Wer Patricia Guijarro während Fußballspielen in die Augen sieht, wird meist ihre Wut erkennen. Wie gut oder wie schlecht sie und ihre Mannschaft spielen, wie der Spielstand ist, das alles wirkt bei Guijarro nachrangig. Es geht nur darum, dass die nächste Aktion auf dem Feld perfekt ist. „Manchmal fragen mich meine Teamkolleginnen, ob mir Fußballspielen Spaß macht“, sagte die 27-Jährige vor einigen Tagen bei einer Pressekonferenz: „Sie sehen dann nur meinen Gesichtsausdruck, ich bin sehr anspruchsvoll.“ Eine kurze Pause folgte danach, als müsste sie sich selbst noch einmal dran erinnern, dass Fußball mehr ist als nur das Streben nach Perfektion: „Aber … doch, natürlich genieße ich es auch.“
Im Umfeld der spanischen Nationalelf ist der unbändige Antrieb der Patricia Guijarro, die alle Patri nennen, ein wiederkehrendes Thema dieser Tage vor dem Halbfinale gegen Deutschland an diesem Mittwoch (21 Uhr). Weil man die Unterschiede bemerkt, zwischen einem Team, das einen Weltmeistertitel gewann – und einem, das nun erstmals eine EM gewinnen möchte. Was allen voran mit der zentralen Spielerin im Mittelfeld zu tun hat.

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Guijarro war die Rolle in der Mitte früh zugeteilt worden, sie konnte diese nur nicht immer ausfüllen. Wie Spaniens Frauenfußball die Weltspitze eroberte, kann man mit ihr am besten erklären: Wie Aitana Bonmatí im Jahr 1998 geboren, war sie an den vielen Nachwuchsturnieren beteiligt, die die Spanierinnen seit 2013 dominierten. Guijarro, die früh erwachsen wurde, die mit 17 Jahren schon aus der Heimat auf Mallorca in die Talentschule des FC Barcelona wechselte, ist ein Paradebeispiel dafür, was professionelle Jugendarbeit im Frauenfußball bewirken kann. Nur erkannte auch sie, dass der spanische Verband von ihr mehr profitierte als andersherum.
Dass sich diese Europameisterschaft so anders anfühlt für die Spanierinnen, hat auch damit zu tun, dass Guijarro keine Weltmeisterin ist. Als Teil der Gruppe „Las 15“, die 2022 ein Dreivierteljahr vor dem WM-Titel unter Protest die Nationalmannschaft verließen, blieb sie auch dem Turnier in Australien und Neuseeland fern. Während etwa Bonmatí und Alexia Putellas sich zur Teilnahme bereit erklärten, blieben Guijarro und die ehemalige Kapitänin Mapi León zu Hause. Sie sahen wie der Rest der Welt zu, als der Verbandspräsident Luis Rubiales auf öffentlicher Bühne die Spielerin Jenni Hermoso küsste – und eine weltweite Welle des Protests auslöste, die in Wahrheit schon Monate unterwegs war.
Als das Nationalteam einen Monat danach wieder zusammenkam, war Rubiales nicht mehr Präsident und der ebenfalls heftig für seinen Umgang mit den Spielerinnen kritisierte Jorge Vilda nicht mehr Trainer. Guijarro aber schaute immer noch grimmig drein: „Es hat sich einiges geändert, aber nicht alles“, sagte sie – und reiste wieder ab, gemeinsam mit León. Es brauchte viele Gespräche mit Trainerin Montserrat Tomé darüber, dass der spanische Fußballverband wirklich tiefgreifende Veränderungen anstrebt, um Guijarro zur Rückkehr zu bewegen. Sie erfolgte bei den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr, nach fast zwei Jahren Pause. „Ein Wiedersehen“ sei das gewesen, aber immer mit dem Fokus auf die Europameisterschaft: „Ich werde nicht lügen, für mich ist es sehr besonders, hier zu spielen.“
Tomé war es, die die Rückkehr forcierte und einen engen Draht zu Guijarro unterhält – weil sie den gesamten Spielstil an ihre Centrocampista angepasst hat. Spanische Mittelfelddreiecke sind der Fußballwelt seit der Glanzzeit des Trios Busquets/Xavi/Iniesta ausreichend bekannt, sie funktionierten im Männerfußball jahrelang nach einem klaren Muster aus einem defensiveren Akteur und zwei davor gestaffelten offensiven. Auf dem Papier sieht die Struktur der Spanierinnen im Jahr 2025 gleich aus – Guijarro hinter Bonmatí und Putellas –, weshalb man sie auf den ersten Blick als Defensivspielerin ansehen könnte. Das allerdings wäre ein Fehler.
„Sie ist die Basis unseres Spiels. Diejenige, die uns dirigiert. Sie stachelt uns dazu an, besser zu werden“, sagte vor einigen Tagen Vicky López, die als Alternative zu Bonmatí und Putellas vor Guijarro spielen kann. Alle vier stehen in Diensten des FC Barcelona, wie überhaupt die überwiegende Mehrheit des Nationalteams – im Viertelfinale gegen die Schweiz waren acht Spielerinnen in der Startelf aus Katalonien. Sie kennen Guijarros Qualitäten schon lange: „Für mich ist sie immer noch unterbewertet. Wenn man sich bei einem Spiel mal nur auf sie konzentriert, wird man ein Lächeln auf den Lippen haben – aber nicht, weil sie eine Show bietet“, sagt López.
„Manchmal ist es nur schwer, mitzuhalten, weil sie Zuspiele sieht, die man als Mitspielerin gar nicht erwartet“
Es sind ihre Pässe, mit denen Guijarro wie vielleicht keine andere vor ihr das Gefühl erzeugen kann, dass ein Fußballspiel ihr gehört und alle anderen nur daran teilnehmen: 292 Pässe hat sie bei der EM bislang erfolgreich zu einer Mitspielerin gespielt, mehr als jede andere im Turnier. Nur Putellas und Innenverteidigerinnen anderer Teams können da mithalten. Allerdings: Guijarro ist nicht auf Sicherheit bedacht. „Ihre Pässe sind immer nach vorne gerichtet“, sagt López: „Manchmal ist es nur schwer mitzuhalten, weil sie Zuspiele sieht, die man als Mitspielerin gar nicht erwartet.“
Der Moment, um endgültig aus dem Schatten zu treten, scheint für Guijarro in diesem Jahr gekommen zu sein, der EM-Titel wäre ihre Krönung. Die vier vergangenen Titel als Weltfußballerinnen haben sich Putellas und Bonmatí untereinander aufgeteilt, ein Votum für die Dritte im Bunde erscheint in diesem Jahr immer wahrscheinlicher.
Man kann sich allerdings auch denken, was die Mannschaftsspielerin Guijarro von solchen Debatten um Einzelauszeichnungen hält: „Ich lege darauf nicht viel Wert“, sagte sie im Oktober 2023, als ihre Absage für die WM auch bedeutete, dass sie keine Rolle mehr bei der Weltfußballerinnenwahl spielen würde – obwohl sie im Frühjahr mit zwei Toren das Champions-League-Finale entschieden hatte. Guijarro aber folgte damals ihren Überzeugungen. Bis sie zurückkehrte, um Spaniens siegreiche Nationalmannschaft auf ein noch höheres Niveau zu heben.

