Die Dienstreise am Mittwoch zum Qualifikationsspiel in der Conference League beim FC Motherwell tritt der SC Freiburg ohne Noah Atubolu an – selbstverständlich ohne Atubolu, wie hinzuzufügen wäre. Es ist keineswegs so, als ob der Stammtorwart der vergangenen drei Spielzeiten gänzlich unerwünscht wäre in dem Klub, dessen Tor er schon vor neun Jahren in der U17 gehütet hat. Aber beim Sportclub herrscht die Auffassung, dass Atubolu selbst entschieden hat, nicht mehr zur Mannschaft zu gehören, als er dem Verein im Frühling Ambitionen für einen Wechsel in die große Fußballwelt, vorzugsweise die Premier League, angezeigt hat.
Seitdem ist der Torwart mit Arbeitsvertrag bis 2027 ein geduldeter Gast im eigenen Haus. Als der SC im Juli vor Publikum das Training aufnahm, stand der 24-Jährige nicht auf dem Rasen im Europapark-Stadion, er arbeitete stattdessen separat auf einem Nebenplatz ohne Zuschauerzugang. Als es ins Sommerlager nach Schruns ging, blieb er zu Hause im Breisgau. Anschließend durfte er anstands- und umständehalber zwar wieder am Training teilnehmen und wurde bei der Rückkehr von den alten Kollegen mit Beifall begrüßt. Doch er blieb der Sonderfall im Kader, allseits so angesehen, als ob er sowieso längst das Gepäck für die Abreise bereitgestellt hätte und schon morgen nicht mehr in der Kabine erscheinen würde. An der nötigen Qualifikation für höhere Adressen zweifelt ja auch niemand. Atubolu hat von der U17 bis zur U21 das ganze DFB-Programm absolviert, er gehörte auch schon zum Kreis der Nationalelf und durfte auf eine WM-Nominierung hoffen.
Der erwünschte Ruf prominenter Top-Klubs ist allerdings – keine zwei Wochen vor dem Schließen des Transfermarkts – immer noch nicht erfolgt. Und mit der Gelassenheit, die im Mai noch bei Noah Atubolu herrschte, als der SC Freiburg bereits Vollzug beim Kauf des Nachfolgers meldete, scheint es erstmal vorbei zu sein. Von der selbsternannten „Boutique“-Berateragentur mit Sitz in Abu Dhabi, der er sich im Winter als Klient angeschlossen hatte, soll sich Atubolu am Sonntag wieder getrennt haben. Als das Unternehmen im Januar den Start der Zusammenarbeit verkündete, gab es dazu eine pompös inszenierte, unfreiwillig komische Videopräsentation, über die beim SC trotzdem niemand richtig lachen konnte, weil man bereits geahnt hatte, worauf das neue Mandat hinauslief.
Die neueste Wendung: Eintracht Frankfurt scheint an einer Verpflichtung interessiert zu sein
In Freiburg heißt es, Atubolu sei mit übertriebenen Versprechen verführt worden, doch es macht die Verantwortlichen garantiert nicht froh, dass sie sich jetzt in gewisser Weise bestätigt fühlen dürfen. Den Schaden hat ja, wenn nicht noch eine Lösung gelingt, nicht allein der betroffene Spieler. Insofern ist Atubolu nicht bloß aus Fairness gegenüber einem verdienten Profi wieder in die Trainingsgemeinschaft aufgenommen worden, sondern weil man ihn auch in guten Zustand versetzen muss, damit er auf dem Markt einen Abnehmer findet.
Dass ein Profi mit einem im nächsten Sommer endenden Vertrag in die Saison geht, kommt beim SC Freiburg üblicherweise nicht vor. Eisernes Geschäftsprinzip. Der Verteidiger Marc-Oliver Kempf war der letzte namhafte Fall, und dies zu Zeiten, als der Begriff Corona-Krise noch lediglich ein Problem bei der Beschaffung eines mexikanischen Bieres bezeichnete. Als der SC nun im Mai mit durchaus demonstrativer Geste an den Vorgänger Mio Backhaus als Nachfolger verpflichtete und dafür stattliche zwölf Millionen Euro an Werder Bremen bezahlte, bestanden keinerlei Zweifel daran, dass Atubolu einen guten Verein finden würde, der eine angemessene Ablöse bezahlt. Um die 20 Millionen Euro wären realistisch gewesen, und es gab auch mindestens zwei zahlungskräftige Interessenten aus dem Mittelstand der Premier League – doch die erschienen der Partei Atubolu nicht attraktiv genug (siehe auch „Boutique“-Agentur). Zuletzt hieß es, die SSC Neapel sei ein heißer Kandidat – offenbar auch nicht mehr als eine dieser Calcio-Mercato-Geschichten zur Bereicherung der italienischen Strandlektüre.
Die neueste Wendung in der Geschichte besagt nun, dass Eintracht Frankfurt eine Übernahme Atubolus anstrebe. Quellen in Frankfurt bestätigen, dass zumindest ein Interesse vorhanden sei, dass sich dieses Interesse aber noch im Stadium der neugierigen Erörterung befinde. Die Eintracht hat zuletzt selbst erlebt, wie Kapriolen auf der Torwart-Position den Betrieb destabilisieren. Im vorigen Sommer ließ die SGE Kevin Trapp zum FC Paris gehen, weil man der festen Überzeugung war, der Brasilianer Kaua Santos, 23, sei das größte mögliche Versprechen und ein potenzieller Anwärter auf den goldenen Handschuh, den globalen Torwart-Oscar.
Doch diese Erwartung ist spätestens nach Kaua Santos’ unseligem Auftritt beim 0:7 im Testspiel beim FC Brentford am Wochenende enttäuscht worden. Alle guten Vorsätze, es noch mal mit ihm zu versuchen nach einer Saison voller Rückschläge und Zweifel, stehen wieder infrage. Auch von Michael Zetterer*, 31, hatte man sich in Frankfurt mehr versprochen, als man ihn im Sommer 2025 aus Bremen holte, wo sich dann – Ironie der Geschichte – Mio Backhaus für den Wechsel nach Freiburg qualifizierte.
Ob in den letzten Tagen der Handelsbörse Noah Atubolu, die mit vielerlei Baustellen beschäftigten Frankfurter und die prinzipienfesten Freiburger zu einer Lösung gelangen? Prognose: Das wird schwierig. Eine Rückkehr ins Freiburger Tor soll es für Atubolu jedenfalls nicht geben, der neue Stammplatz wäre dann eine Sitzschale auf der Haupttribüne.
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Textes haben wir den Frankfurter Torhüter fälschlicherweise Marc statt Michael Zetterer genannt.


