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Frankreich im WM-Finale:Die Magie des Verteidigens

  • Frankreich erreicht vor allem dank seiner starken Defensive das WM-Finale.
  • Trotz vieler hochbegabter Offensivspieler lässt Trainer Didier Deschamps seine Elf beim 1:0 gegen Belgien pragmatisch spielen.
  • Belgiens Spieler klagen hinterher über den Spielstil ihres Gegners.

Samuel Umtiti musste lachen, als ihm gesagt wurde, sein Tor zum WM-Finale sei doch eigentlich kaum möglich gewesen. Ein französischer Journalist rechnete ihm vor, dass er 1,82 Meter groß sei, Marouane Fellaini, sein Gegenspieler in der Situation vor dem Treffer des Tages, jedoch 1,94 Meter. Wie könne es dann sein, dass er Frankreich mit einem Kopfball nach einem Eckball ins Endspiel katapultiert? Frankreichs Trainer Didier Deschamps saß daneben und musste auch lachen. Er tätschelte seinen Verteidiger mit der flachen Hand auf den Kopf, und dann sagte Umtiti, dass er den Ball eben gut antizipiert habe und der Eckball von Antoine Griezmann auch sehr gut geschossen war.

Sein Kopfball in der 51. Minute war die Aktion, die dieses WM-Halbfinale für Frankreich gegen Belgien entschied und die Franzosen in das dritte WM-Endspiel seit 1998 brachte. Umtiti ist nun schon der zweite Verteidiger nach Raphael Varane im Viertelfinale gegen Uruguay, der die Equipe Tricolore in Führung geköpft hat. Das ist insofern passend, als dass das Turnier in Russland nun endgültig eine Weltmeisterschaft der Standard-Tore geworden ist (69 von 158 Toren fielen nach ruhenden Bällen) - und dass Frankeich nun im doppelten Sinne dank seiner Abwehr um den WM-Titel spielt.

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"Man muss anerkennen, wie sie verteidigt haben"

Tatsächlich muss man dieses WM-Halbfinale in zwei Teile gliedern. Da war die sehr ansehnliche erste Hälfte, mit den zahlreichen belgischen Chancen zur Führung. Eden Hazard zog einen Schuss neben das Tor, Raphael Varane köpfte knapp am Eigentor vorbei, und einen Schuss von Toby Alderweireld hielt Frankreichs Torwart Hugo Lloris mit einer sensationellen Parade. Daneben kam Frankreich zu Chancen, der Stuttgarter Benjamin Pavard hatte die beste, scheiterte aber an Courtois' Ferse. Olivier Giroud, der (auch passend zum französischen Spiel) als Stürmer quasi nicht stattfand verdaddelte noch eine Vorlage von Kylian Mbappé, weil er einfach zu langsam reagierte.

Dann kam das Tor von Umtiti, und dann ließ Frankreich das Spiel sterben. Nach der Führung errichtete Trainer Didier Deschamps eine undurchdringliche Barriere vor dem eigenen Tor. "Garer le bus" heißt "den Bus parken" auf Französisch, und genau das tat das Team. "Man muss anerkennen, wie sie verteidigt haben. Wir haben keine Magie mehr vor dem Tor gefunden", klagte Belgiens Trainer Roberto Martínez.

Stattdessen zelebrierte Frankreich die Magie des Verteidigens, wenn man so will. Die Stadt Paris soll in ihrer Geschichte sieben Stadtmauern gehabt haben - Frankreich errichtete mindesten vier Barrikaden. Erste Verteidigungslinie waren die Stürmer Giroud und Griezmann, dann das Phänomen N'Golo Kanté, der jeden freien Raum zulief, noch bevor er entstand (zusammen mit dem erstaunlich erwachsen spielenden Paul Pogba), dann die beiden Türme Umtiti und Varane und schließlich Torwart Hugo Lloris, der dann eingriff, wenn etwa Dries Mertens alle Verteidigungsanlagen mit einem Weitschuss überwinden wollte. Belgien wirkte nach der Pause wie ein Boxer, der kämpfen wollte, aber Frankreich absorbierte wie ein lebendig gewordener Boxsack alle Schläge, ohne zu zucken.