Nations-League-Sieger Frankreich:Mbappé und Benzema verteilen Kinnhaken

Nations-League-Sieger Frankreich: Keiner haut wie diese Zwei: Frankreichs Final-Torschützen Kylian Mbappé, links, und Karim Benzema.

Keiner haut wie diese Zwei: Frankreichs Final-Torschützen Kylian Mbappé, links, und Karim Benzema.

(Foto: Franck Fife/AFP)

Die beiden Stürmer beweisen im Nations-League-Finale, dass kein Nationalteam so viel Dynamit im Sturm hat wie Frankreich. Doch das Siegtor von Kylian Mbappé löst auch heftige Diskussionen aus.

Von Javier Cáceres, Mailand

Das Spiel war vorbei, und auf dem Rasen des Guiseppe-Meazza-Stadions zu Mailand sah man Spieler der Équipe de France, die ein besonderes Glücksempfinden verströmten. Besonders ausgelassen feierten. Antoine Griezmann zum Beispiel, der zur Südtribüne lief, in der die französischen Landsleute standen, und die Extremitäten wie eine Marionette zappeln ließ. Oder Paul Pogba, der abgehackte Bewegungen machte, als ob ihm jemand Stromschläge verpassen würde.

Und dann war da noch derjenige, der einen gewaltigen Beitrag dazu geleistet hatte, dass Frankreichs 2:1-Sieg im Finale der Nations League gegen Spanien noch möglich geworden war: Karim Benzema. Der Stürmer von Real Madrid hatte keine zwei Minuten nach der Führung der Spanier durch Mikel Oyarzabal (64.) mit einem formidablen Tor geantwortet: Benzema schlenzte den Ball vom linken Strafraumeck in den rechten oberen Winkel. Doch ehe sich die Kunsthistoriker der Einordnung des Treffers ins Gesamtwerk Benzemas widmen konnten, war die Partie in den Händen der Strafrechtler gelandet. Wegen des umstrittenen Siegtors von Kylian Mbappé (80.).

Theo Hernández hatte Mbappé mit einem Pass in die Tiefe bedient, und der Stürmer von Paris Saint-Germain stand zum Zeitpunkt der Ballabgabe so dermaßen im Abseits, dass es fast schon himmelschreiend war. Aber: Kein Linienrichter winkte mit der Fahne, kein Referee griff ein, und als der Videoschiedsrichter die Szene vor- und zurückgespult hatte, sah er etwas als erwiesen an, was in Realgeschwindigkeit nicht auszumachen gewesen war.

"Die Regel steht gegen den Geist des Sports", findet sogar ein ehemaliger Fifa-Referee aus Frankreich

Ehe Mbappé den spanischen Torwart Unai Simón mit einem Übersteiger genarrt und den Ball ins Tor geschossen hatte, begab es sich, dass Verteidiger Eric García bei einer verzweifelten Rettungsaktion den Ball leicht touchiert hatte. "Mit dem Absatz", wie er später geknickt sagen sollte. Das war genug, um die Abseitsstellung aufzuheben. Regel Nummer 11.2 besagt: "Ein Spieler zieht keinen Vorteil aus einer Abseitsstellung, wenn er den Ball von einem gegnerischen Spieler erhält, der den Ball absichtlich spielt." Andersherum formuliert: Hätte García nicht eingegriffen, wäre Mbappé zurückgepfiffen worden.

Was einigermaßen absurd ist. "Kein Abwehrspieler bleibt in so einer Situation weg, im Leben nicht", lamentierte García. "Wer diese Regel gemacht hat, hat nie Fußball gespielt", ärgerte sich auch Torschütze Oyarzabal. Trainer Luis Enrique biss sich auf die Zunge: "Ich hätte schon Lust, was zu sagen, aber ich bleibe besser meiner Gewohnheit treu, solche Entscheidungen nicht zu kommentieren." Dafür meldete sich in der französischen Zeitung L'Équipe der frühere Fifa-Schiedsrichter Bruno Derrien zu Wort: "Die Regel ist, wie sie ist. Sie steht gegen den Geist des Sports."

Die Zeitung Sport aus Barcelona schlagzeilte entsprechend: "Unrecht!" Was sich herrlich konträr las zur Begeisterung von Real Madrid. In den sozialen Netzwerken gab man der klammheimlichen Freude Ausdruck, dass Luis Enrique verloren hatte - Spaniens Rekordmeister hat ein gespanntes Verhältnis zu Spaniens Verband RFEF, und Luis Enrique hat zuletzt Spieler Reals verschmäht.

"Glückwunsch an die Équipe de France und alle Fußballfans in Frankreich für diesen außerordentlichen Triumph", freute sich also Real Madrid, "Glückwunsch an unseren spektakulären Spieler Karim Benzema." Hätte der FC Barcelona in einer vergleichbaren Situation einen ähnlichen Tweet auch nur abgesetzt - Spanien wäre um eine Landesverrats- und Separatistendebatte reicher. Aber da es Real war, ging es als kleine Stichelei durch. Und als Fanal an die angeschlossen Medienhäuser, die Kampagne für einen Sieg Benzemas im Kampf um die Auszeichnung mit dem Ballon d'Or zu intensivieren - dem Preis für den besten Fußballer des Kalenderjahres.

Für Benzema ist es der erste Titel mit Frankreich - nachdem er sechs Jahre lang Persona non grata war

Benzemas Freude selbst schien sich weniger um die Aussicht auf einen individuellen Titel zu drehen als um den Umstand, dass er nun erstmals einen Titel mit Frankreich gewonnen hat. Bemerkenswert war das allemal, die Geschichte Benzemas und der Auswahl Frankreichs ist reich an Zerwürfnissen. Zur Erinnerung: Nationaltrainer Didier Deschamps hatte Benzema im Jahr 2015 wegen der "Valbuena-Affäre" ausgebootet, Benzema soll an einem Erpressungsversuch zum Nachteil seines früheren Mannschaftskameraden Mathieu Valbuena beteiligt gewesen sein. Im Oktober kommt es zum Prozess. Benzema verpasste wegen der Affäre unter anderem die EM 2016 im eigenen Land, ebenso die Chance auf eine Teilhabe am WM-Sieg Frankreichs in Russland 2018.

Vor gut fünf Jahren hatte Benzema an gleicher Stelle, in Mailand, mit Real Madrid die Champions League gewonnen - und hernach nicht nur spitz bemerkt, dass der Henkelpott der schönste aller Titel sei, sondern Deschamps beschuldigt, rassistischen Strömungen in Frankreich nachgegeben zu haben. Benzema hat nordafrikanische Vorfahren. Erst in diesem Jahr begnadigte Deschamps den Stürmer. Was nicht geräuschlos ablief. In der Nationalelf ist Benzema vielen suspekt. Immerhin war er mit Valbuena gut bekannt. Wie würde er da nur mit Leuten umgehen, die ihm nicht geheuer sind?

Umso wichtiger, dass er seinen überragenden fußballerischen Wert für diese Mannschaft unter Beweis stellt. "Karim ist ein essenzieller Spieler", sagte Trainer Deschamps nun. "Dies mag nicht der größte aller Titel sein. Aber er hat alles getan, um ihn mit uns zu gewinnen, und das ist für die Zukunft unserer Mannschaft enorm wichtig." Benzema selbst bekannte, "stolz über die Rückkehr in die französische Mannschaft" zu sein, den Titel gewonnen zu haben. Und sein fabulöses Tor? "Diesen Schuss wiederhole ich im Training oft, aber meistens flach", berichtete er. "Als ich gegen den Ball getreten hatte, wusste ich, dass er ins Tor gehen würde. Nicht aber, dass er in den Winkel fliegen würde."

So oder so: In einem Spiel, das in puncto Taktik so kühl war wie der Herbstabend von Mailand, lieferte er mit Mbappé den Beweis, dass kein Nationalteam der Welt so viel Dynamit im Sturm hat wie Frankreich. Die Franzosen waren auch am Sonntag gewissermaßen der Gegenentwurf zu den Spaniern. Sie haben aufregende Passspieler, aber keinen Sprengmeister, einen genialen Regisseur wie Sergio Busquets, aber keinen Spieler, der Kinnhaken austeilen kann wie Mbappé oder Benzema, und lassen deshalb den Ball länger und durchdachter zirkulieren als die in Sachen Kreativität unverfroren genügsamen Franzosen.

Dieser Mangel an Punch hat die Spanier in der WM-Qualifikation in Schwierigkeiten gebracht. Für die Spanier stehen im November die nächsten Finalspiele an, in Griechenland und gegen Schweden. Ob er sich eine WM ohne Spanien vorstellen könne, wurde Deschamps gefragt. "Noooon. Nooon!", sagte Deschamps, und wirkte dabei regelrecht entsetzt. Aber die Gefahr ist nicht völlig irreal.

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