Alexander Zverev bei den French Open:Paris, ein Jahr danach

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Im Juni 2022 verletzte sich Alexander Zverev im Halbfinale gegen Rafael Nadal schwer am Fuß - ein Jahr später kämpft er immer noch mit den Folgen der Verletzung. (Foto: Thibault Camus/dpa)

Alexander Zverev kehrt an den Ort zurück, an dem er sich vor einem Jahr so schlimm verletzte. Seine frühere Klasse hat er noch nicht wiedererlangt, doch er gibt sich kämpferisch - vor allem in Richtung seiner Kritiker.

Von Gerald Kleffmann, Paris

Auch vor diesen 127. French Open, die 1891 das erste Mal stattfanden, also in jenem Jahr, in dem erstmals ein Telefonat von Paris nach London geführt wurde und der gute alte Paul Gauguin nach Tahiti aufbrach, fand der Media Day statt. Der Reihe nach werden die besten Akteure der Tennisszene in den Pressekonferenzraum geschickt. Auch ein paar französische Profis werden gerne dazwischengeschoben, wobei man dieses Mal den Eindruck haben konnte, dass vielmehr Carlos Alcaraz, Iga Swiatek, Elena Rybakina und Ons Jabeur als Statisten einige Vertreter des stolzen Gastgeberlandes flankierten. Vor einem Jahr noch zählte auch Alexander Zverev, 26, zu diesen Auserwählten, die vor der Weltpresse platziert wurden, doch dass er nun in der One-on-One-Area auf einem weißen Lederstuhl saß, umgeben nur von deutschen Reportern, die teils auf Hockern kauerten, und tropischen Zimmerpflanzen, dokumentierte: Die Lage für den so lange besten deutschen Spieler hat sich verändert.

"Jetzt sitzen wir hier an einem kleinen Tisch", sagte Zverev grinsend, und konstatierte: "Das ist angenehm für mich auch irgendwie. Ich weiß, dass ich meine Ruhe bekomme in den nächsten zwei Wochen hoffentlich." Er stockte. "Natürlich werde ich nicht meine Ruhe haben, wenn ich in zwei Wochen noch dabei bin." Ein bisschen was möchte er ja schon erreichen an jenem Ort, an dem er vor zwölf Monaten aus dem Höhenflug-Orbit geworfen wurde.

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3. Juni 2022, Halbfinale gegen Rafael Nadal, Tie-Break zweiter Satz. Zverev rutscht zu einem Ball, knickt um, ein Schrei. Sieben Bänder, ergab die Diagnose, waren im rechten Fuß gerissen. Es war keine Fehleinschätzung Zverevs später, als er meinte, dass er vielleicht Nadal, der dann seinen 14. Titel in Roland Garros holte, hätte stoppen können. Er war in exzellenter Form. Vielleicht hätte er sein erstes Grand-Slam-Turnier gewonnen, wer weiß. Stattdessen folgten: Operation, Reha, Rückschläge, Ende 2022 die Rückkehr, frühe Niederlagen, kürzlich löste ihn Jan-Lennard Struff als deutsche Nummer eins ab, was sich in dieser Woche wieder ändert.

Als 27. der Weltrangliste startet Zverev an diesem Dienstag in den Wettbewerb, gegen den Südafrikaner Lloyd Harris, 26 (Jan-Lennard Struff schied derweil am Montag mit 5:7, 6:1, 3:6, 6:3, 1:6 gegen den Tschechen Jiri Lehecka aus, die zweite Runde erreichte Daniel Altmaier mit einem 6:3, 6:4, 6:4-Erfolg gegen den Schweizer Marc-Andrea Huesler). Er fuhr sich mit der Hand durch die Mähne, die durchaus einen Schnitt vertragen könnte, und sagte: "Ich freue mich einfach, hier zu sein. Diesen Termin habe ich schon sehr, sehr fett markiert. Vor allem nach dem, was letztes Jahr passiert ist, ist es schon das Turnier, auf das ich mich am meisten freue."

Zverev trennt sich von seinem Trainer

Traumatisiert von den Ereignissen des Vorjahres ist Zverev nicht, wenngleich er nicht definitiv Auskunft geben konnte, wie seine Emotionen bezüglich des Hauptstadions, in dem er sich verletzt hatte, sind. "Es wird vielleicht anders sein, wenn ich das erste Mal wieder auf dem Chatrier bin, wenn ich das erste Mal dort spiele. Dann kann es schon sein, dass es für mich andere Gefühle sind." Dass die zurückliegende Zeit die schwierigste seiner Karriere war, bestätigte er indes sofort: "Darüber brauchen wir gar nicht reden. Wenn ich sieben Monate davon gar nicht spiele und die nächsten drei Monate mit Schmerzen spiele und mich irgendwie zurückkämpfen muss, ist es immer nicht einfach." Immerhin konnte er jetzt sagen: "Ich bin froh, dort zu sein, wo ich gerade bin. Ich bin gesund, ich bin schmerzfrei. Das ist für mich die Hauptsache. Das Tennisspielen werde ich nicht verlernt haben."

Das mag so sein, doch seine frühere Klasse hat Zverev noch nicht wiedererlangt, davon zeugte eine Nachricht, die er am Ende seiner Erklärungen und erst auf Nachfrage kommunizierte. Der Spanier Sergi Bruguera, 52, der zweimal in Paris siegte, reiht sich ein in die Liste der von Zverev verschlissenen Trainer (Ivan Lendl, Juan Carlos Ferrero, David Ferrer), diesmal aber sei alles harmonisch verlaufen bei der Trennung, machte er deutlich. Inhaltliche Differenzen gab es schon. "Ich, mein Vater und Sergi haben jetzt vielleicht nicht dieselbe Meinung dazu, wie ich Tennis spielen sollte, welche Art Tennis ich spielen sollte nach der Verletzung" befand Zverev, der Bruguera einen "Supertyp" nannte, "er hat mir extrem geholfen in den eineinhalb Jahren". Vorerst wird ihn wieder Vater Alexander, zu Sowjet-Zeiten ein Spitzenspieler, führen, zumindest in Europa. Der Lübecker Tobias Kamke, 37, in Paris dabei, soll ihn dann einige Wochen alleine übernehmen.

McEnroe, Becker und Stich kritisieren Zverev

Vor der Verletzung, betonte Zverev, hätte er "einen gewissen Mut auf dem Platz" gehabt. "Für mich ist es an der Zeit, diesen Mut wiederzubekommen." Er ist jetzt also ein Suchender, aber er klang auch aufgeräumt und, ja, kämpferisch, auch bei einem anderen Thema. "Die Experten da draußen geben teilweise auch ziemlich dumme Kommentare ab." Er griff den Vorwurf der früheren Topspieler John McEnroe, Michael Stich und Boris Becker auf, dass er sich über die Jahre nicht weiterentwickelt hätte. "Ich bin 26 Jahre alt, und ich gehe immer noch davon aus, meine Ziele zu erreichen. Und mir nicht von Experten sagen zu lassen, dass ich nie wieder an der Spitze spielen werde. Das werde ich denen auch relativ zeitnah beweisen, dass das nicht stimmt." Vielleicht bei diesen French Open? "Ich möchte schon irgendwann einen Pokal bei einem Grand Slam gewinnen, das ist jetzt keine Frage."

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