Giulia Gwinn ist nicht nur das bekannteste, sondern wohl auch das beste Sprachrohr im deutschen Frauenfußball. So geriet die Führungsspielerin des FC Bayern nicht annähernd in Verdacht, aus dem 3:1 im Bundesliga-Gipfeltreffen beim VfL Wolfsburg die falschen Schlüsse abzuleiten. Nur weil die Doublesiegerinnen 2025 aus München die nationale Spitze zurückerobert haben, ist die 1:7-Schmach in der Champions League beim FC Barcelona nicht getilgt. Nach Spielschluss zählte Gwinn, 26, noch mal die lange Mängelliste bei der internationalen Lehrstunde wenige Tage zuvor auf: „Die Körpersprache war falsch. Wir haben die Zweikämpfe nicht angenommen. Wir haben viele Dinge, auf die wir die Basics drauflegen wollen, nicht gemacht.“ Immerhin habe man nun beim ärgsten Ligarivalen eine „andere Präsenz und andere Einstellung“ an den Tag gelegt.
Vor allem Bayern-Trainer José Barcala wirkte erleichtert. „Das war sehr wichtig für unser Selbstvertrauen. Wir hatten eine sehr schwierige Aufgabe, aber in schwierigen Momenten zeigen sich erfolgreiche Mannschaften“, sagte der Spanier, wohl wissend, dass die Meisterschaft das Mindeste ist, was auf dem Bayern-Campus von ihm erwartet wird. Im Heimspiel gegen Juventus in der Königsklasse (Donnerstag, 21 Uhr) soll nun der zweite Teil eines erfolgreichen Verarbeitungsprozesses folgen. Sportdirektorin Bianca Rech erzählte, dass die vergangenen Tage kaum jemand gut geschlafen habe: „Man sieht es an den Augenrändern.“ Eines aber betonte sie nach jenem „Tag zum Vergessen“ beim Sender Magenta: „Wir sind nach wie vor vom Kader, vom Trainer überzeugt, da lasse ich gar keine Zweifel dran.“ Derlei Treuegelübde untermauert ein Team am besten mit Leistung, insofern war der Auftritt am Mittellandkanal wirklich ein Statement.
Vor allem Nationalspielerin Klara Bühl ging bei den Bayern voller Entschlossenheit voran, sie demonstrierte nicht nur beim 1:0 (27.) ihre individuelle Qualität. Die Stürmerin freute sich darüber, „ein wildes Spiel“ gewonnen zu haben. Dass immerhin elf deutsche EM-Teilnehmerinnen mitspielten, freute auch Christian Wück. Der Bundestrainer hat keinen Grund, seine von ihrer Innenbandverletzung genesene Kapitänin Gwinn für die Nations-League-Halbfinals gegen Frankreich (24. und 28. Oktober) nicht zu berufen, zumal die Anführerin ausrichtete: „Der Akku ist voll. Ich habe so lange in der Reha gearbeitet. An der Fitness soll es nicht scheitern.“ In Barcelona hatte eine der weltbesten Rechtsverteidigerinnen keine Minute mitwirkt – in Wolfsburg spielte Gwinn durch.
Was Wück als einer von 12 495 Augenzeugen ebenso positiv wahrnahm: Talente wie Cora Zicai (Wolfsburg) oder Franziska Kett (Bayern), beide 20, spielten von Beginn an, überdies setzte die eingewechselte Alara, 18, sehenswert den Schlusspunkt zum 3:1 (90.+5) für die Bayern, nachdem VfL-Spielerin Joelle Wedemeyer wegen einer Notbremse (90.+3) Rot gesehen hatte. Bayerns Toptalent Alara könnte bereits gegen die Französinnen in der Neuauflage des EM-Viertelfinaldramas als Spielmacherin getestet werden. Die Analyse habe nämlich ergeben, erklärte Wück zuletzt, „dass unsere Zehner-Position nicht funktioniert hat.“ Gut möglich, dass Frankfurts Kapitänin Laura Freigang am Dienstag nicht nominiert wird, sie steckt in einer Formkrise.
Seit dem 2:4 im Supercup gegen die Bayern ist der umgebaute VfL zu einer Einheit zusammengewachsen
Ein anderer Kritikpunkt von Wück wurde am Samstag widerlegt: Zumindest im Topspiel stimmte die Intensität. Wolfsburg sollte sich damit trösten, dass der Abstand zum Primus wirtschaftlich vielleicht gewachsen, sportlich aber womöglich kleiner geworden ist. Die ehemalige Münchnerin Lineth Beerenstyn hatte den nicht unverdienten 2:2-Ausgleich auf dem Fuß (77.). Wolfsburg brachte den Bayern zudem das erste Gegentor in der Liga bei, wobei eine Slapstick-Einlage von Arianna Caruso mithalf, der erst ein Befreiungsschlag missglückte, ehe die italienische Nationalspielerin den Schuss von Janina Minge entscheidend abfälschte (48.). „Dann waren wir super im Spiel drin, fangen uns ein extrem bitteres Gegentor“, sagte Minge, die stellvertretende Kapitänin der DFB-Frauen, die mit dem Spielverlauf haderte: Bei einer eher harmlosen Flanke von Gwinn traf die Japanerin Momoko Tanikawa per Direktabnahme zum 2:1 (57.) für München.
Danach mussten die Bayern noch mächtig zittern. Nach gewaltigen, zum Teil auch gewollten Veränderungen im Sommer ist der Herausforderer Wolfsburg schneller als gedacht zu einer Einheit zusammengewachsen. VfL-Geschäftsführer Peter Christiansen erteilte dafür ein Sonderlob: „Ich muss sagen, mit diesem großen Umbruch haben Ralf (Kellermann, Direktor Frauenfußball, Anm. d. Red.), Stephan (Lerch, Trainer) und die Gruppe der Frauen das wirklich top gemacht.“ Der Supercup vor sechs Wochen gegen die Bayern (2:4) kam zu früh, aber diesmal trug der Werksverein einiges zu einem unterhaltsamen Spitzenspiel bei. Und in der Champions League besitzt der Meisterschaftszweite Wolfsburg nach einem furiosen Heimsieg gegen Paris St. Germain (4:0) vor dem Auswärtsspiel bei Valerenga Oslo (Mittwoch, 18.45 Uhr) sogar die bessere Ausgangslage als der FC Bayern, der wohl noch eine ganze Weile die in Barcelona erlittene Wunde versorgen muss.

