Süddeutsche Zeitung

Münzwurf im Freiburger Stadion:Werft mehr Gummimurmeltiere!

Münzen oder Golfbälle sind zu gefährlich - aber einen Schweinekopf hat man halt auch nicht immer zur Hand. Wenn Zuschauer wie beim Pokalspiel in Freiburg unbedingt Gegenstände aufs Spielfeld schmeißen müssen, dann bitte die richtigen.

Glosse von Claudio Catuogno

Die Freiburger Sonderermittler haben das schreckliche Bild bestimmt noch im Kopf, das sich ihnen am Tatort bot: das blutüberströmte Opfer mit der Platzwunde neben dem linken Auge, erst ausgeknockt auf dem Rasen liegend, dann dermaßen außer sich, dass es von mehreren Helfern gebändigt werden musste. Dass Oliver Kahn an jenem 12. April 2001 trotzdem weiterspielte in der Partie seines FC Bayern beim SC Freiburg, tat dem Fahndungseifer keinen Abbruch: Noch an Ort und Stelle konnte ein 16-jähriger Schüler als Täter ermittelt werden. Der von ihm geworfene Golfball hatte den Torwart nur deshalb nicht schwerer verletzt, weil dessen Schläfen aus Titan gefertigt sind.

Sehr viel mehr ist im Grunde nicht passiert im kleinen Freiburg am Fuße des Schwarzwalds, vom umgesägten Maibaum in Schliengen, einer betrunkenen Studentin auf einem Hollandrad und dem ein oder anderen Dopingarzt an der örtlichen Uniklinik mal abgesehen. Nun allerdings geht der "Münzwurf von Freiburg" in die Kriminalstatistik ein. Das Unheil kehrt zurück, wenn auch zum Glück erst nach 22 Jahren.

Es ist erstens natürlich scharf zu verurteilen, dass ein vorläufig unbekannter Münzen-Werfer im Pokalhalbfinale des SC Freiburg gegen RB Leipzig den Gästestürmer André Silva mittels der Tatwaffe "Kleingeld" niederstreckte. Zweitens ist es auch nicht zu verstehen, gibt es doch inzwischen wieder bis zu drei Prozent Zinsen auf dem Tagesgeldkonto: Wer um Himmels willen wirft da noch mit Geld?

Zwar konnte ein Spielabbruch abgewendet werden: Spielabbrüche erfolgen immer nur dann, wenn Schiedsrichter getroffen werden wie kürzlich in der dritten Liga in Zwickau mit Bier. Was aber nicht dahingehend interpretiert werden darf, dass die Unversehrtheit von Unparteiischen höher einzustufen ist als die von Fußballern. Es könnte bloß kein Sportgericht so viele grüne Tische auftreiben, müsste der Spielausgang nach jedem Becher- oder Feuerzeugwurf an selbigen verhandelt werden. Die Gesellschaft muss also lernen, mit den Werfern zu leben. Sie sollte allerdings darauf einwirken, was geworfen wird.

Nicht zu empfehlen sind zum Beispiel die selbst befüllten Urinbeutel, die früher immer im Maracanã von Rio auf die Gästefans niederregneten - wirkungsvoll, aber geruchlich grenzwertig. Gerne erinnern sich Beobachter hingegen an einen Tag im Nationalstadion von Santiago de Chile - aufgeführt wurde der Leckerbissen Universidad Católica gegen Universidad de Chile -, als Zuschauer erst Pfirsichsaft versprühten und dann Mehlwolken hinterherschickten: die süße Variante des Teerens und Federns. Bloß mit der Einschränkung, dass hier Lebensmittel verschwendet wurden. Wohingegen der Schweinekopf, der einst im Camp Nou von Barcelona knapp neben dem Portugiesen Luis Figo (Real Madrid) niederging, andernfalls vermutlich der Kadaverentsorgung zugeführt worden wäre. So wurde er später im Museum ausgestellt.

Jener Gegenstand, den Anhänger von Inter Mailand 2001 beim Spiel gegen Atalanta Bergamo vom Oberrang warfen - eine komplette Vespa, die sie zuvor in Brand gesteckt hatten - scheidet schon wegen seiner CO2-Bilanz aus. Zu begrüßen hingegen ist der kürzlich beim Europapokalspiel von Feyenoord Rotterdam gegen die AS Rom praktizierte Weg, aufblasbare Gummitiere auf den Rasen zu bugsieren. Gummitiere tun niemandem weh, sehen gut aus und können je nach Gattung - Krokodil, Nasenbär, Sumpfschildkröte - als ironischer Kommentar zum Spielverlauf interpretiert werden. Nach dem Abpfiff können sie über eine Entsorgung im Gelben Sack wieder dem Wertstoffkreislauf zugeführt werden.

Wie viel Aufregung wäre dem Schwarzwald erspart geblieben, hätte den Fußballer André Silva am Dienstagabend anstelle eines Geldstücks ein aufblasbares Murmeltier getroffen?

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