Wie Sarai Linder im Duell mit Marie-Antoinette Katoto umknickte, sah schon nicht gut aus. Und dann noch die Behandlung, vor der Auswechselbank liegend, zwei, drei Betreuer um sich, die ihren Fuß dick mit Tape einwickelten. Minutenlang ging das. Offiziell standen die deutschen Fußballerinnen im Viertelfinale gegen Frankreich nach der roten Karte gegen Kathrin Hendrich von der 13. Minute an nur noch zu zehnt auf dem Platz. Genau genommen belastete sie die Unterzahl schon früher. Schließlich war Linder von der vierten bis zur zehnten Minute raus – und musste in der 20. Minute ausgewechselt werden. Am Sonntagabend verschickte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) dann die bittere Nachricht: Kapsel-Band-Verletzung am Sprunggelenk, Linder fällt für das Halbfinale gegen Spanien aus. Und Christian Wück wird sich gedacht haben: Ja, Herrschaftszeiten, was ist denn nur los!?
Seit die Fußball-Europameisterschaft in der Schweiz gestartet ist, muss der Bundestrainer improvisieren. Zum Auftakt in dieses Turnier verletzte sich Kapitänin Giulia Gwinn am Knie. Ihren Platz auf der rechten Abwehrseite nahm Carlotta Wamser ein, die dann im abschließenden Gruppenspiel gegen Schweden den Ball auf der Torlinie mit dem Arm abwehrte und im Viertelfinale rotgesperrt fehlte. Es folgte der Platzverweis gegen Innenverteidigerin Hendrich (wegen Haareziehens), die Verletzung von Linder auf der rechten Abwehrseite und eine zweite gelbe Karte gegen Sjoeke Nüsken, die also alle drei diesen Mittwoch (21 Uhr, ARD) zuschauen werden. Immerhin steht Wamser wieder zur Verfügung. Aber die Aufgabe gegen die Weltmeisterinnen wird angesichts der Ausfälle nicht leichter.
Dabei wäre das deutsche Nationalteam nach dem 6:5 im Elfmeterschießen gegen Frankreich schon genug damit beschäftigt, die Emotionen in den Griff zu bekommen. Was soll denn noch kommen nach so einem aufwühlenden Drama? Giovanna Hoffmann erzählte in einer Medienrunde, sie habe in der Nacht nicht einschlafen können, irgendwann sei die Sonne aufgegangen, und sie lag immer noch wach im Bett. Zu viel Adrenalin, zu viele Gedanken. So ging es vielen Spielerinnen und womöglich auch dem Trainer. „Ich glaube, wir brauchen jetzt drei Tage Eistonne und Erholung und dann schauen wir, ob wir noch elf Spielerinnen gegen Spanien aufstellen können“, sagte Wück nach einem Abend, der so außergewöhnlich war, dass der 52-Jährige gar einen Energieschub vermutete: „Das gibt uns mental noch mal einen riesigen Push.“
Auch gegen Spanien dürfte der defensivere Ansatz das Mittel der Wahl sein
Gegen die Spanierinnen kann das Selbstvertrauen allerdings auch gar nicht genug gepusht werden. Sie sind das fußballerisch stärkste Team dieses Turniers, technisch fein, taktisch versiert, abgezockt. Manche Spielerin, die in anderen Nationalteams die Hauptdarstellerin wäre, ist hier nur eine von vielen Ausnahmekönnerinnen. Und die Spanierinnen haben den Vorteil, sich zwar angestrengt, aber nicht derart verausgabt zu haben wie die Deutschen, die in zwei Partien zusammengerechnet mehr als 160 Minuten nur zu zehnt durchhalten mussten. Was gegen Schweden in die höchste Niederlage bei einer EM (1:4) mündete und gegen Frankreich in eine starke Willensleistung, die in dieser Form jedoch nur schwer zu wiederholen sein dürfte. Und sie würden natürlich schon lieber zu elft spielen.
Aber auch dann bleibt die Frage nach dem Plan und dem Personal. Gegen Frankreich war der Bundestrainer von seinem bevorzugten Offensivfußball abgerückt, dessen Ausführung bei der EM zuvor nur phasenweise überzeugt hatte. Wenngleich Wück für sein System durchaus die passenden Spielerinnen in seinem Kader wähnt, wirkte es, als seien manche Spielerinnen bisweilen überfordert. Als passe das System nicht ideal zu diesem Team. Das mag sich mittel- oder langfristig ändern, für den Moment aber geht es weniger um Idealvorstellungen, eher um pragmatische Lösungen.
Der defensivere Ansatz dürfte von Wück und seinen Co-Trainerinnen Maren Meinert und Saskia Bartusiak also auch gegen Spanien gewählt werden. „Ich glaube, wir werden viel hinterher laufen und viel leiden müssen, weil wir keinen Ball haben. Aber wir müssen die richtigen Momente ergreifen, um unser Spiel durchzusetzen. Diese Momente wird es geben“, sagte Wück am Dienstag. „Und dann müssen wir in Ballbesitz unsere Stärken ausleben. Das wird der große Unterschied sein, dass wir natürlich auch mit Ball stattfinden wollen.“ Bis im Viertelfinale alles umgeworfen werden musste, sah das Konzept eine Viererkette im Spielaufbau vor, die beim Verteidigen erweitert werden sollte durch die ansonsten im Mittelfeld pendelnde Kapitänin Janina Minge. Als alles anders kam, blieb die kompakte Ausrichtung als Leitmotiv bestehen und war ein großes Teil des Erfolgspuzzles.

Wenn diesmal eine Elf statt eine Zehn auf dem Platz steht, kommt hinzu, dass die Offensivspielerinnen weniger in der Defensive gebunden sind und stattdessen gerade Klara Bühl und Jule Brand auf den Flügeln (Notiz an beide: bitte nicht auch noch verletzen!) ihre Angriffsdynamik für Tore einbringen können. Es gibt durchaus Möglichkeiten, die iberischen Füße vom Ball zu trennen und die Spanierinnen derart zu nerven, dass ihnen die Freude vergeht. Belgien etwa setzte im Gruppenspiel auf schnelle Konter und gute Eckbälle. Die Schweiz stemmte sich im Viertelfinale dem erdrückenden Ballbesitz geschlossen entgegen und verhinderte bis in die zweite Halbzeit hinein Tore – in einer Fünferkette verteidigend, mit Mittelfeldspielerin Lia Wälti als zusätzliche Kraft zwischen den Innenverteidigerinnen: Das kommt einem doch bekannt vor.
Seine Abwehrformation muss Wück unabhängig von der konkreten Taktik erneut verändern. Carlotta Wamser dürfte zurück auf die rechte Seite kommen, die dort im Viertelfinale für Linder eingewechselte Sophia Kleinherne dürfte in der Innenverteidigung den Platz von Kathrin Hendrich einnehmen. Franziska Kett links außen und Rebecca Knaak blieben die Konstanten. Giovanna Hoffmann hatte einen starken Auftritt gegen Frankreich, sie könnte abermals den Vorzug vor Lea Schüller erhalten. Im Mittelfeld hat der Bundestrainer den Vorteil, dass ihm nicht wie in der Abwehr die Leute ausgehen: Sara Däbritz wie Sydney Lohmann sind gute Optionen ergänzend zu Elisa Senß. Dass Sjoeke Nüsken ausfällt, wiegt dennoch schwer. Nicht nur als Schaltzentrale im Zentrum, sondern auch, weil sie mit die auffälligste Antreiberin im Viertelfinale war. Jetzt fehlt in Person von Gwinn nicht nur die eigentliche Kapitänin, sondern auch die durch deren Ausfall zur Vize aufgerückte Nüsken.
„Widerstände werfen uns nicht zurück, sie machen uns eher noch stärker“, sagt Stürmerin Giovanna Hoffmann
Was sich aber eben gegen Frankreich auch gezeigt hat, war, dass dieses Team gar nicht so abhängig von denjenigen ist, die nach außen sichtbar Führung übernehmen. Im Prinzip standen ab der roten Karte zehn Kapitäninnen auf dem Rasen, die durch Einsatz und Entschlossenheit die Verantwortung teilten. Jede Einzelne sei wichtig, diese Floskel war rund um diese EM immer wieder betont worden – und wandelte sich nun zur Formel. „Das Spiel beweist einfach, dass alles, was wir vorher gesagt haben, nicht nur Phrasen sind. Dass wir das wirklich auch so meinen und dass wir das so leben“, sagte Hoffmann. „Man hat im letzten Spiel gesehen, dass Widerstände uns nicht zurückwerfen, sondern eher noch stärker machen. Dass wir eine unheimlich hohe Resilienz in unserer Mannschaft haben und dass jede in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen.“
Hoffmann wie auch die EM-Debütantinnen Kett und Kleinherne fügten sich aus der zweiten Hierarchiereihe problemlos in die erste ein. Das Wissen darum, dass das spielerische Niveau nicht absinkt, wenn die angedachte Stammelf zerfällt, hat das Selbstvertrauen erst recht gestärkt. Rückkehrerin Wamser kann mit ihren Auftritten bis zum Handspiel ebenso genannt werden. Sie alle hätten „Grenzen verschoben“, sagte Kleinherne. Das Viertelfinale habe gezeigt, „wozu wir imstande sind und dass wir von dem ganz Großen träumen dürfen, weil wir einfach die Qualität haben“.
Sjoeke Nüsken, wie könnte es anders sein, lieferte zum Start in die Woche das passende Motto mit freundlicher Unterstützung von Wolfgang Petry. Vor dem Training lief sie den Platz mit einer Musikbox entlang und sang vergnügt einen seiner Schlager: „Unsre beste Zeit hat grade erst begonnen, wir machen’s noch mal – wir machen’s einfach noch mal!“


