Im Sommer 2020 wurde das englische Frauenfußball-Nationalteam Teil einer Protestwelle im Sport, die sich weltweit ausbreitete. Der Kniefall vor dem Kick-off wurde einst vom amerikanischen Footballer Colin Kaepernick initiiert, der vor Spielen während der traditionell aufgeführten US-Nationalhymne auf die Knie ging. In Gedenken an George Floyd, jenen Mann, der 2020 an den Folgen von Polizeigewalt verstarb, verbreitete sich der Kniefall erneut. Eine Geste gegen Rassismus sollte das sein, die auch im Fußball Anklang fand, Debatten auslöste – und irgendwann wieder abebbte, wie so viele Protestaktionen.
Nur noch die Relikte blieben übrig, das Ende der Welle war bislang auch bei der EM zu sehen: Bis auf England und ihre jeweiligen gegnerischen Teams waren es nur die Schweiz und Island, die vor ihrem Spiel noch in die Knie gingen, der Rest verzichtete. Ab sofort sehen auch die Engländerinnen davon ab. Allerdings nicht, weil Rassismus im Sport besiegt wurde, sondern ganz im Gegenteil: Weil der Kniefall nicht mehr ausreicht.
Die englische Verteidigerin Jess Carter machte am Sonntag eine Mitteilung öffentlich, in der sie von den rassistischen Beleidigungen berichtete, die sie im Verlauf der EM erfahren hat. „Während ich denke, dass jeder Fan das Recht auf seine Meinung zu einer Leistung und einem Ergebnis hat, stimme ich nicht zu, dass es in Ordnung ist, Aussehen oder Rasse als Ziel zu nehmen“, schrieb Carter. Ihre Mitspielerinnen, der englische Fußballverband, ihr US-Verein Gotham City, die jeweiligen Ligen, die Uefa – sie alle teilten Carters Beitrag und verurteilten die rassistischen Beleidigungen, die die Fußballerin in sozialen Medien erreichten.
Englands Jess Carter, Verlobte von Deutschlands Nationaltorhüterin Ann-Katrin Berger, will sich aus den sozialen Medien vorerst zurückziehen
Carter hatte sowohl in der Auftaktpartie gegen Frankreich als auch im Viertelfinale gegen Schweden Kritik für ihre Auftritte bekommen. In beiden Spielen hatte sie als Außenverteidigerin Fehler gemacht und wurde deshalb von Trainerin Sarina Wiegman zwischenzeitlich auf einer anderen Position, als Innenverteidigerin, aufgeboten. Es blieb allerdings nicht bei inhaltlicher Kritik, sondern kam offenbar zu rassistischen Ausfälligkeiten – im englischen Fußball ist das keine Neuigkeit, sondern weiterhin Alltag. Der prominenteste Fall der vergangenen Jahre drehte sich um Carters männliche Kollegen Bukayo Saka, Jadon Sancho und Marcus Rashford, die nach verschossenen Elfmetern im EM-Finale 2021 in sozialen Medien Rassismus erfuhren.
Als Reaktion auf die Beleidigungen gegen Carter folgt nun – beim Halbfinale gegen Italien am Dienstag – auch der Abschied von der Knie-Geste. „Es ist klar, dass wir und der Fußball einen anderen Weg finden müssen, um Rassismus zu bekämpfen“, schrieben die Lionesses in einem Statement. Die FA gab zudem bekannt, dass sie mit der Polizei in Großbritannien zusammenarbeitet, um die Autorinnen und Autoren der Hasskommentare zu identifizieren und zu verfolgen. „Diejenigen, die hinter diesem Online-Gift stehen, müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, schrieb das Nationalteam.
Carter, Verlobte von Deutschlands Nationaltorhüterin Ann-Katrin Berger, kündigte zudem an, sich vorerst nicht mehr selbst in den sozialen Medien bewegen zu wollen, sondern dies einer Agentur überlassen zu wollen. Ihre Nationalteam-Kollegin Lotte Wubben-Moy zog sich ebenfalls von den Plattformen zurück, es sei „wieder mal ein Turnier, bei dem wir die gleichen ekelhaften rassistischen Beleidigungen sehen“, schrieb sie ernüchtert.
Ein zumindest kleiner Schatten legte sich daher über diese EM, die bislang bemerkenswert unpolitisch vonstattengegangen war: Offen, fair und tolerant präsentiert sich das Turnier in der Schweiz. Das allerdings gilt nicht für die Welt der Kommentarspalten in den sozialen Medien.

