Es gab Frankfurter, die waren am späten Samstagabend noch gut gelaunt. Etwa jene, die auf der Heimreise das Bordbistro eines ICE der Deutschen Bahn in Leipzig stürmten und eine „Happy Hour!“ ausriefen, Getränke zu Sonderpreisen also. Ganz so weit reichte das Mitleid des DB-Personals dann nicht, obschon es sich bewusst war, dass die Frankfurter einem Volldesaster beigewohnt hatten und darob imstande waren, mitleidig zu blicken. Volldesaster? Oh ja. Nullsechs. In Zahlen: 0:6 beim Tabellenzweiten RB Leipzig.
Tatsächlich fehlte am Ende nur in Tor, und Leipzig wäre auf einer Stufe mit dem Karlsruher SC von 1964/65 und dem 1. FC Köln der Saison 1983/84 gestanden, es sind die beiden Mannschaften mit den höchsten Bundesliga-Siegen gegen die Eintracht (jeweils 7:0). Ein 6:0 hat es nunmehr viermal gegeben, zuletzt 1995/1996 durch Borussia Dortmund, zuvor hatten das der Hamburger SV (1990/91) und nochmals der BVB (1988/89) geschafft. Das womöglich Schlimmste aus Frankfurter Sicht war nicht einmal, dass „das auch in dieser Höhe so in Ordnung“ war, wie Trainer Dino Toppmöller, 45, einräumte. Sondern dass die Eintracht in dieser Saison dazu verurteilt zu sein scheint, sich für die eigene Defensive zu schämen.
Allein in der Bundesliga kommt die Eintracht auf 29 Gegentore in 13 Spielen; in der Champions League stehen 14 weitere gegnerische Treffer aus fünf Partien zu Buche. Dass es im Pokal in zwei Spielen nur einen Gegentreffer gab, zählt insofern nur halb, als die Eintracht schon seit der zweiten Runde raus ist. Rein tabellarisch betrachtet ist nicht viel kaputtgegangen, um die Champions-League-Plätze zu sehen, benötigt die Eintracht keine Adleraugen. Atmosphärisch hingegen liegt manches im Argen.
Zumal die Demütigung von Leipzig zur Unzeit kommt. Am Dienstag steht eine Reise zum FC Barcelona an, dort bespielt die Eintracht (als erste Mannschaft in der Champions League überhaupt) das teilrenovierte Camp Nou. Zu den Beschwerlichkeiten zählt, dass der Eintracht auch noch die Stürmer ausgehen, nach Jonathan Burkardt, 25, meldete sich am Samstag auch noch Michy Batshuayi, 32, verletzt ab. Mit dem Franzose Elye Wahi, 22, fehlt ein weiterer Angreifer, weil das Trainingsengagement unterirdisch sein muss. Der am Samstag eingewechselte Jessic Ngankam ist nach seinem Schien- und Wadenbeinbruch aus dem April weit von seiner Bestform entfernt.
Seine Mannschaft sei nicht „dreckig“ und „erwachsen“ genug, bemängelt Trainer Toppmöller
„Es gibt von mir jetzt keine Kampfansage Richtung Barcelona“, sagte daher auch Eintracht-Trainer Toppmöller: „Wir müssen das heute, weil es schon wehtut, erstmal sacken lassen.“ Gleichwohl forderte er von seiner Mannschaft schon auch, „eine Reaktion zu zeigen, aufzustehen“, und versprach: „Das werden wir tun.“
Einen ersten Versuch der Analyse unternahm er selbst noch in Leipzig. Wobei das insofern nicht so schwierig war, als die zweite Halbzeit tatsächlich das Attribut verdient hatte, das Toppmöller selbst wählte: „desolat“. Der Coach bemängelte insbesondere, dass seine Mannschaft weder „dreckig“ noch „erwachsen“ genug aufgetreten sei. Was sich daran gezeigt habe, dass sich bis zum sechsten Gegentor niemand durchringen konnte oder wollte, „ein Foul zu machen“, oder eine gelbe Karte zu riskieren.
Nicht, dass man ihn da falsch verstehe: Es sei nicht nötig, „dass du da den Gegner aus den Schuhen trittst“, sagte Toppmöller. Er wollte nur illustrieren, dass die Defensivaktionen der Eintracht bei im Grunde allen Gegentoren allenfalls Alibi-Aktionen gewesen waren. Denn ohne die wirklich gute Leipziger Vorstellung zu schmälern: Es war von bemerkenswerter Leichtigkeit, wie sie ins Quartier der Frankfurter einbrechen und ohne Mühe bis in deren Küche vordringen konnten.

Das lag, wie Eintrachts Sportvorstand Markus Krösche, 45, mit grimmigem Gesicht bemängelte, an der Häufung der „individuellen“ und „mannschaftlichen Fehler gegen den Ball“, womit gewissermaßen das gesamte Universum der denkbaren Irrtümer abgedeckt war. So dürfe man sich nicht präsentieren, ergänzte Trainer Toppmöller, „da brauchen wir definitiv eine andere Haltung“. Zwar versuchte sich sein Leipziger Kollege Ole Werner, 37, insofern an einer Relativierung, als er sagte, dass man in der gar nicht mal so unausgeglichenen ersten Halbzeit beim Treffer zum 2:0 gut sehen konnte, wie eng es im Fußball zugehen könne.
Da hatte Mahmoud Dahoud aus 20 Metern die Querlatte getroffen, danach setzte Leipzig einen schnellen Konter, den Christoph Baumgartner abschloss (31.). Nur: Die Attacke wurde von den Frankfurtern so körperlos begleitet, dass der Treffer gut zur Machart der anderen Gegentore passte, die Conrad Harder (5.), David Raum (Handelfmeter/52.) und der ivorische Hattrickschütze Yan Diomande (47./55./65.) erzielten.
In der Champions League geht es nun nach Barcelona
Konkret vermisste Krösche eine adäquate Staffelung, ein konsequentes Gegenpressing, den Mangel an ordentlicher Restverteidigung trotz Überzahl im eigenen Strafraum, und auch das nur unter anderem. Defensiv überzeugten die Frankfurter allenfalls verbal: Toppmöller etwa, als er die Frage zurückwies, ob er sich von der Mannschaft „im Stich gelassen“ fühle. Oder Krösche, als er apodiktisch sagte: „Wir haben kein Trainerthema.“
Im Kleingedruckten aber gingen die Meinungen auseinander. Während Krösche anführte, dass er kein „Einstellungsproblem“ im engeren Sinne sehe, erkannte Verteidiger und Kapitän Robin Koch genau dies: In der zweiten Halbzeit habe man sogar sehr deutlich „ein Kopf- oder Einstellungsproblem“ sehen können. Wie seine Vorgesetzten benannte Koch einen dringenden Redebedarf: „Jeder Spieler muss sich hinterfragen, ob das wirklich alles ist, was wir geben können.“ Das klang wie ein interessanter Gesprächskreis-Ansatz, bis Koch unbemerkt das Ergebnis ausplauderte: „Jeder von den Jungs weiß, dass es nicht hundert Prozent war.“
Das Problem ist, dass auch dies kein einmaliger Ausrutscher war, sondern immer wieder zutage getreten ist. Die Zahl der torreichen Pleiten spricht diesbezüglich für sich. Die Gefahr, dass sich die Belehrungen der Mannschaft inhaltlich wiederholen, ist gegeben. „Wir werden den Ton vielleicht nochmal verschärfen“, sagte Toppmöller, und er klang, als könne er dafür ein paar Happy-Hour-Whiskys gut gebrauchen.

