Freiburgs 3:0 gegen Leipzig Mit der Kraft des Kollektivs

Luca Waldschmidt (Mitte) feiert sein Tor gegen Leipzig.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Der SC Freiburg schlägt RB Leipzig überraschend hoch mit 3:0.
  • Die Mannschaft von Christian Streich überzeugt mit taktischer Intelligenz und hoher Laufbereitschaft.
  • Im Vergleich zum vergangenen Jahr hat der Trainer allerdings auch mehr Personal zur Verfügung.
Von Christoph Ruf, Freiburg

Großmäuligkeit kann man den Angestellten des SC Freiburg in der Regel eher nicht vorwerfen. Selbst vor DFB-Pokal-Erstrundenspielen in der Provinz warnt Trainer Christian Streich mit viel Emphase vor dem Gegner. Wer dem Mann über Jahre zuhört, bekommt schnell den Eindruck, dass es ihm noch heute, sieben Jahre nach seiner Amtsübernahme, wie ein Wunder vorkommt, dass er mit seinem Herzensverein überhaupt in der Bundesliga mitspielen darf. Es war deshalb auch nicht überraschend, was Streich nach dem starken 3:0-Sieg über Leipzig sagte, als er auf die kommenden Partien gegen Düsseldorf, Hannover und Nürnberg angesprochen wurde. Die Gefahr, dass seine Spieler die vermeintlich lösbaren Aufgaben lockerer angehen, sehe er nicht: "Dann hätte derjenige in den letzten Jahren ja auch gar nichts mitbekommen."

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Einiges mitbekommen haben dafür am Samstag die Leipziger Spieler. Drei Gegentore und eine Lektion, die manchen Leipziger zu bescheidenen Aussagen trieb: "Freiburg war gut", lobte Marcel Sabitzer "Wir haben es nicht geschafft, Fußball zu spielen."

Besser konnte man das Geschehen im Freiburger Winterregen nicht zusammenfassen, zumal der SC auch kämpferisch dominierte. "Der Schlüssel war heute, dass wir die Zweikämpfe gewonnen haben", bilanzierte deren Kapitän Mike Frantz, der das 3:0 geköpft hatte (52.). Zuvor hatten Nils Petersen (12.) und Luca Waldschmidt per Elfmeter (45.) getroffen. Petersen gelang dabei sein 37. Bundesligatreffer für Freiburg, damit hat er zum bisherigen Rekordhalter Papiss Demba Cissé aufgeschlossen.

Doch der zweimalige Nationalspieler, der sich - sollte er gegen Mitternacht noch wach gewesen sein - via "Aktuelles Sportstudio" noch ein paar nette Wort vom Bundestrainer anhören durfte, war an diesem Tag nicht der Mann des Tages. Ganz einfach, weil diese Ehre keinem einzelnen gebührte. Der SC erbrachte wie beim 1:1 in München den Beweis, dass es möglich ist, im Kollektiv Mannschaften vor unlösbare Probleme zu stellen, die individuell haushoch überlegen sind. Zum Beispiel durch enorme Laufbereitschaft (mal wieder 119 Kilometer). Oder durch taktische Rochaden wie den Wechsel von 5-2-3-1 auf 4-4-2. Oder durch das Kunststück, dass die Außenverteidiger, Lukas Kübler und Christian Günter, die Seiten abdeckten, immer wieder aber auch einrückten, um das Zentrum zu verdichten. Die Räume, die die an diesem Tag auch trantütigen Leipziger für ihr Umschaltspiel brauchten, entstanden so einfach nicht. "Wir haben heute relativ wenige direkte Duelle gewonnen", sagte RB-Trainer Ralf Rangnick, dessen Team mit nur acht Punkten in der Fremde signifikant schlechter abschneidet als zu Hause. "Das lag aber auch am Gegner."

Also an Spielern wie ebenjenem Günter, den die Redaktion der Stadionzeitung aufs Cover der aktuellen Ausgabe gesetzt hatte. Der Mann aus Tennenbronn im Schwarzwald zählte als Kind nicht zu den Hochbegabten in der Fußballschule. Doch mit viel Fleiß und Willen hat er es zu einem der besten Linksverteidiger der Liga gebracht - ein Freiburger Phänomen wie Robin Koch, den SC-Scouts in Lautern auftaten und der von Monat zu Monat besser wird. Am Samstag war er mit seiner Spielintelligenz und seinem Kopfballspiel auf der Sechser-Position einer der Besten auf dem Platz - und das als gelernter Innenverteidiger.

Ein weiterer Grund, warum der SC, der sich in der letzten Saison gerade mal so eben über die Ziellinie geschleppt hat, in dieser Spielzeit ein ganz anderes Bild abgibt, sind die Sommer-Transfers wie Waldschmidt, der als gescheitertes Versprechen vom HSV kam und immer stärker wird. Vor allem aber hat man in dieser Saison Alternativen auf der Bank. Statt 13, 14 potenziellen Erstligakandidaten sind es heuer eher 17, 18. Streich, vom Naturell her durchaus ein Skeptiker, wirkte dann nach dem Spiel auch fast schon beschwingt, als er zugab, dass es "ein extremer Unterschied" sei, "ob man jetzt 14 oder 17 Punkte hat. Das beruhigt nicht, hilft aber extrem."

Zumal dann, wenn man Spieler hat, die sich nicht über einen gelungenen Nachmittag freuen können. Frantz schüttelte jedenfalls energisch den Kopf, als er auf mögliche positive Prognosen fürs kommende Auswärtsspiel in Düsseldorf angesprochen wurde. Optimistisch? Ein entsetzter Blick des Profis: "Wenn wir nur ein paar Prozent weniger investieren, verlieren wir da." Auch das war ein Satz, den man in Freiburg so oft hört, dass ihn schon kein Journalist mehr notiert. Aber vielleicht verrät er eine Einstellung, die das eigentliche Erfolgsgeheimnis dieser Mannschaft ausmacht.

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