Süddeutsche Zeitung

French Open 2019:Bald im Holozän

Lesezeit: 6 min

Vom Turnier in Paris wird außer dem Ärger über ein fehlendes Regendach auch das Scheitern der Favoritinnen in Erinnerung bleiben. Dazu manch bizarre Konflikte - und eine deutsche Überraschung.

Von Gerald Kleffmann, Paris

Ein Mann trat aus dem Eingang und linste als Erstes auf den Platz. Ein zweiter Mann folgte, auch er in Tenniskleidung, das war von oben im Court Philippe Chatrier zu erkennen. Er stellte die Tasche ab, die bei Tennisspielern so voll gepackt ist, als stünde eine Reise nach Nepal an. Die beiden sahen zu, was auf dem Centre Court los war. Es gefiel ihnen. Sie stellten sich mit dem Rücken zum Platz, und eine Frau schoss Fotos mit dem Handy. Kevin Krawietz und Andreas Mies hatten sich wie beim Mannschaftsfoto die Arme auf die Schultern gelegt. Sie zelebrierten diesen Moment an diesem Freitag.

Hinter ihnen trainierte: Roger Federer. Und sie würden gleich nach ihm dran sein.

"Absolut crazy", so hatte der Kölner Mies den Einzug ins Doppelfinale mit Partner Krawietz aus Coburg bezeichnet. "Surreal" sei es, dass sie als erste Deutsche seit 1993, als Marc-Kevin Goellner und David Prinosil das Endspiel in Roland Garros erreicht hatten, nun am Samstag um den Pokal kämpfen sollten. Nur Gottfried von Cramm und Henner Henkel hatten hier gesiegt als Deutsche, 1937.

Krawietz und Mies gingen schließlich auf den Platz, und als sie Federer passierten, klatschte er sie ab. Sie plauderten kurz. Hier der Star, dort die Nobodys. Ein Moment, wie ihn Federer, der 20-malige Grand-Slam-Sieger, oft erlebt. Für den Schweizer stand ja ein anderes Duell später auf dem Plan, eine erhoffte Schlacht gegen seinen Rivalen Rafael Nadal, im Halbfinale des Einzels. Für Krawietz und Mies bedeutete allein diese Begegnung die Welt.

Zwei Wochen haben die French Open hinter sich, sie gehen am Sonntag zu Ende, wenn der Himmel mitmachen sollte. In dieser Zeit ist viel passiert, das Turnier hat, wie von einer unsichtbaren Hand dirigiert, große Namen mit netten Außenseitern zusammengeführt. Angelique Kerber war nicht ganz fit, Andrea Petkovic verhandelt mit dem ZDF für einen Job als Sportmoderatorin, die Franzosen stellen wieder im Einzel keinen Sieger. Das weiß man jetzt alles, alle waren ja "embedded", wie eingebettet auf der Anlage am Bois de Boulogne, die eng ist, auch wenn das Areal erweitert wurde. Jeder läuft jedem in die Arme. Und dann steht da halt mal Federer und grinst verschmitzt. Oder Mies sitzt plötzlich im Pressekonferenzraum und erzählt, er habe bereits eine zweite Airbnb-Wohnung genommen, die aber nur bis Freitag gebucht - und er müsse sich noch bis zum Finale eine Unterkunft suchen. Zum Glück stellte sich heraus: Er musste nicht, wie im Spaß gesagt, "auf Chatrier schlafen". Er konnte in seinem Appartement bleiben, mit den anderen. Familie und Freunde waren angerückt. Solche Geschichten der Nobodys machen auch so ein Turnier aus.

Roland Garros ist eines der vier Grand-Slam-Events neben den Australian Open, Wimbledon und US Open. Mammutveranstaltungen sind sie alle, Olympische Spiele mit Filzball. Allein 42,661 Millionen Euro Preisgeld werden in Paris an die Teilnehmer aller Wettbewerbe verteilt. Die Fédération Française de Tennis hat zwar nicht das Schloss Versailles nachgebaut, aber nach Jahren kleinkarierter Streitereien mit Umweltschützern, Nachbarn und der städtischen Politik als letztes Grand-Slam-Event angefangen, die Anlage zu modernisieren. "Ich bin 13 Jahre nicht mehr hier gewesen", sagte Tim Henman, der smarte Engländer, als er im Spielercafé zu Turnierbeginn erschien. "Ich mag es." Henman, der es zum Entsetzen der Briten nie ins Wimbledon-Finale geschafft hatte, dem aber immerhin der "Henman Hill" hinter Court 1 im All England Club gewidmet ist, wird schon jetzt als möglicher Wimbledon-Chef irgendwann gehandelt.

In Wimbledon haben sie unter Nessun-Dorma-Geschmetter des Opernsängers Joseph Calleja das zweite monströse ausfahrbare Dach eingeweiht, und wie diplomatisch Henman ist, zeigt sich daran, dass er auch hätte sagen können: Endlich hat Roland Garros das Pleistozän verlassen und das Holozän erreicht, den gegenwärtigen Zeitabschnitt der Menschheitsgeschichte. Eine in Stein gemeißelte Auskunft darüber, wann endlich das Dach kommt, gibt es zwar nach wie vor nicht, manche Aussagen waren verwirrend. Spätestens 2021 dürfte aber über dem Hauptstadion, das immerhin binnen eines Jahres abgerissen und samt neuen gepolsterten Holzschalensitzen aufgebaut wurde, ein Dach für Regenschutz sorgen.

360 Millionen Euro hat die FFT in die Neugestaltungen investiert, und gerne würde man ihrem Präsidenten Bernard Giudicelli sagen, sie haben das gut hingekriegt, vor allem das neue drittgrößte Stadion, der Court Simonne-Mathieu für 5000 Zuschauer, ist ein Schmuckstück inmitten des Botanischen Gartens. Als Gegenleistung dafür, dass man ein Grundstück abgezwackt hat, haben sie vier Gewächshäuser um den Platz gebaut. Aber Giudicelli, Typ kerniger Funktionärspatron, der schon mal wegen Verleumdung belangt wurde, würde dann noch pfauiger über die Tribune Presidéntielle stolzieren.

Das französische Selbstbewusstsein hatte ja noch nie gelitten, auch als rückständigstes Grand-Slam-Turnier in Sachen Infrastruktur und Geräumigkeit nicht, und es ist immer wieder beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit Interviews mit Spielern auf dem Platz stets ins Französische übersetzt werden. Als wäre Englisch eine Sprache, die nur ein paar Menschen in den Urwäldern Brasiliens verstehen und nicht die globale Sprache Nummer eins. Sollte Giudicelli befürchten, der frankophile Charakter seiner zweiwöchigen Tennisfeier würde sonst zu wenig rüberkommen, müsste sich der 61-Jährige aber wahrlich keine Sorgen machen. Inzwischen weiß man ja auch, dass er die Bezeichnung "French Open" gar nicht mag und nur "Roland Garros" als Name gelten lässt. Und man weiß auch, was Roland-Garros-Preise sind: 16 Euro für acht Salatblätter. Wohltätigkeitsveranstaltungen finden woanders statt.

Das lässt sich auch an Debatten erkennen, die im Hintergrund eine solch pompöse Branchenmesse begleiten. Da ist sich doch jeder selbst der Nächste. Es gibt derart viele Interessenskollisionen, dass es ein Wunder ist, wieso die Uno nicht eingreifen muss. Während die FFT sich auf allen Kanälen wie ein Segen präsentiert, vertritt die ATP die Tennismänner, die WTA die Tennisfrauen, dazu wuseln nationale Verbandsvertreter umher, Agenten, Journalisten und TV-Angestellte. Und jeder will was vom anderen. Am anschaulichsten wurde das in der Posse um Serena Williams, die mal eben nach ihrem Drittrunden-Aus gegen die amerikanische Kollegin Sofia Kenin den Pressesaal für sich wollte, aber zack, zack. Dummerweise saß dort noch Dominic Thiem. Der Österreicher, im Männertennis "ein Star", wie Federer fand, flog hochkant raus. Oh là là, da war was los. Der 25-Jährige polterte ("It's a joke!"), der Weltverband ITF mauerte, von der piefig geführten WTA kam wie immer nichts, aber Krisenmeetings gab es schon, das sickerte als Information durch. Nur die Schuldfrage, wie dieses Durcheinander entstehen konnte, wurde final nicht geklärt.

Sollten manche Tennis-Herren in Paris aber über Williams und deren Divenhaftigkeit spötteln, sollten sie lieber bedenken, was hinter den Kulissen bei den Männern alles an Konfliktpotenzial wabert. In den Spielercafés, die Manager- und Turnierdirektorencafés heißen sollten, weil die Dichte dieser Spezies derart hoch ist, ist kaum zu überhören, wie sehr sich einige zum Beispiel an der gelegentlichen Vorzugsbehandlung der Lichtgestalt Federer stören. Der Laver Cup, den Federers Manager Tony Godsick aufzieht und der ein Showevent ohne Weltranglistenpunkte ist, zählt nun zum Kalender der ATP Tour. Einige Turnierdirektoren fühlen sich von der Entscheidung übergangen. Doch weil es sich um Federer handelt, mit dem es sich keiner verscherzen will, geht keiner an die Öffentlichkeit. Per Mail bittet ein Chef eines kleinen Turniers, dem nachgesagt wurde auszupacken: gerade nicht.

Sollten die Deutschen über solche Begebenheiten die Nase rümpfen, sollten sie bedenken, dass auch sie Spannungsthemen zu moderieren haben, etwa das größte Talent des Deutschen Tennis-Bundes betreffend. Rudolf Molleker, 18, hatte sich ins Hauptfeld gekämpft, verloren - und fehlende finanzielle Unterstützung moniert. "Wenn der DTB auf mich verzichten kann, ist das so", hatte Molleker gesagt. Er hätte gern Geld für einen Trainer. Dem entgegnete Dirk Hordorff, DTB-Vizepräsident, die Türen stünden für den Berliner "immer offen", nur: "Eine Voraussetzung für Unterstützung ist, für Deutschland zu spielen und das Land nicht zu wechseln." Man habe Molleker ein Angebot gemacht, der unterschrieb nicht. Am Ende wurde man aus diesem Fall nicht schlau, aber interessant sind solche Themen insofern, weil sie belegen: Es ist nicht alles so knarzfrei, wie es verkauft wird. Die Trennung von Thiem zum Beispiel von Ex-Manager Günter Bresnik soll nicht einfach ablaufen. Er müsse angeblich, wie Alexander Zverev bei seiner Trennung von Patricio Apey, eine sehr, sehr hohe Abfindung leisten, wolle er aus dem Vertrag raus. Dass Zverev und sein Coach Ivan Lendl in Paris nicht zusammenarbeiteten, kommt wiederum manchen im Spielercafé seltsam vor. Wie auch seltsam ist: Zverev war nach dem Aus gegen Novak Djokovic mit den Worten abgereist, er spiele erst in Halle. Am Freitag die Nachricht: Er tritt nächste Woche per Wildcard beim Stuttgarter Rasenturnier an.

Wenn es noch Konstanten im Welttennis gibt, muss man doch immer wieder auf Federer und Rafael Nadal zurückgreifen, die sich mit 37 und 33 Jahren souverän durchs Tableau gesiegt hatten und sich am Freitag das 39. Duell lieferten. Der Wind blies fies. Es wurde einseitig, 6:3, 6:4, 6:2 für den Spanier. "Ich hatte Minichancen, aber das reichte nicht, um so ein Match zu gewinnen", gab Federer zu. Der Frauenwettbewerb erlebte ja schwere Turbulenzen, sodass nun die Australierin Ashleigh Barty, 23, und die Tschechin Marketa Vondrouva, 19, im Finale am Samstag landeten. Aufgrund der Wetterkapriolen hatten die beiden ihre Halbfinals am Freitagvormittag bestritten, in den beiden kleineren Arenen, was aufs Schärfte verurteilt wurde. "Unwürdig" sei das gegenüber den Frauen, schimpfte Amélie Mauresmo, die frühere zweimalige Grand-Slam-Siegerin.

Nein, Roland Garros ohne Debatten wäre nicht Roland Garros. Das hat sich auch im Holozän nicht geändert.

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Quelle:
SZ vom 08.06.2019
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