Frauenfußball Sechs Richtige

Die Wolfsburger Frauen sind Pokalsieger, am Sonntag sollen auch die Meisterschaft und das dritte Double in Serie feststehen - eine Dominanz mit kleinem Haken.

Von Ulrich Hartmann, Köln

Die letzte Wortmeldung war eine herrliche Provokation, sie kam von einer Dame aus der letzten Reihe: "Herr Lerch, wie ist denn der weitere Abend geplant?", lautete in der Pressekonferenz die Frage an den Trainer des soeben gekürten Frauenfußball-Pokalsiegers VfL Wolfsburg. Stephan Lerch kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, wer da gefragt hatte. Er erkannte, dass die Dame eine Bierflasche in der Hand hielt - und seiner Torhüterin Almuth Schult zum Verwechseln ähnlich sah. Lerch grinste, aber eine Erlaubnis zu einer wilden Party nach dem Motto "Nach-uns-die-Sintflut" gab er trotzdem nicht: "Die Spielerinnen sollen ruhig feiern - ein Stück weit", sagte er, "aber es darf nicht ausarten! Wir wollen ja am Sonntag die Meisterschaft klarmachen. Die Spielerinnen sind Profis genug und wissen, wie man sich da zu verhalten hat." Almuth Schult schwenkte ihre Bierflasche daraufhin euphorisch ernüchtert.

Pott-Routine: Die Wolfsburger Fußballerinnen feiern mit dem DFB-Pokal – mal wieder.

(Foto: Maja Hitij/Getty Images)

Mitleid benötigen die Wolfsburger Fußballerinnen dennoch nicht. Zum fünften Mal in Serie und zum sechsten Mal insgesamt haben sie am Mittwochabend in Köln das DFB-Pokalfinale gewonnen. Das 1:0 (0:0) gegen den SC Freiburg bedeutete zwar zum fünften Mal einen Finalsieg mit nur einem Tor Vorsprung, aber ein gutes Pferd springt vermutlich halt nur so hoch, wie es muss. "Sechs Richtige", stand hinterher auf den grünen Pokalsieger-T-Shirts der Wolfsburger Spielerinnen, und wie man hört, in der Kreativabteilung des Vereins arbeiten sie längst an den T-Shirts für kommende Pokalsiege. Nächstes Jahr also: "Im siebten Himmel." Übernächstes: "Gut gem8!" Danach: "Alle Neune." Und schließlich: "Wir haben's kommen zehn."

Sechs Wolfsburger Titel

2010 FCR Duisburg - USV Jena 1:0

2011 1. FFC Frankfurt - Turbine Potsdam 2:1

2012 FC Bayern - 1. FFC Frankfurt 2:0

2013 VfL Wolfsburg - Turbine Potsdam 3:2

2014 1. FFC Frankfurt - SGS Essen 3:0

2015 VfL Wolfsburg - Turbine Potsdam 3:0

2016 VfL Wolfsburg - SC Sand 2:1

2017 VfL Wolfsburg - SC Sand 2:1

2018 VfL Wolfsburg - FC Bayern i.E. 3:2 (0:0) 2019 VfL Wolfsburg - SC Freiburg 1:0 (0:0)

Die nationale Dominanz der betuchten Wolfsburgerinnen wird noch ein paar Jährchen anhalten, etwas anderes wollte nicht mal der Freiburger Trainer Jens Scheuer behaupten, der im Sommer zusammen mit seiner besten Spielerin, Giulia Gwinn, zum FC Bayern wechselt. München ist Wolfsburgs größter Bundesliga-Konkurrent, und wenn man sieht, was Scheuer als Fan des spanischen Tiki-Taka-Fußballs schon aus den Freiburgerinnen herausgeholt hat, dann könnte es in der kommenden Saison gegen die Bayern noch enger werden für Wolfsburg. Solche Kampfansagen sparte sich Scheuer nach dem Pokalfinale jedoch, das würde seiner aktuellen Mannschaft nicht gerecht, erklärte er.

Ilestedt zu FCB-Frauen

Die Fußballerinnen des FC Bayern München haben die schwedische Nationalspielerin Amanda Ilestedt verpflichtet. Wie der Verein am Donnerstag mitteilte, wechselt die 26-Jährige zur kommenden Saison vom Ligakonkurrenten Turbine Potsdam. Ilestedt unterschrieb einen Zweijahresvertrag. "Ich freue mich sehr auf meine neue Aufgabe in München. Ich will mich mit all meiner Erfahrung und meinem Können einbringen und mit der Mannschaft um Titel kämpfen", sagte Ilestedt. Die Schwedin kann bereits auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken: Sie wurde unter anderem fünfmal schwedische Meisterin mit dem FC Rosengard und U19-Europameisterin. In München freut man sich auf eine Verstärkung. "Amanda ist eine gestandene und erfahrene Defensivspielerin, die in der Abwehr sehr variabel einsetzbar ist", sagte Teammanagerin Bianca Rech. Am Sonntag (14 Uhr) findet gegen den SC Freiburg das letzte Heimspiel dieser Saison statt. dpa

In der Tat hatten die als klarer Außenseiter ins Spiel gegangenen Freiburger Frauen dem Favoriten eine Halbzeit lang Kopfzerbrechen bereitet. Mehrfach hätten sie in Führung gehen können, vergaben aber alle Chancen und ärgerten sich später umso mehr, dass Wolfsburg die Partie mit einem einzigen Tor - durch Ewa Pajor in der 55. Minute - gewann. Dass seine Spielerinnen zum wiederholten Mal Anlaufschwierigkeiten in einem Spiel gezeigt hatten, konnte sich Trainer Lerch nicht erklären. Aber er hat auch nicht jenen Erfahrungsschatz, über den seine Kapitänin Nilla Fischer verfügt. Die langjährige schwedische Nationalspielerin verwies auf umfassende Europapokal- und Länderspiel-Erfahrung und sagte: "Wir haben Routine und Selbstvertrauen." Am Sieg gegen Freiburg haben sie offenbar nie gezweifelt.

Wenn sie mit dieser Überzeugung am Sonntag auch das vorletzte Bundesliga-Saisonspiel in Hoffenheim gewinnen, hätten die VfL-Frauen im dritten Jahr nacheinander das Double aus Meisterschaft und Pokal gewonnen. Das ist emotional zwar nicht ganz so viel wert wie das Double aus Meisterschaft und Champions-League 2014 oder das Triple 2013, aber für die nationale Dominanz reicht es noch bei Wolfsburg. In Europas Königsklasse kam diesmal im Viertelfinale gegen Lyon das Aus.

Insofern sind die Wolfsburgerinnen mit ihrem hochkarätigen Fußball unbeabsichtigt mit verantwortlich dafür, dass das öffentliche Interesse am deutschen Frauenfußball stagniert. Auf 17 000 Zuschauer hat sich die Kulisse nach zehn Jahren Pokalfinale in Köln eingependelt. VfL-Torhüterin Almuth Schult wünscht sich aber, dass es irgendwann "mal 30 000" sind und nimmt für dieses Vorhaben den DFB verschärft in die Pflicht. Dort müsse man mehr für den Frauenfußball tun. Der zurückgetretene Präsident Reinhard Grindel, beim Pokalfinale dennoch im Stadion, kann sich dafür aber nicht mehr einsetzen. Im Verband finden Schults Forderungen momentan keinen Adressaten. Dennoch sagte sie: "Ich hoffe, das Finale war spannend genug, um nächstes Jahr mehr Zuschauer anzulocken."