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French Open:Die beängstigende Ruhe des Andy Murray

FILE PHOTO: French Open

Andy Murray: Wie sein Weg weitergeht, scheint ungewiss zu sein

(Foto: REUTERS)

Der dreimalige Grand-Slam-Sieger hinterfragt nach seinem Aus in Paris sein eigenes Spiel und offenbart Zweifel. Mats Wilander geht mit dem Schotten noch härter ins Gericht.

Von Gerald Kleffmann

Einmal zeigte er sichtbar Emotionen. Auch über den Fernsehbildschirm war das erkennbar. Aber da war es schon zu spät. Eigentlich sind ja Andy Murray und Stan Wawrinka mehr als nur Kollegen, sie schätzen einander und haben vor ein paar Tagen zusammen trainiert, auf dem Court Philippe-Chatrier. Da wussten sie noch nicht, dass sie in der ersten Runde dieser French Open sich dort gleich wieder als Gegner treffen würden. Am Sonntagabend fand dann dieses von der Tennisszene mit Spannung erwartete Match statt - beide, der Schotte und der Schweizer, haben in ihrer Karriere je drei Grand-Slam-Titel errungen. 2017 duellierten sie sich im Halbfinale von Roland Garros, nach fünf Sätzen wie ein Boxkampf mit Hieben und Schwingern gewann Wawrinka. Berechtigterweise war mit einer ähnlichen Auseinandersetzung zu rechnen.

Und dann? War nach 1:37 Stunden alles vorbei. Tennis kann grausam sein. Vor allem: grausam transparent.

6:1, 6:3, 6:2 siegte Wawrinka, dem eine solide Wawrinka-Leistung mit tollen Rückhänden, Winkelspiel und präzisem Service reichte. Für sein schönes Sixpack, seine Bauchmuskeln, das er so gerne auf Fotos zeigt, war das keine allzu kraftraubende Schicht. Murray gab später zu, dass er sich bewusst vorgenommen hatte, ruhig zu bleiben, egal, was passiert, er neigt ja zu Ausbrüchen. Und er war wirklich ruhig geblieben. Beängstigend ruhig.

Als sich die beiden am Netz aber zum obligatorischen Schlägerkopf-Abklopfen trafen, das in Corona-Zeiten den Händedruck ersetzt, wischte Murray nur kurz über Wawrinkas Rackett. Mied den Blick. Schaute sofort weg. Seine Augen: grollten. Er war stinksauer. Stille Wut kann manchmal noch viel intensiver sein als eine Tirade aus Selbstbeschimpfungen, worin Murray zweifellos eine seltene Koryphäe ist.

Sein Schweigen im Moment der Gratulation offenbarte indes die besondere Schwere dieser Niederlage, und es ist fast schicksalhaft zu nennen, dass es wieder eine gegen Wawrinka war, die seiner Karriere einen Richtungswechsel geben könnte. Als Murray 2017 jene Partie gegen den nun 35-Jährigen aus Lausanne verloren hatte, sei es das mit seiner Hüfte gewesen, verriet er später. Künstliche Gelenke sind nun implantiert. Er versucht seitdem, wieder der Alte zu werden, dieser die Kontrahenten zermürbende Konterspieler. Am Sonntagabend aber, bei der Video-Pressekonferenz, wirkte er selbst zermürbt.

In Wilanders Aussagen schwingt Götterdämmerung mit

Er wolle sich "hart analysieren", teilte er mit, um zu verstehen, "wie diese Leistung zustande kam". Murray - das ist seine Situation mit 33 und einem Körper, der laut seiner Einschätzung nie mehr so fit wird wie früher - überlegt, sein Spiel zu reformieren. Nur wie? "Ich denke nicht, dass das einfach für mich ist in dieser Phase der Karriere, auch wenn ich das schon in Betracht gezogen habe." Murray weiß selbst, dass er nie mehr einer wird, der ans Netz geht und viele direkte Gewinnschläge schlägt. In Paris versuchte er auch Positives zu sehen. Dass er den Ball noch gut treffe, nur eben oft mit zu wenig Geschwindigkeit, beim Return, beim Aufschlag. Dass er kürzlich in den USA Alexander Zverev besiegte. Dass er nun Zeit habe, sich auf die zwei Hallenturniere in Köln nach den French Open vorzubereiten. Ein Trost war dies alles trotzdem nicht. Er wusste auch: "Selbst wenn ich besser gespielt hätte, wäre das keine Garantie gewesen, das ich das Match gewinne."

An diesem trüb-nieseligen Herbsttag in Paris erkannte Murray seine Grenzen - einst einer der großen Vier, der Big Four, wie Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic und er genannt wurden. Es war Murray anzurechnen, dass er die Größe besaß, sich selbst derart zu reflektieren und zu hinterfragen.

Er besaß schon immer Haltung. Umso interessanter wäre seine Meinung zu manchen Gedanken, die am Abend Mats Wilander, 56, in seiner Rolle als Experte bei Eurosport geäußert hatte. Der dreimalige French-Open-Sieger scherte sich schon immer wenig um Kritik an seiner Kritik; unvergessen, wie er in den Nullerjahren Roger Federer vorwarf, ihm "fehlten die Eier", um gegen Rafael Nadal auf Sand zu bestehen. Der Legende nach hat der Schweizer lange nicht mit Wilander geredet.

Diesmal sezierte der Schwede den ehemaligen Weltranglisten-Ersten Murray schonungslos und fragte in einer Mischung aus Mitgefühl und Vorwurf: "Ich mache mir Sorgen um Andy. Ich würde wahnsinnig gerne von ihm hören, dass er sagt, warum er hier draußen ist. Er gibt uns eine falsche Hoffnung zu glauben, dass er eine Tages zurückkommt." Er wurde sogar noch vorwurfsvoller: "Murray sollte aufhören, nur an sich zu denken, und daran denken, wer er mal war. Hat er das Recht, da draußen zu sein und jüngeren Spielern Wildcards wegzunehmen?" In den Aussagen schwang Götterdämmerung mit.

Natürlich dauerte es auch in diesem Fall nicht lange und Wilander wurde in Sozialen Medien angegangen. Aber auch diese Reaktionen ändern nicht, dass Andy Murrays sportlicher Weg tatsächlich in der Schwebe ist. Vorerst behilft er sich mit einer Eigenschaft, die ihn oft auszeichnete: durchhalten. "Ich mache weiter. Schauen wir, was die nächsten Monate bringen", sagte er, "ich gehe davon aus, dass ich so ein Match bis Ende des Jahres nicht noch mal spiele." Wirklich überzeugt klang er nicht.

© SZ vom 29.09.2020

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