Jeden Tag wacht Heiden in diesem Juli einmal kurz auf. Hier verspürt man die Gemütlichkeit einer kleinen Schweizer Gemeinde, hoch über dem Bodensee, wo die Zahnradbahn im Stundentakt den Berg hinunterfährt, aber sonst Ruhe herrscht. Wenn nicht gerade gut gelaunte Französinnen laut lachend über den Hauptplatz spazieren. Die Pressekonferenzen, immer um 14 Uhr, haben sich bei der EM inzwischen einen Ruf als komödiantische Veranstaltungen erarbeitet, auf denen Spielerinnen vor lauter Gelächter vergessen, die Fragen zu beantworten. Die Bühne für die Französinnen ist dann der Tagungssaal des Hotel Heiden, das mit dem Slogan „Wellness am Bodensee“ wirbt. Und dieses Versprechen ganz offensichtlich einhält.
Wie ein Sommerurlaub in den Bergen fühlt sich diese Europameisterschaft bislang an für die französische Nationalmannschaft, die sich mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit ins Viertelfinale spielte. Mit einem Glücksgefühl, nach dem sie lange gesucht haben im französischen Frauenfußball, der seine Vergangenheit hinter sich gelassen hat – und sich daher Hoffnungen macht auf den großen Wurf, einen lange ersehnten Titel.
Um die unterhaltsamen Französinnen zu verstehen, sollte man zurückblicken auf den 22. Mai, den Tag der Revolution. Wendie Renard, Eugénie Le Sommer und Kenza Dali, das waren die drei Namen, die Nationaltrainer Laurent Bonadéi nicht nannte, als er seinen Kader für die EM präsentierte. Damit verzichtete er auf die drei definierenden Spielerinnen der vergangenen Dekade, „wohlüberlegt“, wie er sagte. Im ersten Moment wirkte er wie ein Architekt, der ein Haus ohne Fundament, Fenster und Dach bauen möchte. Bonadéi selbst erklärte sich wie ein Physiker: „Einstein sagte, Wahnsinn sei, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Weil ich mir für dieses Team andere Ergebnisse wünsche, habe ich beschlossen, die Dinge anders zu machen.“
Drei verschiedene Kapitäninnen führten Frankreich in den Gruppenpartien aufs Feld
So kontrovers die Entscheidung öffentlich debattiert wurde, so gut ist sie inzwischen gealtert, der Hausbau hat Formen angenommen. Auch weil der Nationaltrainer nicht an das Publikum dachte, sondern an seine Mannschaft. In den richtigen Worten, so hört man, habe er seinen Spielerinnen kommuniziert, warum er einen Neustart für nötig hielt und wie er sie dadurch bestärken wollte in ihrer freien Entfaltung. Bonadéi hatte in seiner Rolle als Co-Trainer seit 2023 ausreichend Eindrücke gesammelt über den Charakter des Teams und die Schwierigkeiten der jungen Generation: Allen voran Renard gilt als eine so einnehmende Spielerin, dass neben ihr kein Platz war. Gerade die große Fraktion aus Lyon-Spielerinnen wie der Außenverteidigerin Selma Bacha blickte zwar zu ihr als Anführerin auf – aber traute sich nicht, aus dem Schatten zu treten.
Turniere aber werden vor allem aufgrund des Zusammenhalts in der Kabine gewonnen, den Frankreich bei den vergangenen Welt- und Europameisterschaften nie ausreichend entwickeln konnte. Weshalb Bonadéi sich entschied, die Monarchie zu stürzen.
So entstanden die modernen Les Bleues, die sich darüber definieren, dass niemand mehr herausragt. Sicher, es gibt einprägsame Charaktere: Bacha gilt als eine der lustigsten Wortführerinnen, die das Team unterhält, Delphine Cascarino ist die erfolgreichste Scorerin, Torhüterin Pauline Peyraud-Magnin ein sicherer Rückhalt. Drei verschiedene Kapitäninnen führten Frankreich in den Gruppenpartien aufs Feld, weil die offizielle Renard-Nachfolgerin Griedge Mbock bislang verletzt ausfiel. Es ist eine schwesterliche Gemeinschaft entstanden, die unter der alten Hierarchie nie möglich war: Bis auf Mbock und zwei Ersatztorhüterinnen kam jede Spielerin bereits zum Einsatz, weitgehend gelang das ohne fußballerischen Qualitätsverlust. Was wiederum vom unheimlichen Talent dieser Gruppe erzählt.
Frankreich spielt unter Bonadéi einen Stil, der geprägt ist von kurzen Pässen und viel Freiheit: Gerade die Offensive um Cascarino, Stürmerin Marie-Antoinette Katoto und Sandy Baltimore soll ihre eigenen Laufwege und Lösungen im Dribbling finden. Wenn sie denn überhaupt in dieser Besetzung spielen: Die Unberechenbarkeit, sie gilt auch für die Aufstellung. Wie die aussehen wird, ist vor den Spielen so unklar, dass die mitgereisten Journalisten bei den Häusern um den Trainingsplatz im benachbarten Ort Thal herum klingeln, um vom Balkon aus das Abschlusstraining beobachten zu können.
Der Verband wehrt sich inzwischen dagegen und sucht mit Drohnen im Wald nach den Reportern, doch selbst dieses Katz- und Maus-Spiel wird mit einem gewissen Humor abmoderiert. „Es ist immer noch nur Fußball“, sagte Bacha auf einer der Pressekonferenzen, „wir wollen diese familiäre Atmosphäre, auch mit den Zuschauern und sogar den Journalisten.“ Dass die leichter zu erhalten ist, solange die Ergebnisse stimmen, ist allerdings auch ein Teil der Wahrheit.
Bonadéi und sein Team werden an diesem Viertelfinale gegen Deutschland gemessen wie jede Nationalmannschaft vor ihnen, die Erwartungen sind nach der Gruppenphase rekordverdächtig hoch. Aus dem friedlichen Gelächter in Heiden könnten auch schnell wieder kontroverse Debatten zu Hause in Paris werden, sollte die Partie am Samstag verloren gehen: Defensiv, gerade in der Innenverteidigung, wirkten die Französinnen noch anfällig. In allen drei Spielen kassierten sie Gegentore, die offensiven Erfolge verdeckten die Nachfragen nach der fehlenden fußballerischen Präsenz von Renard, die ohne Frage weiterhin eine brillante Verteidigerin ist.
Dass die charakterliche Revolution notwendig war, auch für die mittelfristige Zukunft, hinterfragt allerdings niemand mehr. Die Neuerfindung der französischen Nationalmannschaft war überfällig und ist Bonadéi unabhängig vom Ausgang des Turniers gelungen. Dank spielerischer Freiheit, einer Ausgeglichenheit im Kader und einer Geschwisterlichkeit unter den Spielerinnen. Dem Dreiklang aus Liberté, Egalité, Fraternité, in gewisser Weise.

