Frauenfußball-WM in Kanada:Schwierige Frage nach der Qualität

Montagliani setzt auf das bevorstehende Ende des Stanley-Cup-Finales im Eishockey und der NBA-Finals im Basketball. Sobald diese beiden Meisterschafts-Serien entschieden sind, haben die zwei größten Sportattraktionen Nordamerikas Pause - auch im Nachbarland USA fahren die Fernsehsender ihre WM-Berichterstattung dann noch einmal hoch. Schließlich will das Land des Olympiasiegers erleben, ob das Team um die neue Trainerin Jill Ellis und die ungekrönte Abby Wambach seine 16-jährige Durststrecke ohne WM-Titel endlich beendet.

Zweimal Deutschland

Die sechs Frauen-Fußball-Weltmeisterschaften

1991 (Jahr), China (Gastgeber), USA - Norwegen 2:1 (Finale)

1995, Schweden, Norwegen - Dtld. 2:0

1999, USA, USA - China 5:4 i.E./0:0

2003, USA, Dtld. - Schweden 2:1 G.G.

2007, China, Dtld. - Brasilien 2:0

2011, Dtld., Japan - USA 3:1 i.E./2:2

2015 Kanada

2017 Frankreich

i.E. = im Elfmeterschießen

G.G. = Golden Goal

Schwieriger, weil subjektiver, ist die Frage nach der Qualität zu beantworten. Das 10:0 der deutschen Fußballerinnen zum Start des Turniers hat - ähnlich wie 2007, als es gegen Argentinien ein 11:0 gab - belegt, dass die Niveauunterschiede in der erweiterten Weltspitze noch enorm sind. Die Art und Weise aber, wie viele der Topteams, allen voran die deutsche Mannschaft, ihr technisches, taktisches und körperliches Können in Kanada ausspielen, fällt auf: Selten hat man in einer Frauen-WM-Vorrunde schon so viel überlegte Angriffszüge wie etwa von Deutschland oder Nigeria gesehen, so viele exquisite Standards wie den Freistoß der Norwegerin Maren Mjelde in den Torwinkel zum Ausgleich gegen die Deutschen oder den siegbringenden Elfmeter von Kanadas Christine Sinclar gegen China.

Das 10:0 blieb bislang auch ein einzelner Ausreißer, den Stürmerin Alexandra Popp auch der Leidensfähigkeit ihrer Elf zuschreibt: "Die Spiele hier sind für jeden schwer, vor allem angesichts der Hitze auf den Plätzen." Womit diese Frauenfußball-WM bei ihrem eigentlichen Thema angelangt ist. Denn die undurchsichtige Entscheidung der Fifa, erstmals ein Turnier auf Kunstrasen auszutragen, wird auch in Kanada als fragwürdig angesehen.

Schürfverletzungen hat es zwar bislang noch keine gegeben, dazu ist der verwendete Belag zu neu und zu gut. Dass die Fläche sich durch das schwarze Granulat, auf dem der Ball besser laufen soll, extrem aufheizt, war allerdings abzusehen. Schon beim Eröffnungsspiel in Edmonton, einem im Vergleich noch kühlen Spielort, wurden bei 23 Grad Lufttemperatur 49 Grad Celsius auf dem Kunstrasen gemessen. "Unter solchen Bedingungen 90 Minuten Vollgas und dazu ein ganzes Turnier zu spielen, ist Wahnsinn", meinte Wambach, "ich weiß nicht, was da mit uns ausprobiert werden soll."

Kanada jedenfalls will jetzt im Fußball neu denken. Anders als früher, wo oft Männer als eine Art Entwicklungshelfer in den Frauenfußball gewechselt sind, könnte es hier bald andersherum passieren. Kanadas Verband ist so begeistert von Frauen-Trainer John Herdman, dass es Überlegungen gibt, ihm eine leitende Position für den gesamten Fußball zu geben - der Männer wie der Frauen. "John verändert unseren Blick auf das Ganze", sagt Sinclair, "wir nehmen uns selbst mehr ernst." Wenn das kein Anfang ist.

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