FrauenMoskito stillt den Durst

Lesezeit: 3 Min.

Die in Russland geborene Amerikanerin Sofia Kenin, 21, beherrscht die Kunst, ihre Gegner zu nerven. So hat sie ihren Grand-Slam-Traum früher erfüllt als erwartet

Von Barbara Klimke, Melbourne

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Als Sofia Kenin spätnachts den großen Interviewraum betrat, drückte ihr jemand ein Glas Sekt in die Hand. Vor ihr auf dem Tisch stand der große Silberpokal, den ein Helfer mit weißen Handschuhen vorsichtig ausgerichtet hatte. "Na sdorówje, everyone!", sagte sie lachend, das Glas erhebend, bevor sie nach einem winzigen Schlückchen das Glas abstellte. Mit einer passenderen Begrüßung hätte die fröhliche Australian-Open-Siegerin aus Florida den Überschwang der Gefühle am Samstag in der Krönungsstunde ihrer Karriere kaum zusammenfassen können.

Über welches Temperament, welche Entschlossenheit sie von Anfang an verfügte, war schon im Laufe des Turniers einer breiteren Öffentlichkeit klar geworden, als ein Video aus dem Jahr 2005 in Melbourne die Runde machte. Es zeigt Sofia Kenin im Alter von sechs Jahren bei einem Turnier in Sunrise/Florida, als sie einem Reporter erklärt, dass ihr großer Traum darin besteht, Tennisprofi zu werden: "Weil ich ein Champion und die Nummer eins sein will." Die Sequenz bringt Sofia Kenin heute noch zum Lachen. Besonders, weil das winzige Mädchen in dem Film bei der Gelegenheit auch noch sehr ernsthaft auf die Scherzfrage des Fernsehmanns einging, der von ihr wissen wollte, wie es den Aufschlag von Andy Roddick zurückzuschlagen gedenke, der damals ihr Lieblingsspieler war: "Früh vorbereiten", sagte die kleine Sofia, "und mit kurzer Ausholbewegung." Roddick, das nur am Rande, ging in die Annalen seines Sports als US-Open-Sieger von 2003 und Brachial-Aufschläger mit einer Ballspitzengeschwindigkeit von 249 km/h ein.

Aufgepufft am Morgen danach: Kenin posiert mit Pokal am Yarra River, nicht auf einer Picknickdecke, sondern in einem eigenwilligen Kleid.
Aufgepufft am Morgen danach: Kenin posiert mit Pokal am Yarra River, nicht auf einer Picknickdecke, sondern in einem eigenwilligen Kleid. Greg Wood/AFP

Ihren Traum hat sich Sofia, 21, nun erfüllt. Natürlich nicht, indem sie Roddick schlug, der die Laufbahn längst beendet hat. Sondern indem sie ein Champion wurde - und zwar weit früher als allgemein erwartet. Drei Turniertitel hatte sie 2019 auf der WTA-Tour gewonnen (in Hobart, Mallorca, Guangzhou). In ihrem ersten Endspiel bei den Australian Open, ihrem ersten Finale überhaupt bei einem derart wichtigen Turnier, bezwang sie die fünf Jahre ältere Garbiñe Muguruza, eine zweimalige Grand-Slam-Siegerin, dank ihrer druckvollen, variablen Schläge und ihrer eisernen Nerven 4:6, 6:2, 6:2. Sie ist nun die jüngste Siegerin in Melbourne seit der Russin Maria Scharapowa, ihrem großen Vorbild, vor zwölf Jahren. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass sich ihre Lebenswege in manchem Detail gleichen.

Denn wie Scharapowas Vater, der seine Tochter in Florida zu einer der weltbesten Spielerinnen ausbilden ließ, zog es auch Alexander Kenin und seine Frau Swetlana, eine frühere Krankenschwester, in die USA. Sie verließen die Sowjetunion 1987 nach mehreren Ausreiseanträgen bloß mit ein paar hundert Dollar in der Tasche. Kurz nur kehrten sie 1998 für die Geburt von Sofia nach Moskau in den Kreis der Familie zurück. Er habe seinen Kindern in Amerika "ein besseres Leben ermöglichen" wollen, erzählte der Vater, der bis heute ihr Trainer ist, vergangene Woche in Melbourne, als er mit Reportern sprach. Da hatte seine Tochter, die anders als Scharapowa von Anfang an für die USA spielte, auf dem Weg ins Finale bereits im Achtelfinale das 15-jährige US-Talent Cori Gauff und im Halbfinale Australiens Weltranglistenerste Ashleigh Barty aus dem Turnier geworfen.

Forsch, frech, fordernd: Sofia Kenin auf schnellen Beinen.
Forsch, frech, fordernd: Sofia Kenin auf schnellen Beinen. Daniel Pockett/Getty

Doch der Weg war nicht immer leicht. Zum einen, weil Kenin zwar eine zähe, aber eben auch kleine, schmächtige Spielerin war, die 1,70 Meter misst; zum anderen weil der Vater, ein Computertechniker, nachts zusätzlich für einen Fahrdienst arbeitete, um den Familienunterhalt zu verdienen. In dieser Zeit hat Kenin, die als Federgewicht oft gegen größere, kräftigere Gegnerinnen bestehen musste, ihren Stil entwickelt. "Moskito", so nannte Rick Macci, einer ihrer Jugendtrainer in Florida, sie einst, wie er der New York Times erzählte. "Sie schwirrt die ganze Zeit um einen herum" und gehe damit Gegnerinnen auf die Nerven. Beeindruckend sei schon früh ihre Entschlossenheit gewesen und ihr exzellentes Timing bei der Ballannahme.

Mit dieser Einstellung ist Kenin auch ins Finale gegen Muguruza gegangen, in dem sie oft mutiger als die Gegnerin wirkte, die 2016 bei den French Open und 2017 in Wimbledon triumphiert hatte. Muguruza wird seit dieser Saison wieder von Conchita Martinez trainiert und hat unter Anleitung der früheren Weltklassespielerin zu alter Stärke gefunden. Am Samstag jedoch unterliefen ihr zu viele Fehler. Das Match kippte zugunsten von Kenin, als es ihr beim Stand von 2:2 und 0:40 im dritten Satz gelang, das Spiel noch zu retten. Fünf lange Ballwechsel beendete sie jedes Mal mit einem Gewinnschlag: "Die fünf besten Schläge meines Lebens", befand sie hinterher. Von da an habe sie gewusst, dass sie sich die Trophäe schnappen kann.

Sie ist nun die Nachfolgerin der Japanerin Naomi Osaka, die beim Titelgewinn vor einem Jahr nur 22 Tage älter war. Seit 2017, als Serena Williams, die langjährige Herrscherin über das Frauentennis, den bislang letzten ihrer 23 Grand-Slam-Titel in Australien gewann, haben zehn verschiedene Spielerinnen bei den vier großen Turnieren triumphiert. Sofia Kenin hat sich Samstagnacht, als der Pokal vor ihr stand, dann noch einmal an ihren Vater im Pressesaal gewandt. "Ich habe ihm zu danken", sagte sie. "Wir haben beide davon geträumt."

© SZ vom 03.02.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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