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Frankreich:Frankreichs Fußball erlebt seinen bisher größten Riss

Fassungslos vor dem Zaun, der dem Druck der Massen nicht stand hielt: Sicherheitskräfte begutachten in Amiens den Ort der Katastrophe.

(Foto: Francois Lo Presti/AFP)
  • Die gegenwärtige Zerrissenheit in Frankreichs Fußball wird in der Berichterstattung über die Ereignisse des Wochenendes deutlich.
  • Er wankt zwischen bescheidener, zuweilen dekadenter Provinz und der Gala des neureichen Klubs Paris St. Germain.
  • Hier geht es zu den Ergebnissen im internationalen Fußball.

Es hätte noch viel schlimmer ausgehen können, dramatischer, tödlich. Je häufiger man sich die Bilder aus dem kleinen Stade de la Licorne von Amiens anschaut, die am Wochenende um die Welt gingen, desto wunderlicher erscheint, dass niemand umkam.

Es lief die 16. Minute im Ligaspiel zwischen Amiens SC, dem Aufsteiger, und Lille. Ein Derby im Norden Frankreichs, das mit einer gewissen Ungeduld erwartet worden war, vor allem von den Gastgebern. Gerade hatte Fodé Ballo, ein Außenverteidiger der Gäste, das 1:0 erzielt, standesgemäß. Er war zur nahen Kurve der mitgereisten Fans gerannt, hatte dazu recht ausgelassen gejubelt. Da drängten 200 bis 300 Anhänger von Lille runter zum Metallzaun, der die Tribüne vom Rasen trennte. Ein Massenrollen, eine kollektive Ruckbewegung, wie orchestriert. Der Zaun hielt dem Druck nicht stand. Er faltete sich, klappte einfach weg. Dutzende stürzten in den Graben, fast zwei Meter tief. Auf den heran gezoomten Bildern sieht man, wie die Menschen durcheinander gewirbelt werden, als wären sie leichte Kegel.

29 Fans wurden verletzt, fünf schwer, jedoch keiner lebensgefährlich. Drei Minderjährige waren dabei. Das Spiel wurde unterbrochen und nicht wieder angepfiffen. Die Kameras holten auch Marcelo Bielsa näher heran, den argentinischen Starcoach von Lille, der wie immer im Trainingsanzug neben der Bank kauerte, den ganzen Schrecken in einem Gesichtsausdruck, als noch nicht klar war, dass alle mit dem Leben davonkommen würden. Ein Wunder also.

Doch die Freude über dieses Wunder vermochte die Polemik nicht zu verhindern, die nur Stunden danach einsetzen sollte. Das Stade de la Licorne, das Stadion des Einhorns, wie es in Anlehnung an das Fabelwesen im Wappen der Stadt und im Logo des Vereins heißt, ist schon lange im Gerede wegen seiner prekären Sicherheit. Es hat eine eindrückliche Form mit seinen hohen, durchsichtigen Dächern, die wie Klammern in den Himmel ragen. Die Konstruktion soll vor dem Wind schützen, der dort oben, im Norden, auch einmal unangenehm blasen kann.

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Das Spiel der ersten französischen Liga zwischen dem SC Amiens und dem OSC Lille musste abgebrochen werden. In der 16. Minute stürzte ein Geländer ein, 29 Personen wurden verletzt.

Als das Stadion 1999 eingeweiht wurde, galt es als architektonischer Wurf. Bald aber wurde klar, dass das Dach aus Glas gefährlich war. Vor einem Jahr ergab eine Studie, dass diese Gefahren gar "gravierend" seien. Wohl niemand rechnete damit, dass Amiens aufsteigen würde. Da war aber schon beschlossen worden, das Stade de la Licorne ganzheitlich zu sanieren und Tausende Glasplatten durch solche aus Kunststoff zu ersetzen. Tribüne um Tribüne. Statt der maximal 12 000 Zuschauer beträgt die Kapazität nun während der gesamten Saison nur etwa 9500. Ausgerechnet im Jahr des Ruhms ist das Stadion eine Baustelle. Und darum stellt sich nun auch die Frage, ob mit dem Zaun im Gästesektor alles in Ordnung war.

Amiens Präsident Bernard Joannin wies alle Vorwürfe zurück: Die Schutzschranke sei in einem "perfekten Zustand" gewesen, sagte er. Schuld trügen allein die "hitzigen Ultras" von Lille, die angeblich den Platz hätten stürmen wollen, das sei nun das Resultat. Die Klubspitze von Lille gab sich empört über das "hohe Maß an Verantwortungslosigkeit" des Kollegen. Gemeint war wohl ein Mangel an Sensibilität. Nun soll eine Untersuchungskommission des Ligaverbands die Vorgänge prüfen.