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Frauen-Basketball-Bundesliga:Neue Rolle, neue Heimat

12.02.2021, xovx, Basketball Damen, DBBL, 1. Bundesliga, BC Pharmaserv Marburg - TSV 1880 Wasserburg v.l. Kelly Moten (T

Der elegante und auch sehr angriffslustige Spielstil von Kelly Moten (am Ball) steht im Widerspruch zu ihrem eher zurückhaltenden Charakter.

(Foto: Oliver Vogler/imago)

Die US-Amerikanerin Kelly Moten, 27, hat sich in Wasserburg zu einer der besten Spielerinnen der Liga entwickelt. Sie überzeugt ihre Trainerin Sidney Parsons mit intelligentem Spielaufbau und technisch hochwertigen Dribblings - und lässt sich von ihr Bildungs-Lektüre empfehlen.

Von Mathias von Lieben

Nach dem Online-Stretching am frühen Montagmorgen stand für Kelly Moten der wichtigste Termin der Woche an: Sie telefonierte mit ihrer Mutter in Gary - ihrer Heimatstadt im US-Bundesstaat Indiana. "Die Familie nicht sehen zu können, ist auch nach drei Jahren in Deutschland immer noch eine der größten Herausforderungen", sagt die Basketballspielerin des TSV Wasserburg. Während der Corona-Pandemie ist sie sogar noch größer geworden.

Seit September, kurz vor dem Start in die aktuelle Saison der Frauen-Basketball-Bundesliga, hat die 27-Jährige ihre Mutter und den Rest der Familie mittlerweile nicht mehr gesehen. Nicht mal, wie sonst üblich, über die Weihnachtstage. Die Corona-bedingten Einreisebestimmungen mit ihren verpflichtenden Quarantäne-Zeiten verhinderten einen Besuch in der Heimat. Vor dem Ende der Playoffs, Anfang Mai, wird Moten ihre Mutter wohl nicht wieder in den Arm nehmen können. "Normalerweise laden Kelly und die anderen US-Spielerinnen über Weihnachten ihre Akkus bei der Familie auf und kommen anschließend fit und mit klarem Kopf zurück", sagt TSV-Trainerin Sidney Parsons, die Moten vor rund zwei Jahren aus Freiburg, ihrer ersten Station in Deutschland, nach Wasserburg geholt hatte. "Darauf mussten sie in diesem Winter verzichten. Und deswegen ist Kellys aktuelle Form und Leistung einfach nur unglaublich."

Wie unglaublich, das konnte man am Samstag beim Überraschungssieg der Innstädterinnen im Spitzenspiel gegen Tabellenführer Keltern gut beobachten. Moten verlieh der besonders in den ersten beiden Vierteln bisweilen sehr wilden Partie immer wieder Struktur - mit ihrem intelligenten Spielaufbau und technisch hochwertigen Dribblings. Und mit 27 Punkten, neun Rebounds und sechs Assists war sie erneut die mit Abstand beste Scorerin der Mannschaft. "Sie hat in der Zeit bei uns auch als Führungspersönlichkeit einen Riesen-Schritt nach vorne gemacht und ist eine der komplettesten Spielerinnen der Liga", sagt Parsons: "Und davon profitieren wir jetzt. Besonders in den spielentscheidenden Situationen."

Zu Beginn des vierten Viertels sorgte Moten mit einem Dreier zum 60:62 erst dafür, dass ihr Team den Anschluss nicht verliert. Dann erzielte sie 40 Sekunden vor Schluss aus dem Spiel heraus den Ausgleich zum 69:69, bevor sie in den letzten 30 Sekunden auch noch drei von vier Freiwürfen zum 72:69-Endstand verwandelte. "Kelly hat einfach nie aufgegeben und die Mannschaft die ganze Zeit gepusht", sagt Parsons.

Dabei steht Motens stets eleganter und auch sehr angriffslustiger Spielstil im Widerspruch zu ihrem eher zurückhaltenden Charakter. Parsons führt daher viele Einzelgespräche mit ihr und stattet sie für die teilweise sehr langen Auswärtsfahrten mit Bildungs-Lektüre über Führungsqualitäten aus. Moten selbst findet, dass sie auf dem Court immer mehr in die neue Rolle hineinwächst - und das mit Blick auf aktuell drei Verletzte auch muss: "Ich trage jetzt gerne mehr Verantwortung und will auch mehr Anführerin sein." Trotzdem bleibe sie vor allem eine Teamspielerin: "Wir sind als Mannschaft in dieser Saison noch enger zusammengerückt. Und wenn die Stimmung gut ist, läuft es auch sportlich." Gewinnen Moten und ihre Teamkolleginnen auch am Mittwoch ihr Nachholspiel gegen Nördlingen, rücken sie auf zwei Punkte an Keltern heran.

Auch abseits des Basketballs läuft es für die Innstädterinnen gut. Die Mannschaft verbringt sehr viel Zeit miteinander, die Spielerinnen gehen während der Pandemie oft miteinander spazieren. Moten, die in Wasserburg lebt, genießt das sehr: "Das fühlt sich hier nach rund zwei Saisons ein bisschen so an wie mein zweites zu Hause." Doch wie üblich in der Liga gilt ihr Vertrag nur für eine Spielzeit. Ob sie zur neuen Saison zurückkehren wird? "Darüber werde ich während der Bundesliga-Pause mit meiner Familie in den Staaten sprechen." In ihrem richtigen Zuhause.

© SZ/pps/and
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