seiner Worte: Von seinem sportlichen Tief, dessen schleichender Prozess mit dem erlösenden, weil einzig damals noch fehlenden Grand-Slam-Titel vor einem Jahr in Paris eingesetzt hatte, ist er lange nicht erholt. Daran ändert auch die Euphorie wenig, die er mit der spontanen Verpflichtung von Andre Agassi als Hin-und-wieder-Trainer in sich bewirkte. Im Grunde, das schwang in seinen kritischen Selbstbetrachtungen mit, ist er jetzt ein Spieler wie jeder andere.