Da stand er nun wie ein Häuflein Elend. Ziemlich blass und arg ramponiert im Gesicht. Rasmus Kristensen, der seinem Naturell entsprechend ein kurzärmeliges Trikot bei der ungemütlichen Witterung am Kaspischen Meer gewählt hatte, wirkte wie das Symbol des zerzausten Auftritts von Eintracht Frankfurt beim Champions-League-Aus gegen Qarabag Agdam (2:3). Die Nase vernarbt und verschrammt, blutige Ränder unter den Augen, weil es ihn vergangenen Freitag bei Werder Bremen (3:3) im Gesicht böse erwischt hatte. Trotzdem hatte sich der Däne bei Eintracht Frankfurt nicht wegducken wollen, doch bei dieser missglückten Dienstreise geriet der Musterprofi zum Sinnbild des Zerfalls.
„Es ist einfach nicht gut genug – auch von meiner Seite“, sagte Kristensen, 28. Er sprach von einem der schwierigsten Momente seiner Karriere, weil er sich auf seiner rechten Abwehrseite beim ersten und zweiten Gegentor überlaufen ließ, als würde er neben der Maske noch Bleischuhe tragen. „Es ist kein Spaß, mit gebrochener Nase zu spielen, aber das ist keine Ausrede“, erklärte er noch und hob entschuldigend die Hände. Er und seine Kollegen seien „keine schlechteren Spieler als letztes Jahr oder letzten Sommer: Es ist im Kopf“. Genau jener Verteidiger, der vergangene Saison am letzten Spieltag in Freiburg der gefeierte Wegbereiter für den Einzug in die Königsklasse war und sein Glück in die Fußballwelt schrie, stand in Baku am vorletzten Spieltag für den bitteren Abschied von der Bühne der Besten. Und er war Hauptdarsteller einer Begegnung, die alle Schwächen der Eintracht komprimiert zusammenfasste.
„Unser Glaube ist größer als euer Budget“, hatten die Anhänger des gerne auch als „FC Barcelona vom Kaukasus“ titulierten Vorzeigeklubs aus Aserbaidschan auf einem großen Transparent geschrieben. So tapfer sich auch die trotz des Uefa-Ausschlusses mitgereisten tausend Eintracht-Fans Gehör verschafften: Der Außenseiter packte die letzte Chance beim Schopfe, während die Gäste mal wieder nicht in die entscheidenden Zweikämpfe kamen. Zu den 39 Gegentoren in der Bundesliga kommen nunmehr 19 in der Champions League. Was mit einem furiosen 5:1-Triumph gegen Galatasaray Istanbul als Tabellenführer des ersten Spieltags schön begann, endete bereits in der vorletzten Spielrunde der Liga-Phase ernüchternd: vier Zähler, Platz 33 von 36 Teams. Das letzte Heimspiel gegen Tottenham Hotspur am nächsten Mittwoch wird zur Abschiedsvorstellung im Waldstadion. Von den Attributen des Europa-League-Siegs 2022 ist aktuell wenig übrig.
Eintracht ist international nur noch Laufkundschaft. Und das muss allen Beteiligten zu denken geben. Die Sieger hatten gerade ihre Ehrenrunde zu „Freed from Desire“ beendet, als Sportvorstand Markus Krösche sichtlich ernüchtert in die Mixed Zone kam. „Wir machen die gleichen Fehler, wie wir sie in den letzten Wochen auch gemacht haben. Wir haben ein paar Dinge besser gemacht, sind aber in die gleichen Muster verfallen“, sagte Krösche, 45, mit leiser Stimme. „Den Jungs fehlt es an Selbstvertrauen und an Sicherheit. Wir müssen ein tiefes Tal durchschreiten.“ Der letzte Gegentreffer durch Bahlul Mustafazada (90.+4) fühlte sich wie ein Schlag in die Magengrube an. Auch dem für die Kaderzusammenstellung verantwortlichen Manager dämmerte an diesem düsteren Abend, dass die Ursachen tiefer liegen. Nämlich, dass drei Gegentore in jedem der vier Pflichtspiele dieses Jahres nicht allein dem entlassenen Dino Toppmöller und seinem Trainerteam anzulasten sind.
Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dann erbrachte ihn der Auftritt im nach dem Linienrichter Tofiq Bahramov benannten Stadion. So zielsicher Bahramov beim ominösen Wembley-Tor im WM-Finale 1966 zur Mitte zeigte, so motiviert wirkte der Gastgeber 60 Jahre später darauf, die deutschen Gäste in die Knie zu zwingen. Den Frankfurtern hingegen fehlten auf dem schwer bespielbaren Rasen Inspiration und Überzeugung. Vorstandschef Axel Hellmann hatte schon zum Jahreswechsel die Haltung der Profis angeprangert, als er von „zu viel Wohlfühloase“ sprach. Selbst in einem entscheidenden Europapokalspiel wie am Mittwoch war wieder deutlich zu sehen, was er gemeint hatte.
Ein internationaler Startplatz ist aus finanziellen Gründen elementar für die Eintracht
Es wirkte beinahe rührend, dass der ständig am Spielfeldrand herumfuchtelnde Interimscoach Dennis Schmitt angeblich Fortschritt gesehen hatte. Er lobte eine „deutliche bessere Zweikampfquote und mehr Intensität“. Doch auch Schmitt, 32, müsste bemerkt haben: Besserung in Spurenelementen reicht auf diesem Niveau nicht. Er und Klubikone Alex Meier verantworten noch das Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim (Samstag, 15.30 Uhr), dafür brauche man „Analyse und Training“ – und Zeit, die das Interimsgespann nicht hat. Es wäre eine Überraschung, würden sich die fehlerhaften Verhaltensmuster schnell ändern.
Der neue Trainer, der aller Voraussicht nach Marco Rose heißen wird, findet eine verunsicherte Mannschaft vor. „Wir sollten die Fehler zeitnah abstellen“, forderte Krösche. „Wir müssen uns voll auf die Bundesliga konzentrieren.“ Mehr bleibt nicht mehr. Ein internationaler Startplatz ist elementar für die Hessen, die insbesondere den Personalaufwand derart aufgebläht haben, dass schon im vergangenen Geschäftsjahr trotz Champions-League-Qualifikation bei einem Etat von 389 Millionen Euro ein Fehlbetrag von mehr als acht Millionen Euro vermeldet werden musste.

