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French Open:Der Schutzengel aus der geheimen Ecke

French Open

Silber und Stahl: Novak Djokovic mit dem Siegerpokal, Coupe des Mousquetaires, vor dem Eiffelturm in Paris.

(Foto: Christophe Archambault/Pool via Reuters)

Novak Djokovic' Triumph bei den French Open beweist, dass er jede Hürde seines Sports zu meistern weiß. Zur Belohnung darf er von etwas träumen, das nicht einmal Roger Federer noch Rafael Nadal geschafft haben - den Golden Slam.

Von Milan Pavlovic, Paris/München

Die Veranstalter der French Open hatten offenbar die Ahnung, dass ein Ehrengast nicht ausreichen würde. Also lotsten sie außer Björn Borg (elf Grand-Slam-Titel, davon sechs in Paris) einen weiteren Helden von einst zur Übergabe des Einzeltitels. Jim Courier - oder Dschimm Kuri, wie die Conférencière laut und sehr französisch rief - hat in seiner Karriere immerhin vier große Titel gesammelt. Macht zusammen 15. Aber bei Novak Djokovic muss man inzwischen noch etwas drauflegen, er kommt seit Sonntag auf 19. Um sicher zu gehen, ihn zu übertrumpfen, sollte man zukünftig schon einen Black Jack präsentieren, vielleicht also einen Boris Becker (sechs große Titel) dazu nehmen.

Novak Djokovic war mächtig zufrieden nach seinem zweiten Triumph in Paris, und sein Lächeln steigerte sich zu einem Grinsen, als den Zuschauern gesagt wurde, er sei der erste Spieler der Profi-Ära, der jedes der vier Majors mindestens zweimal gewonnen hat. "Natürlich bin ich sehr stolz, Teil der Geschichte meines Sports zu sein", sagte der 34-Jährige. Die Namen Nadal oder Federer fielen nicht, die langjährigen Galionsfiguren, die nur noch knapp vor ihrem Verfolger liegen, waren aber dennoch immer präsent - freilich in einer anderen Rolle als sonst: Dies ist ein Rekord, der ausschließlich Djokovic gehört. "Ich könnte nicht glücklicher über die Geschehnisse der vergangenen 48 Stunden sein", sagte der Serbe angesichts seiner hypnotischen Siege gegen Rafael Nadal und Stefano Tsitsipas.

Djokovic findet einen Weg in Tsitsipas' Kopf.

Djokovic untertrieb allerdings, denn seine komplette zweite Woche in Paris war für die Geschichtsbücher. Er meisterte im Achtelfinale den Ansturm des italienischen Teenagers Musetti (und einen Sturz aufs rechte Handgelenk), bewahrte die Ruhe gegen Musettis starken Landsmann Berrettini (trotz eines weiteren Sturzes aufs rechte Handgelenk), verkraftete die anfänglichen spielerischen Watschn von Nadal im Halbfinale und einen 0:2-Satzrückstand (sowie einen kapitalen Sturz im ersten Durchgang) im Endspiel gegen Tsitsipas.

Vor allem gegen den Griechen sah es schlecht aus. Djokovic wirkte in jeder Hinsicht müde nach den Anstrengungen gegen Nadal. Hatte er die höchste Hürde, die dieses Turnier zu bieten hatte, nicht schon geschafft? Spielte Tsitsipas wirklich noch effektiver? Der Serbe lief unrund, als habe er zu lange auf einem einen biegbaren Kleiderbügel schief gehangen. Er sah verloren aus. "In mir meldeten sich zwei Stimmen", erklärte er später. "Die eine sagte mir, dass ich es nicht schaffen könnte. Diese Stimme war nach dem zweiten Satz sehr stark." Die andere Stimme aber habe ihn angetrieben, "immer wieder habe ich mir selbst gesagt, dass ich das schaffen kann".

Ein junger Zuschauer treibt den Serben an

Zwei andere Dinge halfen beim beeindruckenden Comeback. Wie schon in der Partie gegen Musetti verließ er den Platz nach dem zweiten Satz und wirkte nach seiner Rückkehr physisch und psychisch erfrischt. In der Kabine seien "meine Schutzengel, ich habe da eine spezielle Ecke; ich will das Geheimnis nicht lüften, es hat mir so oft geholfen". In jedem Fall habe er danach besser "in meinen Rhythmus gefunden - und in Tsitsipas' Kopf". Der Grieche, der bis dahin ohne jede Nervosität aufgetreten war und dem nicht anzumerken war, dass er kurz vor dem Finale vom Tod seiner Großmutter erfahren hatte, wurde einen Tick ungenauer, dadurch ungeduldiger und dadurch noch ungenauer. Es fehlten bloß Zentimeter - aber das reicht auf diesem Niveau.

Zusätzliche Hilfe kam von der Tribüne. Ein Junge feuerte Djokovic an "und gab mir taktische Anweisungen: Halte deinen Aufschlag, diktier das Spiel, spiel auf seine Rückhand. Er hat mich gecoacht". Es war ein charmanter Widerspruch zur These des Gewinners, "dass man da draußen auf sich gestellt" sei. Djokovic war angetan, schenkte dem Jungen einen Schläger und sagte dann ernst: "Man kann noch so viel Unterstützung von seinem Team bekommen - wenn man nicht fähig ist, seinen Weg in bestimmten Situationen allein freizuschaufeln, dann ist das Spiel vorbei."

Stürzen und aufstehen: Auch diese Tennisdisziplin meistert Novak Djokovic inzwischen.

(Foto: Martin Bureau/AFP)

Djokovic bemüht das volle Repertoire, um zu gewinnen; von der Ausdauer aus unerbittlichen Trainingsstunden über die Ernährung (und die Entbehrungen) bis hin zu den mentalen Spielchen auf dem Platz. Vor allem Letzteres missfällt einigen.

Wenn Djokovic Nettigkeiten oder Schokolade verteilt; wenn er seine Widersacher lobt oder gelungene Schläge des Gegners beklatscht (und sei es ein abgewehrter Satzball); wenn er Mitgefühl für bezwungene Gegner wie Tsitsipas äußert oder Kontrahenten, die Angst vor vollen Flugzeugen haben, im Privatflugzeug mitnimmt - dann wirkt das auf manche Beobachter aufdringlich, auf andere gekünstelt oder gönnerhaft, auf manche sogar verlogen. In Wahrheit aber steckt dahinter eine Hoffnung auf Harmonie und ein nachgerade angeborenes Bedürfnis, geschätzt, ja geliebt zu werden. Erst die skeptische Reaktion auf Djokovic' Herzlichkeit führte über die Jahre dazu, dass der Serbe sich im Schatten von Publikumslieblingen wie Roger Federer und Rafael Nadal lange missverstanden und oft ungerecht behandelt fühlte. Genau das aber war wohl der Nährboden für Djokovic' unstillbaren Heißhunger auf Erfolg.

Seit 2011 hat Djokovic 18 Grand-Slam-Titel gesammelt - Nadal und Federer zusammen 15.

Nadal wirkt auf dem Platz noch unersättlicher, weil er seine Gegner regelmäßig wie eine Planierraupe überrollt. Aber die Zahlen beweisen, warum die Diskussion um den GoaT, den Greatest of all Time, sich langsam dreht. Seit 2011, als Djokovic seine zweite Grand-Slam-Trophäe errang, hat der Serbe 18 große Titel gewonnen - Federer und Nadal kommen im selben Zeitfenster zusammen auf 15. Ob Djokovic diese Werte je erreicht hätte, wenn er Everybody's Darling gewesen wäre? Wenn er nicht unbedingt Federer und Nadal hätte einholen wollen? Unvergesslich ist die Phase 2016, als der Serbe nach seinem ersten Triumph in Paris im Besitz aller vier Grand-Slam-Titel war - und prompt für eine Weile den Fokus verlor.

Niemand sollte allerdings darauf setzen, dass dies wieder passiert. Trotz aller Müdigkeit kündigte Djokovic in Paris an: "Große Titel sind das, was mich motiviert." Bis Anfang September folgen nun drei große Turniere, schon nach Wimbledon könnte es im Dreikampf der Legenden 20:20:20 stehen. Olympiasieger wäre ein feiner Titel auf der Visitenkarte. Und bei den US Open im September könnte Djokovic im Idealfall den Golden Slam vervollständigen - also alle vier großen Turniere innerhalb eines Jahres gewinnen. Roger Federer und Rafael Nadal haben das nie geschafft.

© SZ/pps/bkl
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