Die ersten Beteiligten begannen im Züricher Letzigrund-Stadion bereits damit, einander halb im Scherz einen „guten Morgen“ zu wünschen, als Sarina Wiegman um kurz nach ein Uhr zu ihrer Pressekonferenz erschien. Englands Nationaltrainerin hat schon an der Seitenlinie vieler großer Spiele gestanden, meistens mit Erfolg, insofern hält sie sich eigentlich fern von Superlativen. Diesmal allerdings merkte man ihr auch weit nach Spielschluss die Emotionen an – und sie machte eine Ausnahme. „Ja, ganz eindeutig“, antwortete sie auf die Frage, ob es das chaotischste Spiel ihrer Karriere gewesen sei, „ich kann mich an nichts dergleichen erinnern.“
Ein 3:2 im Elfmeterschießen nach einem 2:2 über 120 Minuten, so lautete das Ergebnis des zweiten Viertelfinals dieser EM. England trifft im Halbfinale am kommenden Dienstag auf Italien, Schweden tritt die Heimreise an – soweit das Tableau, das gar nicht mal so chaotisch klingt.
Die Sache war nur: Manche Spielerinnen wussten am Ende gar nicht mehr, wie das Spiel ausgegangen war, so ein Durcheinander war im Verlauf der zwei Stunden entstanden. Als etwa die englische Torhüterin Hannah Hampton zu einer bedeutenden Parade kurz vor der Halbzeitpause befragt wurde, antwortete sie: „Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern. Aber wenn ihr sagt, ich habe gut gehalten, schaue ich mir das später noch mal an.“
Tatsächlich hatte ihre – vergessene – Parade in der 45. Minute bereits die Vorentscheidung verhindert. Schweden hatte eine fantastische erste Halbzeit gespielt, England kaum atmen lassen und wuchtige Angriffe mit sicherer Verteidigung in Einklang gebracht. 2:0 stand es bereits nach 25 Minuten und Toren von Kosovare Asllani und Stina Blackstenius. Kurz vor der Pause hätte Fridolina Rolfö das 3:0 erzielen können, es wäre mutmaßlich fatal gewesen für paralysierte Engländerinnen, die die Flucht in Richtung Kabine ergriffen, nach Hamptons Parade. Die allerdings auch in der zweiten Halbzeit lange brauchten, bis sie Antworten fanden.
Der schwedische Defensivverbund wehrte sich, bis in der 79. Minute eine Flanke von Chloe Kelly in Richtung des langen Pfostens hereinflog, wo Außenverteidigerin Lucy Bronze herangestürmt war und per Kopf den Anschlusstreffer erzielte. Keine zwei Minuten später war es erneut Kellys Hereingabe, die im schwedischen Strafraum für eine Krise sorgte, an deren Ende die 19-jährige Michelle Agyemang zum 2:2 traf. Nur mit der tiefen Überzeugung einer Mannschaft, die in den vergangenen Jahren viel gewonnen hat, war diese plötzliche, schnelle Wende zu erklären. Doch sie sollte in Wahrheit nur die Ouvertüre sein, für ein eindrückliches Elfmeterschießen eine halbe Stunde später.
Eine katastrophale Statistik hatten nach 14 geschossenen Elfmetern beide Mannschaften
Eine katastrophale Statistik hatten nach 14 geschossenen Elfmetern beide Mannschaften, die sich zusammen neun Fehlschüsse leisteten – Schweden allerdings einen zu viel. Die tragischste Rolle des Abends fiel der schwedischen Torhüterin Jennifer Falk zu, die zwar vier Elfmeter hielt, allerdings auch einen vergab: Sie hatte, wie nach ihr noch einmal Sofia Jakobsson, den Sieg am Fuß, doch schoss über das Tor. Und so ging auch die letzte von vielen Momentaufnahmen dieses Spiels vorbei, in denen die Schwedinnen den verdienten Sieg selbst aus der Hand gaben. Und Wiegman und ihren Engländerinnen einen Erfolg schenkten, der durch Arbeit und hohen körperlichen Einsatz zustande kam.
Kapitänin Leah Williamson humpelte in der Verlängerung verletzt vom Platz, die Torschützin Bronze stapfte mit einer Schiene am Bein durch die Mixed Zone, Torhüterin Hampton bestritt das Elfmeterschießen mit Nasenbluten. „Es lief alles nicht so, wie wir geplant hatten, aber diese Druckmomente sind eine Gelegenheit, zu lernen“, sagte Kelly später. Es sprach selbstverständlich für die Engländerinnen, ein derart umkämpftes Spiel am Ende zu gewinnen – Zusammenhalt und Glaube sind inzwischen die größte Qualität dieser Mannschaft.
Man konnte nach all dem Chaos auf dem Feld also Wiegman gratulieren, etwa für ihre gelungenen Wechsel. Man konnte aber auch kritisch anmerken, dass die Herangehensweise der Engländerinnen unzureichend war: Über weite Phasen gaben die Lionesses die Kontrolle leicht aus der Hand. „Es war nicht gut genug, gemessen an unseren Standards“, sagte Beth Mead später. Die individuellen Fehler in der Verteidigung durch Jess Carter zu Spielbeginn, die fehlende Ballkontrolle im Mittelfeld unter Leitung von Keira Walsh, die ausbleibenden kreativen Aktionen von Lauren James – eine Liste an Kritikpunkten haben die Engländerinnen in den kommenden Tagen abzuarbeiten, vom Niveau der Titelträger bei der Europameisterschaft 2022 wirken sie trotz ihre kämpferischen Qualitäten weit entfernt.
Ordnung, Kontrolle, Spielfreude, das waren daher Stichworte auf der spätabendlichen Pressekonferenz. „Ich habe die Spielerinnen gebeten, das nun wieder umzusetzen“, sagte Wiegman, deren herausragendes Talent ist, gleichzeitig scharfe Kritikerin und großer Fan ihrer Mannschaft zu sein. „Heute brauchten wir am Ende etwas anderes, aber wir müssen ab der ersten Minute besser Fußball spielen, mit mehr Balance“, sagte Wiegman daher im Ausblick auf das Halbfinale: „Hoffentlich wird es dann wieder etwas ruhiger.“


