Süddeutsche Zeitung

Frauen-WM 2011: Trends:Komplizierte Ecken bei der Kopfball-WM

Es gibt keine Kantersiege mehr, dafür haben Kopfballtore und Freistoßvarianten Konjunktur. In der Defensive werden traditionelle Werte gepflegt - und Torfrauen haben etwas von Oliver Kahn gelernt. Die SZ hat die wichtigsten Trends dieser Frauen-WM objektiv ermittelt und subjektiv zusammengestellt.

Erfolgreiche Sportveranstaltungen erkennt man daran, dass sie - unabhängig von dem, was vorab so geredet wird - eine eigene Dramaturgie entwickeln. Diese Weltmeisterschaft zum Beispiel schien zunächst unter der Last ihrer unzähligen Bedeutungsebenen zusammenzubrechen.

Jetzt erweist sich, dass sich immer weniger Menschen für die Stellvertreter-Debatten und dafür umso mehr für schöne Kopfballtore, außergewöhnliche Abwehrstrategien oder die mangelhafte Leistung der Schiedsrichterinnen interessieren. Die wichtigen Trends dieser WM werden auf dem Rasen gesetzt. Zum Abschluss der WM-Vorrunde hat die SZ die wichtigsten von ihnen objektiv ermittelt und subjektiv zusammengestellt.

Konjunktur des Kopfballtors

Zugeben, weder Kerstin Garefrekes noch Homare Sawa oder Horst Hrubesch waren in Südafrika dabei, trotzdem ist und bleibt die Kopfballtor-Quote bei der Männer-WM 2010 natürlich beschämend. Nicht einmal jedes fünfte Tor in Südafrika wurde mit dem Scheitel erzielt, da kann der alte Hrubesch (Künstlername: Kopfballungeheuer) - da können aber vor allem die jungen Frauen - nur müde lächeln.

Bisweilen hat man den Eindruck, als werde hierzulande gerade eine Kopfball-WM ausgetragen. In der deutschen Vorrundengruppe lag der Anteil der Kopfballtore bei 44 Prozent, unter allen Spielerinnen mit dem Namen Garefrekes gar bei 100 Prozent, und in der Japan-Gruppe, wo die 1,63 Meter kleine Sawa durch die Lüfte zu fliegen pflegte, immerhin noch bei 30 Prozent.

Jetzt kann man natürlich fragen, ob das daran liegt, dass sich die Spielerinnen mit dem Kopf so deutlich verbessert haben, oder vielleicht doch eher daran, dass sie mit dem Fuß so konsequent daneben zielen. Wahrscheinlich stimmt beides.

Auffällig ist nur, dass der archaische Defensivkopfball, bei dem sich die Stirn nicht selten einem 80-Meter-Abschlag in den Weg stellen muss, einstweilen eine Domäne von so furchtlosen Gesellen wie Carles Puyol oder Alexander Madlung bleibt.

Die wesentlich kunstvolle offensive Einnick-Bewegung hat längst die Geschlechtergrenzen überwunden. Auffällig ist ferner, dass die Torhüterinnen oft immer noch zu klein sind, um eine wohl getimte, unter die Latte geköpfelte Bogenlampe zu erreichen.

Ende der Kantersiege

Kantersiege waren im Frauenfußball bislang nicht ungewöhnlich. Das deutsche 11:0 gegen Argentinien vor gerade mal Jahren bedeutet WM-Rekord. Doch diesmal? Mit einem Tor Vorsprung haben sie gegen Kanada gewonnen, mit einem gegen Nigeria und mit zweien gegen Frankreich.

Und nicht nur die Gastgeberinnen müssen sich mehr mühen. Früher gehörten Schützenfeste zum WM-Alltag, die Unterschiede in den Fortschritten der einzelnen Nationen machten sich im Ergebnis bemerkbar. Diesmal hingegen fielen die beiden 4:0-Siege der Französinnen gegen Kanada sowie der Japanerinnen gegen Mexiko schon fast aus dem Rahmen.

"Das wird die ausgeglichenste WM der Geschichte", hatte Australiens Trainer Tom Sermanni nach dem ersten Spiel prophezeit - und bislang Recht behalten. Die einst kleinen Nationen haben sich längst Entwicklungshilfe geholt, sie kopieren Spiel und Strategie der großen Mannschaften und gestalten Spiele halbwegs ausgeglichen. Die Fußballwelt wächst auch bei den Frauen zusammen, ein Trend, den es bei den Männern schon länger gibt.

Entdeckung des Drop-Kicks

Es sind in letzter Zeit nicht mehr so viele Abschläge von Oliver Kahn zu bestaunen, was bestimmt daran liegt, dass Giovane Elber nicht mehr bei Bayern spielt und auf seine Abschläge wartet. Andererseits könnte es natürlich auch damit zu tun haben, dass Kahn überhaupt nicht mehr spielt.

Der Torwart Kahn hat den Ball stets so abgeschlagen, dass er auf dem Gipfel seiner Flugkurve das Fernsehbild verließ und für einen Moment über das Dach des Stadions hinaus lugte. Auf Schalke, wo das Dach hin und wieder geschlossen ist, schoss Kahn dann eben den Videowürfel ab. Man kann sagen, dass der Abschlag als solcher mit seinem Rücktritt ein wenig an Höhe verloren hat.

Inzwischen gibt es Torhüter wie Manuel Neuer, die fast so weit - aber natürlich niemals so hoch - werfen können, wie Kahn schoss. Und es gibt Torhüterinnen, die fast so weit - aber natürlich niemals so hoch - schießen können, wie Manuel Neuer wirft. Die Amerikanerin Hope Solo und die Schwedin Hedvig Lindahl sind da beispielsweise zu nennen. Sie haben eine Abschlagtechnik perfektioniert, die im Männerfußball vom Aussterben bedroht ist: den Drop-Kick.

Dabei berührt der Ball kurz den Boden, bevor er praktisch parallel zu den Grashalmen knapp über Kopfhöhe durchs Stadion rauscht. Bei Drop-Kick muss die Bewegungsenergie des Balles ihren Vortrieb nicht mit dem Auftrieb teilen.

Das schont die Videowürfel, spart wertvolle Fernsehzeit und ist in diesem Sinne eine der großen Errungenschaften dieser Frauen-WM. Von dem Ruheständler Oliver Kahn war zuletzt ein Werbefilm zu sehen, bei dem er sich noch einmal - in Anzug und Krawatte - zu einem Kahnabschlag hinreißen ließ. Er blieb auf einem Hochhausdach liegen.

Variantenreiche Standards

Grundsätzlich ist gegen eine ausgiebige Turniervorbereitung nichts einzuwenden. Man kann sich allerdings, wie das Beispiel Kanadas veranschaulicht, auch zu Tode üben. Die Kanadierinnen haben mit ihrer Trainerin Carolina Morace ein halbes Jahr lang fast ausschließlich in Trainingslagern verbracht. Und dort studierten sie dann vor lauter Langeweile offenbar rund um die Uhr Freistoß- und Eckballvarianten ein.

Jetzt, da sie abgereist sind, kann man es ja laut sagen: Das sah alles ziemlich verkopft aus. Auch andere Teams wie die USA (Rudelbildung vor der gegnerischen Torhüterin) haben sich am Reißbrett etwas ausgedacht für ruhende Bälle, mit den herrlich komplexen Eckball-Choreographien der Kanadierinnen konnte bislang allerdings niemand mithalten.

Im Eröffnungsspiel gegen Deutschland boten sich einmal zwei Spielerinnen kurz an, um sich dann gegenseitig zu hinterlaufen, woraufhin zwei weitere Spielerinnen in der Mitte ihr Wege kreuzten, bis es schließlich nach allerlei kunstvollem Durcheinander tatsächlich zu einer mittelprächtigen Flanke kam. Gelbe Übungsstangen lassen sich damit vermutlich austricksen, die deutschen Spielerinnen schauten dagegen eine Weile fasziniert zu, dann schlugen sie den Ball weg.

Ein einziges Tor haben die Kanadierinnen bei dieser WM im Übrigen erzielt. Natürlich nach einer Standardsituation. Es geschah, als die Stürmerin Christine Sinclair bei einem Freistoß einfach mal beherzt draufzimmerte.

Steigerungsfähige Schiedsrichterinnen

Die Verteidigerin Bruna ist mit Äquatorialguinea bereits ausgeschieden, trotzdem muss über die Dame auch weiter noch geredet werden. Denn die Frau, deren Name wie ein Erfrischungsgetränk klingt, wird bei künftigen Fifa-Seminaren im Rahmen der Schiedsrichterinnen-Ausbildung als Beispiel dafür heranhalten müssen, welch maues Niveau bislang die Unparteiischen bei dieser WM gezeigt haben.

Die Südkoreanerin Sung Mi Cha etwa hatte beim Spiel der Deutschen gegen Nigeria offenbar eine Pfeifenallergie entwickelt und dafür umso mehr Energie in die Gesichtsmuskulatur gelegt: Mit einem Dauerlächeln ließ sie Fouls geschehen, deren unkaschierte Grobheit selbst hartgesottene Fußballkenner zusammenzucken ließ. Die Amerikanerin Kari Seitz wiederum übersah beim Spiel Brasilien gegen Norwegen vor dem Führungstreffer von Marta nicht nur ein klares Foul, sondern auch etliche andere Nickeligkeiten.

Das alles wäre ernsthaft zu diskutieren, auch Frauen können hart sein und so. Doch für das Handspiel von Äquatorialguineas Bruna im eigenen Strafraum, das der Aufmerksamkeit der Ungarin Gyoengyi Gaal verborgen blieb, bleibt nur ein ungläubiges Lächeln.

Bruna hatte in der 16. Minute mitten im Spiel gegen den späteren Sieger Australien (3:2) den Ball in die Hand genommen, nachdem er nach einem Torschuss an den Pfosten geprallt und von dort auf sie zugesprungen war. Ein Elfmeter für Australien wäre die logische Folge gewesen, doch Bruna ließ den Ball einfach fallen und passte ihn weiter - die Partie lief allen australischen Protesten zum Trotz weiter.

Man kann das mütterliche Nachsicht nennen oder weibliche Rücksicht, letztlich aber ist es schlicht so, dass die meisten Schiedsrichterinnen noch nicht mit der rasanten Entwicklung des Frauenfußballs Schritt gehalten haben.

Traditionspflege in der Abwehr

Eigentlich dürften sich die Brasilianerinnen über den übertriebenen Einsatz von altertümlichen Verteidigungsstrategien nicht beschweren. Sie treten bei dieser WM schließlich mit einer klassischer Ausputzerin an, was zeitgenössische Augenzeugen so sehr verwirrte, dass sie sich bislang nicht einmal auf einen Namen für diese Position einigen konnten: Libero, Libera, Liberin, Liberette - alles ist im Umlauf.

Die Brasilianerinnen haben sich aber trotzdem beschwert. Sie fanden es durchaus lästig, dass ihr Gruppengegner aus Äquatorialguinea noch ein wenig steinzeitlicher zu Werke ging. Marta wurde von Bruna gedeckt, und zwar auf eine Weise, die der Lehrmeinung auf deutschen Provinzsportplätzen in den achtziger Jahren entsprach: "Du verfolgst den Stürmer auf Schritt und Tritt, zur Not bis auf die Toilette!"

Mit diesem Merksatz ist eine ganze Generation von deutschen Vorstoppern groß geworden. Heutzutage droht dafür im Löw- und Sammerland fünf Jahre Einzelhaft. Aber das hat der 26-jährigen Bruna - die im Übrigen auch mit einem sagenhaften Handspiel gegen Australien von sich reden machte - vermutlich niemand ausgerichtet.

Wäre auch gar nicht nötig gewesen. Es ist nun einmal so, dass der Frauenfußball - bei allen taktischen Fortschritten - noch nicht das Niveau erreicht hat, auf dem nur Teams eine Chance haben, die kollektive verteidigen und kollektiv angreifen.

Die Brasilianerinnen standen mit ihrer Ausputzhilfe Daina bereits nach zwei Spielen im Viertelfinale. Ihr Trainer Kleiton Lima reagierte auf die Frage, was er gegen die allseits beliebte Viererkette einzuwenden haben, mit der überaus schlüssigen Antwort: "Ich habe nur drei gute Verteidigerinnen."

Neue Pässe für neue Spielerinnen

Ein letztes Mal, aber wirklich auch das letzte Mal, soll hier noch einmal die Spielerin Bruna zur Sprache kommen. Kleiton Lima, der Nationaltrainer Brasiliens, war wohl derjenige Trainer dieser WM, der die Spielerinnen Äquatorialguineas am besten kannte. "Die waren teilweise schon bei mir in den Auswahlmannschaften", meinte Lima und sprach damit ein Phänomen an, das im Männerfußball fast Normalität geworden, im Frauenfußball aber erst am Kommen ist.

Die Einbürgerung von Spielerinnen, die in einer mal näheren, mal entfernteren Familiengeschichte eine Verbindung zum Land der neuen Fußball-Auswahl haben. Das kleine Äquatorialguinea hatte fast mehr als eine Handvoll ursprünglich brasilianischer Spielerinnen im Team, die in Spanien geborene Jade Boho wurde noch vor der ersten WM-Partie suspendiert, weil sie bereits für Spanien aufgelaufen sein soll. Aserbaidschan, das 2012 die U17-Frauen-WM austrägt, hat diesen Trend aufgriffen: Ein Scout ist dabei, Spielerinnen aus ganz Europa zu casten. Schöne, neue Fußballwelt.

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Quelle:
SZ vom 09.07.2011/jüsc
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