Frankreich-Sieg gegen Nigeria:Aus dem Rhythmus - aber im Viertelfinale

Lesezeit: 3 min

France's Benzema holds the ball during their 2014 World Cup round of 16 game against Nigeria at the Brasilia national stadium in Brasilia

Benzema trifft gegen Nigeria zwar nicht selbst, ist aber wieder einer der stärksten bei den Franzosen

(Foto: REUTERS)

Frankreich galt nach der Vorrunde plötzlich als Favorit auf den Titel. Im Achtelfinale gegen Nigeria überzeugen Les Bleus erst in der Schlussphase, zwei späte Treffer reichen gegen die Afrikaner. Doch in der Heimat dürfte jetzt die Lieblingsdebatte vieler Franzosen wieder aufflammen.

Von Claudio Catuogno, Brasília

Erst sind da nur einzelne Pfiffe im steten Gemurmel. Aber dann schwillt ganz langsam ein Raunen an. Und weil das Estádio Nacional Mané Garrincha in Brasília einer dieser engen Fußballtempel voller Atmosphäre ist, mit Rängen so steil, dass man sie fast mit dem Steigeisen erklimmen muss, wird aus dem Raunen bald ein ohrenbetäubendes "Buuuuuuuuh!" Es ist zu hören, wenn die Franzosen am Ball sind. Die neue, schicke Arena der brasilianischen Hauptstadt: Sie klingt, als sei sie fest in nigerianischer Hand.

Tatsächlich sitzen vor allem Menschen in gelben T-Shirts auf den Stühlen. Die Brasilianer mögen die Afrikaner, außerdem mögen sie Außenseiter. Und die Außenseiterrolle in diesem Achtelfinale zwischen Frankreich und Nigeria war für sie eindeutig vergeben. Auch, dass Frankreich das Finale der WM 1998 gegen Brasilien gewann, mag am Montagnachmittag noch eine Rolle gespielt haben. Immer, wenn mal wieder der Schlachtruf "Alléz les Bleus" zu hören war, setzte jedenfalls das Pfeifen, das Raunen, das Buhen ein. Gefolgt von leidenschaftlichen "Nigeria, Nigeria"-Rufen.

Prämienstreit stört Vorbereitung

Doch die Brasilianer werden mit den Franzosen noch eine Weile Vorlieb nehmen müssen bei dieser WM. Mindestens bis Freitag, wenn sie im Viertelfinale in Rio auf "La Nationalmannschaft" treffen. Das wussten sie unmittelbat nach dem Spiel zwar noch nicht, aber natürlich wurden sie trotzdem nach den Deutschen befragt. "Die funktionieren wie eine Maschine", sagte der Torwart Hugo Lloris, "bei denen läuft alles zusammen." Es klang respektvoll. Als die Deutschen dann ihr quälendes Achtelfinale gegen Algerien bestritten, saß er gerade im Flugzeug zurück ins Quartier nach Ribeirão Preto. Er wird sich noch wundern beim Videostudium an diesem Dienstag. Und womöglich sieht er sich dann erst recht in er Einschätzung bestätigt, dass "unser Team auch keine Grenzen hat". Zwar taten sich die Franzosen lange schwer in Brasília. Aber am Ende zogen sie doch verdient ins Viertelfinale ein durch einen 2:0(0:0)-Sieg gegen den so lautstark unterstützen Außenseiter. Erster Torschütze war Paul Pogba (79.), der zweite Treffer wurde als Eigentor gewertet: Der eingewechselte Antoine Griezmann hatte Joseph Yobo angeschossen, von ihm prallte der Ball ins Netz (90.

). Die Nigerianer hatten die Chance, als viertes afrikanisches Team in ein WM-Viertelfinale einzuziehen, nach Kamerun 1990, Senegal 2002 und Ghana 2010. Doch so richtig hatten sie sich nicht auf diese Partie konzentrieren können in den vergangenen Tagen, es gab ein anderes Thema: nicht gezahlte Prämien.

Eine Übungseinheit bestreikten sie, dann kam ein Minister mit dem Geldkoffer eingeflogen. Aber zumindest für Siegprämien gibt es jetzt keinen Anlass mehr. Hätten die Franzosen bei dieser WM ein Training boykottiert - sie hätten sich zu Hause wohl nicht mehr blicken lassen können. Sie hatten ihre Affäre bei der Südafrika-WM 2010, aber die haben sie inzwischen hinter sich gelassen. Ob die WM schon ein Erfolg sei, wurde der Trainer Didier Deschamps nach dem Spiel gefragt. Er lächelte und sagte: "Ein Fehlschlag kann sie zumindest nicht mehr werden." Womöglich keine schlechte Ausgangslage fürs Viertelfinale.

Man erinnert sich: Gegen Honduras (3:0) und die Schweiz (5:2) hatten die Franzosen vor allem durch ihren Zug zum Tor überzeugt. Sobald sie irgendwo einen freien Raum ausgemacht hatten, stießen sie hinein. Und gleich drei Mal war es Karim Benzema, der dann auch traf. An freien Räumen mangelte es ihnen auch diesmal nicht: Die Nigerianer ließen sie immer wieder erstaunlich ungestört angreifen. Aber der letzte Pass kam nicht an. Manchmal kam auch schon der vorletzte Pass nicht an.

Das lag womöglich auch am fehlenden Rhythmus: Nachdem Deschamps im letzten Gruppenspiel gegen Ecuador (0:0) sechs Spieler aus der Startelf heraus rotiert hatte, rotierte er jetzt wieder sechs hinein. Unter anderem Koscielny, der den angeschlagenen Sakho in der Innenverteidigung ersetzte. Hinten, fand Deschamps, habe man sich "nichts vorzuwerfen". Doch so, wie der Stürmer Olivier Giroud bisweilen agierte, flammte nach dem Spiel sofort die Lieblingsdebatte vieler Franzosen wieder auf: Funktionieren Benzema und Giroud als Duo (wie gegen die Schweiz), oder ist Benzema, immerhin der Stürmer des Champions-League-Siegers Real Madrid, nicht eigentlich der bessere Vollstrecker - wenn man ihn nach ganz vorne stellt, anstatt ihn als Girouds Zuträger auf dem linken Flügel zu postieren? Es lag jedenfalls auch an der Einwechslung von Griezmann für Giroud, dass Frankreich noch eine überzeugende Schlussphase gelang. Benzema durfte in die Mitte, Griezmann "war die Option Geschwindigkeit" (Deschamps) - und jetzt hatten die Franzosen Chancen. Yohan Cabaye schoss zunächst noch an die Latte. (77.). Das 1:0 köpfelte dann Pogba nach einer Ecke, die Nigerias Torwart Vincent Enyeama falsch eingeschätzt hatte. Auch dem 2:0 ging eine Ecke voraus. Les Bleus können jetzt die Reise nach Rio buchen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema