Dass Salma Paralluelo der niederländischen Defensive entwischen würde, war nun wirklich keine Überraschung. Beiläufig, fast im Laufschritt, machte sich Spaniens Außenstürmerin auf den Weg zum entscheidenden 2:1 in der Verlängerung, an allen Verteidigerinnen vorbei. Es sah so leichtfüßig aus wie schon im gesamten Turnierverlauf, als würde eine Sprinterin gegen Fußballerinnen antreten - und genau das war der Fall.
Es ist eine besondere Geschichte, die die 19-Jährige an diesen für Spanien sporthistorischen Wegpunkt in Wellington führte und von dort aus zum ersten Mal in das Halbfinale einer Weltmeisterschaft, und sie hat über weite Strecken nicht nur mit Fußball zu tun. Denn Paralluelo war seit ihrer Kindheit ein Ausnahmetalent, vor allem in der Leichtathletik. Jugendrekorde von Sprinterinnen wie der amerikanischen Goldmedaillengewinnerin Allyson Felix stellte sie ein, trat im Alter von 15 Jahren bereits bei den Hallen-Europameisterschaften an - der Pfad zu den Olympischen Spielen schien geebnet zu sein.

Spanien bei der Fußball-WM:Ein Sieg, der die Tränen kullern lässt
Die Verliererinnen weinen, die Siegerinnen aber auch: Spanien gewinnt ein emotionales Viertelfinale gegen die Niederlande - obwohl es zwischenzeitlich aussieht, als hätte sich der Trainer verzockt.
Seit ihrer Kindheit aber spielte Paralluelo auch Fußball, was 2019 - mit 16 - schließlich in einer Vertragsunterschrift beim FC Villareal mündete. Ein Verein, den sie auswählte, weil sie Fußballprofi sein konnte und zugleich im Club Playa de Castellon in der Nähe als Leichtathletin trainieren durfte. Denn Paralluelo konnte nur eines lange nicht: sich entscheiden. Trotz der Weltmeistertitel mit der U17 und U20, trotz eines Kreuzbandrisses, der sie neun Monate lang von Feld und Bahn verbannte, wollte sie weiter sprinten und ihren intensiven Trainingsrhythmus beibehalten.
Ihr Trainer benannte sie früh als Stammspielerin - und ging ein Risiko ein
Erst im Sommer 2022 war es so weit. Paralluelo wechselte zum FC Barcelona, der forderte, dass sie fortan "nur noch" Außenstürmerin sein dürfe. Ein Jahr später gewann sie als Startelfspielerin die Champions League und ist nun nicht nur die jüngste Spielerin im WM-Kader Spaniens, sondern auch eine, der im Team von Jorge Vilda eine spezielle Rolle zukommt.

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Schweden singt, Schweden verteidigt, Schweden schießt Tore nach Standards - und immer wieder steht Innenverteidigerin Amanda Ilestedt im Fokus. Sie könnte sogar den goldenen Schuh gewinnen.
Es war Vilda, der Paralluelo früh förderte und mit 18 Jahren mehr oder weniger zur Stammspielerin erklärte, noch vor ihrem ersten Turnier. Der Trainer ging damit ein Risiko ein in seinem Team der vielen talentierten Spielerinnen - erst recht angesichts der Tatsache, dass er nun auf zwölf jener 15 Spanierinnen verzichtet, die im vergangenen September indirekt seine Entlassung gefordert hatten. Die anderen sollten es richten, Paralluelo sollte es richten, das war die Erwartungshaltung vor dem Turnier, der Druck war enorm.
Mit dem Halbfinaleinzug sind die Erwartungen erfüllt, die Spanierinnen haben sich trotz all der Schwierigkeiten auf und neben dem Feld als Einheit erwiesen. Nicht zuletzt wegen ihrer Leichtathletin, der schnellsten Spielerin des Turniers, die im Alter von 19 Jahren nur noch zwei Spiele entfernt ist von der Erfüllung ihrer Träume. Im Fußball, sagte sie mit 14 in einem Interview, habe sie drei Ziele: fürs Nationalteam spielen, einen Vertrag beim FC Barcelona unterschreiben und die Weltmeisterschaft gewinnen.

