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Frauen-Nationalmannschaft:Wembley als Wegweiser

Women's International Friendly - England v Germany

Fehlerwiedergutmachung in London: Merle Frohms pariert spektakulär den Elfmeter, den sie selbst verschuldet hatte.

(Foto: Andrew Boyers / Reuters)

Beim 2:1 gegen England zeigen die deutschen Fußballerinnen, dass sie sich wieder der Weltspitze nähern - zugleich versucht eine Delegation, von den Gastgebern zu lernen.

Von Anna Dreher, London/München

Klara Bühl hatte kurz gewartet und nach hinten geschaut. Dzsenifer Marozsán hatte sie natürlich längst gesehen, die Spielmacherin der deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Frauen hat ein Auge für Lücken und Laufwege wie nur wenige andere. Marozsán passte den Ball, und dann rannte Bühl los. Am Sechzehnmeterraum bog sie kurz nach links ab, dann schoss sie ins rechte Toreck, unhaltbar. Bühl sah das gar nicht richtig, weil sie von ihrer eigenen Dynamik zu Fall gebracht worden war. Weil sie zuvor schon viel gerannt war, sah es kurz so aus, als bliebe sie auf dem Bauch liegen. Aber wie sagte sie später? "Wir haben alles gegeben und wollten unbedingt gewinnen. So eine Kulisse puscht einen nur, damit gibt man automatisch zehn Prozent mehr." Also stand sie auf und sprang in die Luft.

77 768 Zuschauer bildeten beim Länderspiel gegen England im Londoner Wembley-Stadion die Kulisse, von der Bühl sprach. "Ein Geschenk für den Entwicklungsprozess jeder einzelnen Spielerin", sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. 90 000 Tickets waren verkauft worden, was den Weltrekord nur um 185 verfehlt hätte. Auch so wurde es ein außergewöhnlicher Abend. Ganz so, wie sich das Spielerinnen, Verantwortliche und Fans für die Zukunft wünschen. Nicht als Ausnahme, sondern als Normalität. Ein Abend, der gezeigt hat, dass mit Engagement, Werbung, Vermarktung und finanzieller Unterstützung viel bewegt werden kann - wenn man denn will. Und England will, motiviert von der EM 2021 im eigenen Land, die zu einem großen Fußballfest werden soll. Schon jetzt setzt die Liga, die einzige professionelle in Europa, Maßstäbe. Und dass der Frauenfußball auf der Insel gesellschaftlich einen hohen Stellenwert einnimmt, zeigte sich am Samstag erneut.

Bühl war mit ihrem siebten Tor im zehnten Einsatz zum 2:1 (1:1)-Endstand in einem schnellen, intensiven und unterhaltsamen Spiel also gewissermaßen der Stimmungskiller. Als sie traf, waren schon 90 Minuten vorbei. Zuvor hatten Kapitänin Alexandra Popp per Kopfball die Führung (9. Minute) und Ellen White den Ausgleich (44.) erzielt. Und die Engländerinnen, die nun nur eine ihrer vergangenen sieben Partien gewinnen konnten, wollten natürlich auf gar keinen Fall verlieren. Schon 2014, als in Wembley gegen Deutschland mit 45 619 Zuschauern ein Rekord aufgestellt wurde, hatte das nicht geklappt. Und nun: schon wieder nicht! Dabei sicherte ein Sieg kein Weiterkommen, er brachte keinen Titel. Am Samstag ging es vor allem darum, ein Zeichen zu setzen.

Dieses Jahr hatte für das DFB-Team mit Voss-Tecklenburg als neuer Bundestrainerin mit viel Aufbruchsstimmung begonnen und war zu Beginn der WM im Sommer auch so erfreulich weitergegangen. Bis zum Viertelfinale, als gegen Schweden Schluss war und damit die Qualifikation für die Sommerspiele 2020 verpasst wurde. Die Titelverteidigung: geplatzt. Die Stimmung: belastet. Sich hinterfragen, Fehler eingestehen, das war alles nicht angenehm. Die anschließende EM-Qualifikation hat das Team bisher problemlos bewältigt, gegen schwächere Gegner allerdings. Wembley fungierte also als Standortbestimmung, als Antwortgeber auf drängende Fragen: Wo steht das Team? Wie weit entfernt ist der zweimalige Welt- und achtmalige Europameister von der Weltspitze? Ist der Umbruch erfolgreich vollzogen?

"Wir befinden uns in einem Prozess, und der ist noch lange nicht zu Ende", sagte Voss-Tecklenburg. Das Zusammenspiel von erfahrenen und jungen Nationalspielerinnen jedenfalls klappte gut, die Deutschen bauten früh so viel Druck auf, dass die Engländerinnen - bei der WM noch mit furiosem Offensivfußball aufgefallen - Schwierigkeiten hatten, dagegenzuhalten. Verunsicherung war trotz der ungewohnten Kulisse keine zu spüren, selbst bei den mit 17, 18 und 19 Jahren Jüngsten in der Startelf nicht, bei Lena Oberdorf, Bühl und Debütantin Sophia Kleinherne. Dass in Svenja Huth, Giulia Gwinn und Stammtorhüterin Almuth Schult wichtige Spielerinnen verletzt fehlten, fiel kaum auf. Die Torhüterin Merle Frohms sorgte gar für zwei der auffälligsten Szenen: Erst verursachte die 24-Jährige einen Elfmeter, parierte den Schuss von Nikita Parris dann jedoch mit dem linken Bein.

Um die personelle Ausrichtung muss sich Voss-Tecklenburg also zum Jahresende kaum Sorgen machen. Aber es ging eben nicht allein um das rein Sportliche. Wie wichtig dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) der Frauenfußball inzwischen zu sein scheint, zeigte sich auf den Zuschauerrängen: Verbandspräsident Fritz Keller war mit Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg, Vizepräsident Rainer Koch und Joti Chatzialexiou, Sportlicher Leiter Nationalmannschaften, angereist. In Gesprächen mit dem englischen Verband sollte in Erfahrung gebracht werden, wie auch in Deutschland wieder Zehntausende zu einem Frauen-Länderspiel kommen können. Um die Professionalisierung der Ligen dürfte es ebenso gegangen sein. "Wir müssen von den Engländern lernen, wie der Frauenfußball hier in der Gesellschaft festgeschrieben ist. Das kriegen wir in Deutschland auch hin", sagte Keller. "So ein Sieg mit so einer jungen Truppe, hier vor dieser Kulisse - das zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir werden sicherlich wieder in die Weltspitze kommen." 2020 will der DFB ein bis zwei Spiele gegen international starke Gegner in größeren Stadien testen. England wäre einer Revanche sicher nicht abgeneigt.

© SZ vom 11.11.2019
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