Im entscheidenden Moment werden lauter grüne Karten in die Höhe gehalten. Ralph-Uwe Schaffert hat schon ein paar Änderungen auf diesem 45. DFB-Bundestag in Frankfurt moderiert. Am frühen Mittag kommt der beim Deutschen Fußball-Bund für Satzungsfragen zuständige Vizepräsident dann zu den Anträgen rund um die Frauen-Bundesliga. Ein neues Statut soll erlassen werden, das klingt dröge, ist aber spannend, es geht um eine große Veränderung. Fast alle der 253 stimmberechtigten Delegierten sprechen sich dafür aus. Damit steht sie also fest, die Ausgliederung der höchsten Frauen-Spielklasse, die bisher beim DFB zu Hause war und nun flügge werden soll, ohne sich direkt ganz abzukapseln.
Zum Start plant der Verband, rund 100 Millionen Euro über acht Jahre als Beitrag zur Professionalisierung zu investieren. „Das ist ein starkes und mutiges Signal, welches aus meiner Sicht dringend geboten ist“, betonte DFB-Präsident Bernd Neuendorf beim Bundestag. „Wir wollen auch bei den Frauen zu den führenden Ligen in der Welt gehören. Die Weichen hierfür werden jetzt gestellt.“ Nach dem Entscheid des Bundestages sind zunächst die Voraussetzungen für die Gründung eines Ligaverbandes gegeben, der „Frauen-Bundesliga Gesellschaft“ (FBL GmbH). Sie soll ein Joint Venture sein zwischen dem Zusammenschluss der 14 Bundesligisten und dem DFB – die Anteile genau zur Hälfte aufgeteilt – und sich vorrangig um den Betrieb und die Vermarktung der Liga kümmern.

DFB-Bundestag:100 Prozent Zustimmung, null Diskussionen
Bernd Neuendorf will nach seiner Wiederwahl als DFB-Präsident eine „Phase der Gestaltung“ starten. Fürs Erste steht ihm viel Geld zur Verfügung – aber das Anpreisen der DFB-Investments löst Irritationen aus.
Wirklich los geht es deshalb allerdings noch nicht. Wenn es läuft wie geplant, soll das neue Unternehmen Anfang 2026 gegründet werden und die FBL GmbH dann zur Saison 2026/27 die Geschäfte übernehmen. Allerdings ist manch entscheidender Punkt noch offen, was erstaunlich ist angesichts der langen Vorgeschichte und der Bedeutung, die der Prozess längst bekommen hat.
So ist zum Beispiel noch nicht entschieden, wer künftig in den Führungsgremien sitzen wird. Für die Gesellschafterversammlung sollen die Klubs und der DFB jeweils drei Vertreter stellen, wobei eine Person aus diesem Kreis den Vorsitz übernimmt. Hierfür gilt Katharina Kiel als mögliche Kandidatin: Die 33-Jährige wurde jüngst zur Direktorin Frauenfußball bei Eintracht Frankfurt befördert und ist bereits im vereinsübergreifenden Ausschuss für die Frauen-Bundesligen aktiv. Daneben braucht es zusätzlich eine ein- oder zweiköpfige Geschäftsführung, die dem Vernehmen nach ebenfalls noch gefunden werden muss.
Das Thema ist in vielen Klubs längst zur Chefsache geworden
Dass solche Fragen längst geklärt sein sollten, zeigt eine frühere Version der Antragsdokumente für den diesjährigen Bundestag. Dort hieß es zunächst, der neue Ligaverband sollte am 20. Oktober gegründet und Teil des DFB geworden sein. Doch in der neuen Fassung fehlte dieses Datum: Denn der Ligaverband ist halt noch nicht gegründet. Als neue Zielmarke ist der 10. Dezember angedacht. Dann sollen alle Details stehen und sich Vertreter beider Seiten auf dem DFB-Campus treffen, um den Vorsitz der Gesellschafterversammlung festzulegen.
Wie wichtig das Thema den Klubs ist, zeigt sich auch daran, dass es bei vielen zur Chefsache geworden ist. Als Treiber der Verhandlungen galten früh vor allem Axel Hellmann (Geschäftsführer Eintracht Frankfurt) und Jan-Christian Dreesen (Vorstandschef FC Bayern), später auch Oliver Leki (Finanzvorstand SC Freiburg) und Klaus Filbry (CEO Werder Bremen).

In gewisser Weise passt die Verzögerung zum Verlauf der Ausgliederung. Der Prozess begann nämlich schon im März 2023, als sich der DFB dem Status quo sowie den zur Professionalisierung und zum Wachstum notwendigen Maßnahmen widmete und die Ergebnisse im Anschluss den Klubs präsentierte. Hier hat jeder seine eigenen Baustellen. Der FC Bayern beispielsweise plant sicherlich nicht zuletzt deshalb den Kauf des Stadions der SpVgg Unterhaching, um künftige Ansprüche erfüllen zu können. Auch die Vorstellungen zwischen dem DFB und den Vereinen gingen bisweilen auseinander, gleichwohl betont wird, dass konstruktiv am gemeinsamen Ziel gearbeitet worden sei. Die für Dezember 2023 vorgesehene Einigung kam nicht zustande. Die Klubvertreter wollten sich ein eigenes Bild zum vom DFB erarbeiteten Geschäftsplan machen und beauftragten im Sommer 2024 eine Agentur. Diese kam zu ähnlichen Schlussfolgerungen.
Daraufhin sollte eine aus Klub- und DFB-Vertretern gebildete Taskforce die Entwicklung der Liga vorantreiben. Aber erst dieses Jahr wurde das Maßnahmenpaket wirklich festgezurrt. Unter anderem beinhaltet es einen Mindestlohn für Spielerinnen, den Aufbau von Leistungszentren sowie Anforderungen zur Stadioninfrastruktur und ans Personal, wie etwa in Vollzeit angestellte Athletik- und Torwarttrainer. Alles Aspekte, die zu professionelleren Bedingungen und entsprechend zu einer besseren Vermarktung und höheren Einnahmen führen sollen.
Deutschland könnte im Nations-League-Finale und bei der EM-Vergabe triumphieren – oder eben nicht
Im September beschlossen die zuständigen Gremien des DFB die Eckpunkte des Wachstumsplans. Als es danach ums Geld ging, wurde es schwierig zwischen dem DFB und den Klubs, die sich, enger zusammengerückt durch den Prozess, als Einheit präsentierten. Da soll es durchaus ungemütlich geworden sein, nah an der Eskalation. Wieder zogen sich die Verhandlungen. Auf eine vermeintlich letzte Sitzung folgte eine weitere und noch eine. Die rund 100 Millionen wichen von den Vorstellungen der Vereine deutlich ab, zumal noch nicht bekannt ist, wie viel von dieser Summe welchen Bereichen zugeteilt werden soll.
Die Klubs sollen jedenfalls mindestens dreimal so viel für notwendig halten, um den Anforderungen von Infrastruktur bis Vermarktung gerecht werden zu können. Entsprechend wollen die Bundesligisten selbst wohl mehrere Hundert Millionen Euro investieren, um irgendwann so hohe Einnahmen zu generieren, dass die Frauen-Abteilungen im Schnitt nicht mehr wie zuletzt bei einem Defizit von etwa zwei Millionen Euro landen. Der DFB-Report für die Bundesligasaison 2023/24 wies 31 Millionen Euro Gesamtumsatz aus. Im Sinne der Sache und auch mit Blick auf den Faktor Zeit, heißt es von Klubseite, sei es dennoch zur Übereinkunft gekommen.

Frauenfußball:Warum die Professionalisierung der Bundesliga so langsam vorankommt
Nicht nur Bayern-Präsident Hainer fand einst: Um sich zu entwickeln, muss die Frauenliga raus aus dem DFB. Doch inzwischen arbeiten Klubs und Verband so eng zusammen wie nie. Dass der Plan nun stockt, hat auch mit ein paar mächtigen Männern zu tun.
Der DFB ordnet die 100 Millionen Euro als sein größtes Investment seit dem Bau des Campus ein. „Die Entwicklung zeigt, dass dieser Schritt absolut überfällig ist und wir diese Investition tätigen müssen“, sagte Neuendorf. „Sonst laufen wir Gefahr, unsere Nationalspielerinnen und vielleicht auch Talente Richtung England, Spanien, aber auch USA zu verlieren.“ Man müsse gegensteuern und wolle den Anschluss gegenüber anderen Ligen nicht verpassen. Näher betrachtet, ist diese Investition aber gar nicht so riesig. Ausgezahlt werden soll das Geld in einem Zeitraum von acht Jahren, das ergibt 12,5 Millionen Euro jährlich – für den Bedarf von 14 Vereinen. Auch wenn die zusätzliche Summe in manchem Fall einen spürbar größeren Spielraum ermöglichen wird. Und so einfach konnte der DFB wohl auch keinen weiteren Batzen auf die Anschubfinanzierung setzen, da hätte manch Landes- und Regionalverband mit Blick auf den eigenen Geldtopf etwas dagegen.
So steht im Dezember eine wegweisende Woche für den deutschen Frauenfußball an: Wenn es super läuft, holt das Nationalteam am 2. Dezember in der Nations League gegen Weltmeister Spanien den ersten Titel seit Olympiagold 2016, gibt die Uefa dem DFB am 3. Dezember den Zuschlag für die Frauen-EM 2029 und wird eine Woche später der Ligaverband gegründet. Wenn es schlecht läuft, verliert die Auswahl das Finale, kassiert der Verband nach der Bewerbung für die Frauen-WM 2027 die nächste Absage für ein Großereignis – und überschatten diese beiden Niederlagen den Start des neuen Bundesliga-Projekts.

