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Freiwasser-Schwimmen:Ellenbogen ausgefahren

Die Freiwasser-Schwimmer feiern eine glänzende WM-Ausbeute: Mit fünf Medaillen sind sie plötzlich erfolgreichste Nation. Dahinter steckt ein Neuanfang.

Stefan Lurz verabschiedete sich mit einem Wutausbruch. Zwei Jahre ist das nun her, 2017 am Balaton, wo die Freiwasserschwimmer ihre Weltmeisterschaften gänzlich ohne Medaille beendet hatten. Es war das schlechteste Abschneiden seit 1994 und in seiner ganzen Enttäuschung kritisierte Bundestrainer Lurz auch Leonie Beck hart, die er in Würzburg selber trainiert. "Ein bisschen durchs Becken tingeln, dann hier tingeln und dann mal eben eine Medaille holen, das funktioniert einfach nicht", sagte Lurz über Beck, die sich als Beckenschwimmerin für seinen Geschmack im Vorfeld nicht ausreichend aufs offene Gewässer konzentriert hatte. Heute kann man feststellen: Getingelt wird bei den Freiwasserschwimmern nicht mehr.

Florian Wellbrock gewinnt in Südkorea Gold über 10 Kilometer und beschert Deutschland damit eine von fünf Medaillen.

(Foto: AFP)

Und so sind das dann auch ganz andere Bilder, die es von Stefan Lurz bei der WM in Südkorea zu sehen gibt: Nichts mehr mit Wutausbruch, Lurz ist überglücklich. Genauso wie seine Athleten. Finna Wunram drückte am Freitag glücklich das WM-Maskottchen Suri an ihren Bauch. Den kleinen Otter in grüner Badehose bekommen die Medaillengewinner hier alle, und Wunram war über 25 Kilometer nach über fünf Stunden zur Silber-Medaille gekrault. Nach der Nullnummer von 2017 steht die Freiwasser-Sparte nun plötzlich mit fünf Medaillen da, Platz eins in der Nationenwertung. Dass auf einmal so viel gejubelt werden kann, hat viel damit zu tun, dass die Deutschen sich jetzt durchbeißen können. Und dass man aus Fehlern gelernt hat.

Sie mussten das Durchbeißen lernen

Gleich zwei Goldmedaillen konnte der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) in dieser Woche bejubeln: Florian Wellbrock (zehn Kilometer) und die Mixed-Staffel sorgten für glänzende Momente. Wunram mit Silber (über 25 Kilometer) und Rob Muffels mit Bronze (zehn Kilometer) erzeugten zusätzliche Freudenstimmung im Team. Und auch Leonie Beck konnte nach der Ansage von Lurz dieses Mal triumphieren, eroberte über fünf Kilometer einen geteilten dritten Platz. "Wenn sie weiter so fleißig ist und Erfahrung sammelt, kann es noch den einen oder anderen Platz nach vorne gehen", sagte Stefan Lurz nun, Bruder des 2015 zurückgetreten Rekordsiegers Thomas Lurz.

Punzel/Massenberg gewinnen Bronze

Tina Punzel und Lou Massenberg haben bei der Schwimm-WM Bronze im Synchronspringen vom Drei-Meter-Brett gewonnen. Im nicht-olympischen Mixed-Wettbewerb sicherten die Europameister am Samstag die insgesamt sechste deutsche Medaille der Titelkämpfe in Südkorea. Mit 301,62 Punkten mussten sie sich nur knapp den siegreichen Australiern Maddison Keeney und Matthew Carter (304,86) sowie den Kanadiern Jennifer Abel und Francois Imbeau-Dulac (304,08) geschlagen geben. Für die Wasserspringer war es die erste Medaille der Titelkämpfe in Gwangju. dpa

Nach dem WM-Desaster vom Balaton haben sie im DSV vieles hinterfragt und die Vorbereitung voll darauf ausgerichtet, sich Härte im Wasser anzueignen. "Wir haben zusammen Trainingslager gemacht, vor allem aber mehr Wettkämpfe besucht, auch internationale, um Wettkampfhärte und Erfahrungen zu sammeln", sagte Lurz nun in Yeosu am ZDF-Mikrofon. Das war die größte Erkenntnis: Dass sie das Durchbeißen richtig trainieren müssen.

Anders als im Becken wird im Freiwasser gerangelt und gestoßen, bei Wenden und im Endspurt entscheidet dann schon mal die Robustheit. Die Nerven zu behalten, die Orientierung nicht zu verlieren, wenn die Gegner einen unter Wasser ziehen. "Das ist das Problem im Vorfeld der WM 2017 gewesen: dass wir versucht haben, das im Becken zu üben", sagte Lurz nun. Mit zwei oder drei Mann auf einer Bahn zu schwimmen sei allerdings kein Vergleich zu den 30 oder 40 Athleten, die zum Beispiel bei einer WM an manchen Stellen im Wasser aufeinandertreffen. Also absolvierten die deutschen Freiwasserschwimmer in diesem Jahr diverse internationale Wettkämpfe, nahmen Reisestrapazen in Kauf. "Die Jungs und Mädels haben geübt, die Ellenbogen ein bisschen auszufahren, sich durchzusetzen, sich nicht unterkriegen zu lassen", sagte Lurz.

Wellbrock hat auch im Becken große Medaillenchancen

Und diese Erfahrungen haben sich nun ausgezahlt. Im Rennen über zehn Kilometer entschied erst der Schlussspurt über die Medaillen, in dem sich Florian Wellbrock einer Attacke von Frankreichs Marc-Antoine Olivier erwehren musste. Olivier schwamm über seine Hüfte, "das hat ganz schön Kraft gekostet", berichtete Wellbrock später, doch für das schnellere Finish reichte es bei ihm doch. In der Mixed-Staffel setzte sich Freiwasser-Spezialist Rob Muffels auf den letzten Metern gegen den 1500-Meter-Olympiasieger Gregorio Paltrinieri aus Italien durch und bei Leonie Beck entschied über fünf Kilometer erst das Fotofinish über eine Medaille. Es sind enge Rennen gewesen, in denen selbst nach zehn Kilometern manchmal nur Sekundenbruchteile die Athleten von Medaillen trennten.

Ein entscheidender Faktor für die erstaunliche Ausbeute war für den Bundestrainer aber auch einer: Florian Wellbrock. "Er hat Selbstbewusstsein ins Team gebracht", sagte Lurz, "wir haben einen neuen Leader gefunden, der Druck aus dem Team nimmt." Die überzeugenden Auftritte des 21-Jährigen, der auch über 800 und 1500 Meter im Becken große Medaillenchancen hat, machten auch den Kollegen und Kolleginnen Mut. Er und Beck bringen als gelernte Hallenschwimmer enorme Grundgeschwindigkeiten mit, sie können Rennen gleich zum Start schnell angehen. Muffels und Wunram sind schon immer Freiwasser-Verliebte mit großen Kämpferqualitäten. Alle vier haben durch die guten Ergebnisse nun Startplätze für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr ergattert, wo nur über die zehn Kilometer Medaillen vergeben werden. "Ich bin positiver Dinge für Tokio 2020", sagte Stefan Lurz noch und freute sich über diese WM: "Das war eine Wahnsinns-Woche."