An guten Tagen kann man von der Stockhorn-Arena aus in die Idylle sehen. Eiger, Mönch und Jungfrau sind nur eine Schifffahrt über den Thuner See und ein paar Kilometer rauf nach Lauterbrunnen entfernt, die imposante Dreifaltigkeit des Berner Oberlands aber deutet sich auch schon vom Stadion des FC Thun aus in der Ferne an. Der Montag allerdings war kein guter Tag, dichte Regenwolken hatten sich in weiten Teilen der Schweiz ausgebreitet und verstellten den Blick Richtung Berge. Als hätte jemand am Thermostat gedreht, wurde aus der Hitzewelle eine Frischluftkur. Und in der Stockhorn-Arena zu Thun konnte man sich deshalb entweder mit dem Ausblick auf das benachbarte Einkaufsgebäude, das natürlich Panorama-Center heißt, begnügen. Oder aber der Dreifaltigkeit zusehen, die gerade auf der Durchreise war.
Wie eine Art Wanderzirkus zieht die spanische Nationalmannschaft derzeit durch die Schweiz, nach zwei EM-Spielen hat sie bereits elf Tore erzielt und so viele Pässe gespielt, dass einem die Statistiker nur leidtun können. Sagenhafte 744 waren es am Montag gegen Belgien, bei einem 6:2, das kurzzeitig sogar mal einen Hinweis auf Schwächen in der Vorstellung gab. Und bei dem der Viertelfinaleinzug doch am Ende zu einer Machtdemonstration wurde, diesmal sogar mit allen Hauptdarstellerinnen.
Das spanische Äquivalent zu Eiger, Mönch und Jungfrau nämlich spielt im Mittelfeld der Nationalmannschaft und des FC Barcelona: Patri Guijarro, Alexia Putellas und Aitana Bonmatí stehen als imposantes Dreieck in großer spanischer Tradition. Seit Busquets/Xavi/Iniesta bei den Männern hat keine Elf mehr so viel Qualität in der Zentrale gehabt. Mit einer Einschränkung: Im Nationalteam hat man dieses Dreigestirn noch gar nicht oft erleben können vor diesem Turnier in der Schweiz.
Die Geschichte von Patri, Alexia und Aitana ist nämlich auch eine davon, wie man sich verpassen kann. 2022, bei der Europameisterschaft, verletzte sich die Weltfußballerin Putellas am Tag vor dem Turnier am Kreuzband und fiel aus. 2023, bei der Weltmeisterschaft, fehlte dann Guijarro, die ihren Protest gegen die schlechte Behandlung durch den Verband nicht unterbrechen wollte. Als nun vor einer Woche die Hiobsbotschaft Spanien erreichte, dass Bonmatí, Weltfußballerin von 2023 und 2024, mit einer Hirnhautentzündung im Krankenhaus liegt, dachte man kurz, der Fluch setze sich fort – bis sie doch schneller als gedacht zurückkehrte.
Zur zweiten Halbzeit rückte Bonmatí gegen Belgien wieder in die Mannschaft, für ihre sehr talentierte Vertreterin Vicky, ebenfalls vom FC Barcelona. Die 18-Jährige wird bereits als Nachfolgerin im Trio angesehen, für den Moment allerdings ist die Startformation bei Spanien noch eindeutig. Beweise dafür lieferte die zweite Halbzeit: Das blinde Verständnis zwischen den drei zentralen Spielerinnen sucht in den besten Spielphasen seinesgleichen. Wie im Fluss rotieren sie dann umeinander herum, lassen den Gegnerinnen keine Gelegenheit, überhaupt mitzuspielen, und bedienen die vielen guten Spielerinnen um sich herum: Dass etwa Mariona Caldentey und Cláudia Pina zu so vielen Abschlüssen kommen und Stürmerin Esther Gonzalez nach zwei Spieltagen schon drei Tore erzielt hat, liegt vorwiegend an den Vorlagen der drei Gestalterinnen.
Spaniens Alexia Putellas erreicht langsam wieder ihre Bestform
Gegen Belgien war es Putellas, die das Spiel diktierte. In der vermutlich besten Form seit ihrer schweren Verletzung von 2022 findet sich die 31-Jährige derzeit wieder. Sie „denke schnell“ und fühle sich „mental fit“, sagte Putellas später auf der Pressekonferenz, die Auszeichnung als Spielerin des Spiels hatte sie sich mit zwei Vorlagen und zwei Toren verdient: „Wenn ich sehe, wie unser Team in einen Flow kommt, wie wir zusammenspielen, dann fühle ich mich auch gut.“
Es scheint wirklich so zu sein, als könnten die Spanierinnen die Dramen der Vergangenheit in der Schweiz hinter sich lassen. Vereint und in sich ruhend wirkt das ganze Team, frei von den Debatten. Nicht nur jenen um den Verband und den Ex-Trainer Jorge Vilda, die das WM-Turnier von 2023 bestimmten, sondern auch von denen um Alexia und Aitana: Bis heute haben beide nicht das engste Verhältnis zueinander, sie sind grundlegend verschiedene Menschen – aber sie haben sich arrangiert, von den Eitelkeiten der Vorjahre Abstand genommen. Dass Putellas das einfacher fällt, jetzt, wo erneut sie im Vordergrund steht und nicht ihre Kollegin, gehört auch dazu: Bonmatí wird weitere Minuten brauchen, um in das Turnier zu finden – sie wirkte schon vor ihrer Verletzung etwas überspielt. Kein Wunder: Die Gewerkschaft Fifpro veröffentlichte am Montag die Zahlen zu ihrer Saison, die aus 54 Spielen und 41 500 Kilometern Reisestrecke bestand. Überbelastung ist auch im Fußball der Frauen ein Thema.
„Regeneration“ lautete daher das passende Stichwort, das Kapitänin Irene Paredes gleich mehrmals nannte. Der Innenverteidigerin und Chefperfektionistin missfielen noch manche Elemente im Spiel, „wir sind nicht zufrieden mit zwei Gegentoren“. Mit schnellen Kontern und guten Eckbällen wirken die Spanierinnen manchmal kurz schlagbar, zumindest so lange sie vorn nicht fünf oder sechs Tore erzielen. Als nächster Gegner darf am Freitag Italien versuchen, Lösungen zu finden, im Duell um den Gruppensieg. Es dürfte ein etwas härterer Test werden für den Wanderzirkus und seine Dreifaltigkeit.



