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Frauenfußball:Videokonferenz beim Vertragsabschluss

06.12.2019, xemx, Fussball 1.Bundesliga Damen, FC Bayern Muenchen - SC Freiburg emspor, v.l. Lina Magull (FC Bayern Mue; Lina Magull und Sharon Beck

Unterschrieb kürzlich beim 1. FC Köln: Sharon Beck (r., zurzeit noch beim SC Freiburg).

(Foto: imago images/Jan Huebner)
  • Auch die Pause in der Fußball-Bundesliga der Frauen wurde bis zum 30. April verlängert. Das Ziel ist, den Spielbetrieb bis Ende Juni anzuschließen - gerne per Geisterspielen.
  • Themen wie Gehaltsverzicht und der Transfermarkt sind eher zweitrangig.
  • Existenzsorgen drohen am ehesten Klubs, die keine große Männerabteilung hinter sich haben.

Von Anna Dreher

Geplant war alles anders: Die Stadt Köln sollte eine schöne Kulisse bieten, und nach einem Spaziergang über die Klubanlage sollte als Höhepunkt die Bundesligapartie der Männer gegen Mainz 05 folgen, um in der Atmosphäre eines Heimspiels zu zeigen, was es heißt, Teil des 1. FC Köln zu sein. So hatte sich das die Frauenfußballabteilung des FC für die Bekanntgabe des Transfers von Sharon Beck (SC Freiburg) vorgestellt. Aber statt den Zugang der Stadt und die Stadt dem Zugang zu präsentieren, saß die Sportliche Leiterin der FC-Frauenabteilung, Nicole Bender, der israelischen Nationalspielerin am Tisch vor einem Bildschirm gegenüber.

Die Vertragsunterzeichnung mit Beck und später auch mit der früheren DFB-Nationalspielerin Lena Lotzen, die ebenfalls aus Freiburg zum Tabellenvorletzten Köln wechselt, fand per Videoschalte statt. "Das haben wahrscheinlich erst wenige so gemacht. Wir müssen angesichts der Corona-Krise eben kreativ sein", sagt Bender. Den Vertrag hatte sie den Spielerinnen mit einem Trikot per Post zugeschickt. "Die Vorstellung, dass die Mädels den Vertrag alleine unterzeichnen, fand ich traurig. Da hatten wir die Idee mit der Videokonferenz, damit sie auch unsere Emotionen sehen. Es war schön, wir haben viel gelacht."

Auch in der Bundesliga der Frauen ist gerade sehr vieles sehr anders. Nach dem Ende der Winterpause Mitte Februar fanden drei Spieltage statt, bis nach der Länderspielphase mit diversen Testturnieren der 17. Spieltag Ende März aufgrund der Krise abgesagt werden musste. Die Saisonpause der beim Deutschen Fußball-Bund angegliederten Bundesliga wurde am Dienstag analog zu den Männern bis 30. April verlängert - bei einer Telefonschalte zwischen dem DFB-Ausschuss der Frauen-Bundesligen, Verbands- und Vereinsvertretern.

Wolfsburg, Hoffenheim, Bayern: "Die hätten einen längeren Atem als wir", glaubt man beim SC Sand

Das Ziel ist, den Spielbetrieb bis 30. Juni abzuschließen, was bei sechs verbleibenden Runden - plus Pokal und Champions League - etwas leichter umzusetzen wäre als bei den Männern, die noch neun Spieltage zu absolvieren haben. Gerne täte man dies mit Geisterspielen, Hauptsache irgendwie. "Die Bereitschaft der Vereine ist da, auch ungewöhnliche Wege zu gehen", sagt Ralf Kellermann, Sportlicher Leiter des VfL Wolfsburg: "Es gibt in allen Bereichen viele Fragen. Die kann nur gerade keiner konkret beantworten, weil niemand die Entwicklung und letztlich das Ausmaß der Krise voraussagen kann."

Dennoch müssen alle Klubs, während ihre Fußballerinnen zu Hause individuell trainieren, in schwer planbaren Zeiten weiter planen. Zudem bangen einige bereits um ihre wirtschaftliche Existenz. "Gehen Sie jetzt mal auf eine Firma zu, die gerade selbst Probleme hat, und fragen, ob Interesse besteht als Sponsor nächste Saison einzusteigen", sagt Gerald Jungmann, der beim SC Sand für Finanzplanung und Marketing zuständig ist. "Sponsoren sind für uns aber natürlich noch viel wichtiger als für Teams von Lizenzvereinen. Wir hoffen, dass vom DFB handfeste Ansätze für Hilfen kommen. Da dürfen wir aber auch nicht zu viel erwarten - und müssen auf alles gefasst sein."

Vom DFB heißt es, mögliche Entlastungsspielräume würden überprüft, zum Beispiel durch die Anpassung des Zulassungsverfahrens. "Aktuell ist unser Eindruck, dass die Vereine der Frauenbundesliga die Krise meistern werden", sagt DFB-Direktorin Heike Ullrich. Ein Gehaltsverzicht der Spielerinnen kommt kaum in Frage, die Summen sind viel geringer als bei den Männern - dennoch spenden manche Geld. Existenzsorgen könnten zunächst jene Klubs treffen, die sich ein Netz aus vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen aufgebaut haben und nun fürchten, dass diese Sponsoren abspringen.

Der andere Teil der Liga, wie Doublesieger Wolfsburg oder der FC Bayern, ist an Lizenzvereine gebunden. "Die hätten einen längeren Atem als wir", sagt Jungmann. "Andererseits: Sollten Lizenzvereine jetzt selbst in finanzielle Schwierigkeiten geraten, wird dort wohl eher bei den Frauenabteilungen eingespart." Neben dem SC Sand sind mit "wir" beispielsweise die SGS Essen oder Turbine Potsdam gemeint. Der 1. FFC Frankfurt nimmt durch seinen Wechsel zur Eintracht ab der nächsten Saison eine Sonderstellung ein. Dessen Manager und Liga-Ausschuss-Vorsitzende Siegfried Dietrich vermutet: "Da der Frauenfußball bei vielen Lizenzklubs im Gesamtbudget eher eine kleinere Position einnimmt, bin ich optimistisch, dass in den Überlegungen neben dem Wachstumspotenzial des Frauenfußballs die hohe sportpolitische und gesellschaftliche Bedeutung greift."

Die Einnahmen aus TV-Übertragungen und Vermarktung werden paritätisch verteilt, hier bestand ohnehin ein Solidarpakt. Die leeren Stadien reißen zudem kein riesiges Loch ins Budget. Durchschnittlich hat die erste Liga 900 Zuschauer pro Partie, viele Vereine decken damit schlicht ihre Heimspielkosten ab. Bei Potsdam - diese Saison mit im Schnitt 1300 Fans neben Wolfsburg und Frankfurt am zuschauerstärksten - machen diese Einnahmen etwa 15 Prozent des Saisonbudgets aus, bei anderen ist es noch weniger. Dass es in der Frauenbundesliga hier nicht gleich um Millionen geht, erweist sich nun als Vorteil. Ebenso bei den Transfers: Die Gespräche gehen weiter, der Markt funktioniert anders.

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Fußballerinnen aus bestehenden Verträgen abzulösen, ist nach wie vor die Ausnahme. Geplant wird langfristig, bei größeren Vereinen steht der Kader für die neue Saison schon in der Winterpause. Dass Tabellenführer Wolfsburg Topspielerin Sara Gunnarsdóttir an einen noch nicht bekannten Klub verlieren würde und Bayerns Kapitänin Melanie Leupolz zum FC Chelsea geht, stand beispielsweise schon lange fest. "Ich bekomme teils im September des Vorjahres Hinweise, dass im Juni der Vertrag einer Spielerin ausläuft", sagt Spielerberater Dietmar Ness, der weltweit rund 80 Fußballerinnen vertritt. "Für kleinere Vereine wird es durch die Corona-Krise natürlich schwieriger, weil sie teils später einsteigen und nun gar nicht wissen, welches Budget sie in der kommenden Saison haben werden."

Die Saison sportlich zu beenden ist das Ziel aller Bundesligisten. Für Wolfsburg und München geht es zudem ums Weiterkommen in der Champions League. Am Mittwoch hätten die Viertelfinalrückspiele stattgefunden, der VfL hätte Glasgow City empfangen, der FC Bayern den Titelfavoriten Lyon. Statt sich auf dem Platz vorzubereiten, übten die Spielerinnen in München vor Bildschirmen. "Ich bin durch die Stadt gefahren und habe die Mädels mit Trainingsmaterial versorgt. Dann ging's am Montag los mit dem Cyber-Training", sagt die Sportliche Leiterin der Bayern, Bianca Rech. "Das klappt alles ganz gut bisher, aber je länger die Pause dauert, desto schwieriger wird es, vor allem bei der Belastungssteuerung für eine mögliche Wiederaufnahme des Spielbetriebs."

Die Herausforderung der Woche war also keine geschlossene Defensivleistung gegen Lyon, die derzeit beste Mannschaft der Welt - sondern eine stabile Internetverbindung. Für eine Weile bleibt das wohl so.

© SZ vom 03.04.2020/chge

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