FC Bayern in der Champions League:Impuls vom Mentalitätsmonster

Lesezeit: 3 min

Bayern München v Olympique Lyon: Group D - UEFA Women's Champions League

Treffer gegen den Ex-Verein und dann auch noch der spielentscheidende: Saki Kumagai (Mitte) spielte bis zum Sommer bei Olympique Lyon, wo sie fünfmal die Champions League gewann.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Beim 1:0 gegen Rekordsieger Lyon profitieren die Fußballerinnen des FC Bayern von ihrer Lernfähigkeit und der Energie, die sie mit Jovana Damnjanovic von der Bank einwechseln können.

Von Anna Dreher

Nach einer Ecke sprang der Ball in einem Pulk von Spielerinnen vor dem Tor des FC Bayern umher wie ein zu heißer Gegenstand. Ein Ding, das niemand zu lang in den Händen halten will und lieber ganz schnell zum Nächstbesten weitergibt. Die Fußballerinnen von Olympique Lyon wollten die Kugel unbedingt über die weiße Linie drücken, die Münchnerinnen gaben alles, um sie in die entgegengesetzte Richtung zu lenken. Und am Ende dieser Szene, diesen Eindruck erweckte ihr Verlauf bis zur Auflösung, würde Lyon Sekunden vor Schluss doch noch treffen.

Aber irgendwie brachte irgendwer den Ball in diesem Tumult tatsächlich weg vom Tor. Der Schlusspfiff manifestierte dann in dieser fünften Minute der Nachspielzeit das 1:0 (0:0) des Bundesligisten gegen den Rekordsieger der Champions League im mit 1857 Zuschauern - darunter Männer-Cheftrainer Julian Nagelsmann - gefüllten Campus Stadion. Damit bleiben die Bayern auf Viertelfinalkurs, mit sieben Punkten liegen sie nach dem vierten Gruppenspieltag hinter Lyon (9). "Das war so ein gemeinsames Luftanhalten", erzählte Carolin Simon, als längst alle wieder Puste hatten. "Wir haben das fast wie ein eigenes Tor gefeiert, als der Ball weg war. Da haben wir alle wieder angefangen zu atmen und waren froh, dass wir nicht noch so einen Eierball reinkriegen."

An diesem Abend wirkte es, als hätten die Teams innerhalb einer Woche ihre Rollen getauscht - und nicht nur die Farbe ihrer Trikots von rot zu weiß bzw. von weiß zu rot. Beim 2:1 in Lyon hatten die Gastgeberinnen (in Weiß) mit ihrer Präsenz und ihrem Pressing derart beeindruckt, dass die Bayern (in Rot) kaum ins Spiel gefunden hatten. Nun aber strahlten wiederum sie (in Weiß) jene Mischung von Selbstvertrauen und Zuversicht aus, die sie vor ein paar Tagen vermissen ließen. Und statt sich von der Schnelligkeit der körperlich starken Französinnen (in Rot) überrumpeln zu lassen, setzten die Münchnerinnen selbst Akzente, hielten gut dagegen und zeigten die nötige Zweikampfhärte wie auch Präzision im Spiel mit dem Ball. Es war, als wären ihre Sinne geschärfter, die Muskelspannung höher, der Plan ausgefuchster. Und es zeigte sich, auf welches Potenzial Trainer Jens Scheuer von der Bank zugreifen kann, vor allem in Person von Jovana Damnjanovic.

Das entscheidende Tor gelingt Saki Kumagai - bis zum Sommer noch bei Olympique angestellt

In der ersten Stunde hatte sich der FC Bayern mehr Chancen herausgespielt und Lyon damit das Leben schwergemacht, was nicht nur bei Ballon-d'Or-Gewinnerin Ada Hegerberg zu Stirnrunzeln, sondern zu Gesprächsbedarf im gesamten OL-Team führte. Der aktuelle Meister hatte sich aber auch selbst das Leben schwergemacht. Der Großteil der Spielzüge aus aussichtsreicher Position endete in überhasteten Abschlüssen. Bis dann Damnjanovic in der 67. Minute eingewechselt wurde.

v.li.: Lina Maria Magull (FCB, 16) Jovana Damnjanovic (FCB, 9) Amandine Henry (Lyon, 6) Giulia Gwinn (FCB, 7) im Zweika

Voller EInsatz von der ersten Minute der Einwechslung an: Jovana Damnjanovic (2. v. l.) im Duell mit Lyons Amandine Henry.

(Foto: Sven Leifer/foto2press/imago)

Die 26 Jahre alte Serbin hatte das Feld noch gar nicht betreten, da war sie schon im Kampfmodus. Ihr Blick allein strahlte aus: Meine Lieben, ich habe das von der Bank aus beobachtet, ihr habt echt super gespielt, aber ich bringe jetzt mal zusätzlich Feuer in die Sache rein! Auf dem Platz wirkte jede Bewegung, jede Aktion, als habe Damnjanovic ein Ventil gebraucht für all die Energie, die sich ja nicht nur beim Zuschauen an diesem Abend aufgestaut hatte. Sondern auch in den vielen Monaten davor, in denen sie zum Perspektivwechsel gezwungen war.

Im August 2020 hatte sich die Stürmerin das Kreuzband gerissen - im Champions-League-Viertelfinale gegen Lyon. Etwa ein Jahr später hatte sie erstmals wieder von Beginn an gespielt. Auch am Mittwoch zeigte sich, dass sie nichts von ihrer Aggressivität und Laufleistung verloren hat. Und Scheuer verfolgte einen ganz bestimmten Plan mit ihr.

"Wir wollten mit ihrer Einwechslung eine Mentalitätsspielerin bringen, die sich in alles reinwirft", sagte er. "Jovi ist so ein Mentalitätsmonster, wenn sie von der Bank kommt. Bei ihr weiß man genau, was man bekommt. Sie hat es überragend gemacht." Quasi ihre erste Aktion sollte die spielentscheidende Szene einleiten. Damnjanovic rannte und ackerte und holte eine Ecke heraus. Simon trat an, der Ball flog auf Saki Kumagai zu, die ihn in der 69. Minute mit ihrem Kopf unhaltbar an Keeperin Christiane Endler vorbei zum 1:0 lenkte. Was natürlich die nächste gute Geschichte war, denn die Japanerin hatte bis zur vergangenen Saison noch bei Olympique gespielt und fünfmal die Königsklasse gewonnen. Dass sich beispielsweise eine Ausnahmespielerin wie Hegerberg nicht sonderlich entfalten konnte, lag auch an ihr.

Im Hinspiel waren es zwei unzureichend verteidigte Standards, die zur 1:2-Niederlage der Münchnerinnen geführt hatten. Scheuer hatte das angemahnt. Nun hatten seine Spielerinnen auf genau diese Weise zurückgeschlagen - und die favorisierten Lyonnaises konnten ihre Chancen selbst nicht nutzen. Weder bei ruhenden Bällen noch mit einem "Eierball". Noch etwas zeigte sich also an diesem Abend: die Lernfähigkeit des FC Bayern.

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