Fußball-WM der Frauen Wie Frankreich den Turnier-Start erlebt

Im Aufkaktspiel der WM bekamen Frankreichs Fans ein 4:1 gegen Südkorea zu sehen.

(Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

In Paris deutet am Abend des Eröffnungsspiels wenig auf die WM hin - auch wegen des Wetters. Dafür kommt Maskottchen Ettie offenbar gut mit dem Druck zurecht.

Von Nadia Pantel, Paris

Franzosen neigen nicht dazu, sofort alle möglichen Lebensmittel in blau-weiß-rot einzufärben, nur weil ein paar Menschen Fußball spielen. Würden in Deutschland irgendwann mal das WM-Eis (Schokolade, Erdbeer, Mango), der WM-Partyigel (Olive, Salami, Gouda) oder die WM-Weingummis (dreierlei von der Chemie) wieder abgeschafft, fände sich schnell jemand, der eine nationale Depression attestiert. Frankreich zelebriert seine Freude am Fußball etwas dezenter. Als im vergangenen Sommer die Weltmeisterschaft der Männer losging und Deutschland von einer dicken Schicht schwarz-rot-goldener Fanartikel überzogen wurde, waren die Spiele in Frankreich nur ein Ereignis unter vielen. Die ersten Menschen mit Nationalfahne um die Schultern tauchten auf, als "Les Bleus" das Viertelfinale gewonnen hatten. Die Begeisterung war also weniger an das Datum denn an die sportliche Leistung gekoppelt.

Als mittelmäßig an Sport interessierter Mensch ist es nun durchaus möglich, den Start der Fußball-WM der Frauen zu verpassen. Frankreich richtet das Turnier zwar aus, doch in Paris deutet bislang wenig darauf hin. Das liegt zugegebenermaßen auch am Wetter. Die Großleinwände, vor denen in der Hauptstadt gemeinsam gejubelt und gebangt werden sollte, blieben am Freitagabend unaufgebaut. Denn ein Sturm von bis zu 100 Kilometern pro Stunde fegte durch Paris. So wirkt die kleine Fanmeile neben Les Halles, die mitten im Zentrum am Samstagmorgen aufgebaut wird, eher wie ein nachträgliches Verbeugen vor dem ersten Sieg der französischen Mannschaft: Das Team hat gegen Südkorea vier zu null gewonnen.

Fußball-WM der Frauen Französinnen siegen ganz unbeschwert
Fußball-WM der Frauen

Französinnen siegen ganz unbeschwert

Das Stadion voll, die Stimmung gut: Die Fußball-WM in Frankreich beginnt und den Gastgeberinnen gelingt ein rasanter Erfolg gegen Südkorea.

Wenn es nach Frankreichs Präsident Emmanuel Macron geht, war das nur der erste Triumph. "Sie müssen jetzt gewinnen", sagte Macron zur versammelten Nationalmannschaft, als er die Frauen Anfang Mai beim Training besuchte. "Das sage ich nicht, um Sie unter Druck zu setzen", fügte der Präsident hinzu, "sondern weil ich mir sicher bin, dass man solche Wettbewerbe nur gewinnt, wenn man keine Angst hat." Der präsidiale Besuch fand von Fernsehkameras begleitet im offiziellen Trainingslager der Nationalmannschaft in Clairefontaine statt. Ein paar Tage vor Beginn der WM mussten die Frauen dort ausziehen. Die Männer-Nationalmannschaft wollte trainieren und hatte Vorrang. "Kein Problem", beteuerte die Frauentrainerin Corinne Diacre, das sei alles vorher so abgesprochen gewesen und Clairefontaine sei nun einmal das Trainigslager der Männer. Die Frauen seien nun in einem "sehr komfortablen Hotel" untergebracht.

Sollte das Spiel gegen Südkorea tatsächlich der Anfang einer Siegesserie gewesen sein, dürfte die Aufregung im Land bald steigen. Immerhin bekäme Frankreich dann die Chance Doppel-Weltmeister zu werden: 2018 mit dem Team der Männer, 2019 mit dem Team der Frauen. Ein anspornender Hinweis, der in keinem Bericht über die "Équipe de France féminine" fehlt.

Ettie, ein Maskottchen mit T-Shirt und recht viel Wimperntusche

Der Anspruch auf den Titel hüpft bei den Französinnen nun ohnehin bei jeder Runde des Turniers am Spielfeldrand auf und ab: Voilà, Ettie. Das offizielle WM-Maskottchen. So wie Ettie sehen vielleicht nicht gerade Sieger aus, aber auf jeden Fall die Kinder von Siegern. Bei Ettie handelt es sich um ein adoleszentes Küken, kurz vor der Huhnwerdung. Ettie trägt ein gestreiftes T-Shirt, das Symbol für "Franzose" in allen Comics dieser Welt, und recht viel Wimperntusche.

Wo wir schon bei Comics sind: Da erkennt man Mädchen im Zweifel schließlich auch immer an den Wimpern, als hätten Jungs keine. Wenn man Ettie so auf dem Rasen sieht, wirkt sie sehr gut gelaunt und selbstbewusst. Das ist erleichternd, denn Ettie steht ähnlich unter Druck wie die Frauen-Nationalmannschaft nach der Ansprache von Macron. Ettie trägt die Last eines berühmten Vaters, sie ist die Tochter des erfolgreichsten Fußball-Gockels aller Zeiten: Footix. Seines Zeichens ein großer Plüschhahn und Maskottchen der Fußball-WM 1998. Beziehungsweise, aus französischer Perspektive: Maskottchen DER Fußball-WM überhaupt. Die meisten glauben, dass es an Zinédine Zidane lag, dass Frankreich damals im Pariser Stade de France Weltmeister wurde. Aber Footix war auch da. Das belegen alle Quellen.

WM-Maskottchen Ettie - hier bei einem Ligaspiel zwischen Monaco und Bordeaux Anfang März.

(Foto: REUTERS)

Footix ist nun, wenigstens für einen Hahn, spät Vater geworden, der WM-Sieg ist schließlich 21 Jahre her und Ettie wirkt alles andere als volljährig. Verletzt es nun die Würde des Frauenfußballs, dass die Männer ein erwachsenes Tier bekommen, die Frauenmannschaft hingegen nur ein Küken? Kann man Fragen der Würde überhaupt stellen, wenn Menschen in überdimensionierten Plüschkostümen umherwanken? Man kann so viel falsch machen bei der Maskottchenwahl. Der hosenlose Goleo, WM-Löwe in Deutschland 2006, hat das oft genug spüren müssen.

À propos vieles falsch machen. Es gehört zu den Grundregeln des französischen Fernsehens, dass eine Sendung erst dann als gelungen gilt, wenn irgendjemand ausfällig wurde. Für die Weltmeisterschaft des Frauenfußballs übernahm diese Aufgabe der konservative Philosoph Alain Finkielkraut. Er wurde zwei Tage vor Beginn des Turniers in einer Talkshow des Senders Cnews gefragt, ob er sich die Spiele ansehen werde. Finkielkraut verneinte entschieden: "So will ich Frauen nicht sehen."

24 Stunden später legte Finkielkraut nochmal nach. Wieder war er im Fernsehen, wieder sollte es eigentlich um Politik gehen und nicht um Fußball und wieder kam ein kleiner Videoschnipsel dabei heraus, den man empört auf Twitter hin und her werfen kann. Männlichkeits-Bewahrer-Finkielkraut, Klappe, die zweite: "Ich habe als Kind auch Fußball im Park gespielt, am Anfang Jungs und Mädchen zusammen und dann, als wir Jungs besser wurden, waren die Teams eben nicht mehr gemischt." Die Provokationen des Philosophen sorgen für so hohe Klickzahlen, dass nicht auszuschließen ist, dass er sich nun im Verlauf dieser Fußball-WM jeden Tag erneut zu einem Thema äußern soll, zu dem er weder über Interesse noch über Kenntnisse verfügt.

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