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Österreichs Bundestrainer Franco Foda:Wien-Wien-Situation

SOCCER UEFA EURO EM Europameisterschaft Fussball 2020 quali POL vs AUT WARSAW POLAND 09 SEP 19; Foda

Bei der EM dabei: Franco Foda und Stefan Posch, unter Vertrag bei der TSG 1899 Hoffenheim, freuen sich.

(Foto: Philipp Brem/Imago)
  • Bei der EM-Auslosung steckt auch eine Bundesliga-Allstar-Auswahl im Topf: Österreichs Nationalmannschaft mit dem deutschen Trainer Franco Foda.
  • Es wirkt, als hätten Österreich und die deutsche Bundesliga eine Vereinbarung getroffen, von der beide profitieren.

Von Christof Kneer, Graz

Franco Foda hatte einen klaren Plan. Im Moment des Abpfiffs würde er auf Diego Maradona zurennen und sich dessen Trikot schnappen, Foda war auch entschlossen, für dieses Trikot zu kämpfen. Aus heutiger Sicht kann man festhalten, dass sein Plan damals immerhin zur Hälfte aufgegangen ist. Tatsächlich stand Foda nach Spielschluss als Erster bei Maradona, mit dem zweiten Teil des Plans gab es allerdings ein Problem. Maradona schüttelte den Kopf. Er habe das Trikot schon einem anderen versprochen, gab Maradona zu verstehen, und dieser andere hat die Trophäe dann auch abgeschleppt. Das Trikot gehört seitdem Lothar Matthäus.

Näher als im Dezember 1987 ist Franco Foda dem großen Fußball nie mehr gekommen. Er hat bei der Südamerika-Reise der deutschen Nationalmannschaft 25 Minuten gegen Argentinien und acht Minuten gegen Brasilien gespielt, mehr Einsatzminuten hat er auch in den folgenden Jahren nicht mehr geschafft. Vor der WM 1990 stand Foda noch mal im erweiterten DFB-Kader, aber er hat sich dann verletzt. Weltmeister wurden die anderen ohne ihn.

Knapp 30 Jahre später begegnet Franco Foda nun dem großen Fußball wieder. Am Freitag hat er erst die Weihnachtsfeier des Österreichischen Fußballbundes in Wien besucht (eine Veranstaltung, von der der große Fußball bisher keine Kenntnis hatte), am Samstag ist er zur Auslosung der EM-Gruppen nach Bukarest gereist. Argentinien und Brasilien werden Foda bei diesen europäischen Titelkämpfen vermutlich nicht zugelost werden, es sei denn, man hat das sagenumwobene Qualifikations- und Losverfahren immer noch nicht gecheckt. Aber Italien könnte Foda erwischen, das Heimatland seines Vaters. Oder Deutschland, das Land, das ihn zum 33-Minuten-Nationalspieler gemacht hat.

Als Arbeitsmaterialien reichen eine Deutschland-Karte und die Ansetzungen des aktuellen Spieltags

Foda, 53, ist eine außergewöhnliche Figur auf dem Trainermarkt, er ist gleichzeitig Coach einer Nationalmannschaft und einer Ligaauswahl. Er trainiert Österreich und die deutsche Bundesliga, was schätzungsweise dasselbe ist.

Im Oktober 2017 hat Foda die österreichische Nationalelf übernommen, und die Österreicher haben dabei gnädig übersehen, dass er a Deitscher ist. Am Ende einer langen Bundesligakarriere, die ihn unter anderem nach Kaiserslautern, Leverkusen und Stuttgart führte, hat Foda noch erfolgreich für Sturm Graz gespielt, anschließend war er dort erfolgreich Trainer. "Ich lebe seit über 20 Jahren in Graz, hier wird unser Lebensmittelpunkt bleiben", sagt Foda, "ich bin schon halber Österreicher."

Bedauerlicherweise muss man aber anmerken, dass ihm die entscheidende Hälfte fehlt. Sehr bedauerlicherweise sagt er immer noch Ball zum Ball und Beinschuss zum Beinschuss und nicht, wie das in der Fachsprache heißt, Wuchtel und Gurkerl (zu einem schwachen Torhüter sagt er auch "schwacher Torhüter" und keinesfalls Eiergoalie). Er spricht sein Deutsch immer noch mit pfälzischem Einschlag, und mit diesem Deutsch sagt er sehr schöne Sätze wie "es bleibt nischt aus, dass isch vielleischt auch mal Stangerlpass sage".

Graz ist übrigens ziemlich wunderschön, und die Steirer klopfen Foda auch kernig auf die Schulter, wenn sie ihn beim Italiener oder auf der Straße treffen, aber das ist nicht der Grund, warum Foda sein Graz dem großen Wien vorzieht. Er wolle die Teamchef-Rolle etwas anders interpretieren, sagt er, "wir wollen viel unterwegs sein, viel Kontakt halten. Dafür muss ich nicht jeden Tag im Wiener Büro sein". Wenn er mit seinen Assistenten Thomas Kristl und Imre Szabics die Einsatzpläne für die Wochenenden bespricht, reichen als Arbeitsmaterialien meist eine Deutschlandkarte und die Ansetzungen des aktuellen Spieltags der deutschen Bundesliga.

Schwerwiegende Fragen stellen sich dann: Kann man, wenn man freitagabends den Schalker Schöpf schaut, am Samstag noch den Alaba anschauen und die Leipziger Sabitzer, Laimer und Ilsanker? Wer aus dem Trainerstab kommt dann am schnellsten nach Gladbach, um am Sonntag den Lainer zu beobachten oder in Wolfsburg den Schlager? Oder ist es eh ein Schmarrn, in München den Alaba, in Frankfurt den Hinteregger oder in Leverkusen den Baumgartlinger anzuschauen, weil man eh weiß, dass die super sind? Soll man nicht lieber in Freiburg den jungen Abwehrspieler Lienhart besuchen oder den jungen Abwehrspieler Posch in Hoffenheim oder den alten Abwehrspieler Trimmel bei Union Berlin? Lohnt sich ein Besuch in Mainz, spielt der Onisiwo da überhaupt von Anfang an, und oder schauen wir lieber den Schaub und den Kainz in Köln oder den Friedl in Bremen? Was ist mit dem Grillitsch und dem Gregoritsch? Geht sich noch ein Abstecher in die zweite Liga aus, zum Hinterseer nach Hamburg oder nach Nürnberg zum Dovedan?

"Austria" steht auf dem Kärtchen, das in Lostopf drei steckt. Man könnte aber auch "German Bundesliga" draufschreiben, ohne eine Gegendarstellung von Marko Arnautovic zu riskieren, der in China spielt, aber auch mal in Bremen war. Es wäre aber ein Missverständnis, Österreichs Elf nur für eine Art "Bob Deutschland II" zu halten. Österreich hat kein Team von Piefkes Gnaden, es wird von Experten durchaus zu den Geheimtipps gezählt. "Eine Qualifikation für ein Turnier ist für Österreich immer noch keine Selbstverständlichkeit", sagt Foda zwar und erinnert an die zwei Auftaktniederlagen in der Qualifikation. "Da war ein bisschen Druck auf dem Kessel, aber das Team ist mit der Stresssituation gut umgegangen. Und wenn alle topfit sind und ihr Limit abrufen können, haben wir das Potenzial, jedem Gegner auf der Welt wehzutun."

Jedem Gegner auf der Welt: Foda meint das so. Selbst wenn sie mit Deutschland und Frankreich in eine Gruppe kämen, würden seine Österreicher mehr wollen, als nur mit den örtlichen Maradonas die Trikots zu tauschen.

Würden Österreich und Deutschland in einer Gruppe landen, wäre das mehr als Folklore. Aufgrund eines unkontrollierbaren Reflexes würde manche zwar sofort "Córdoba!" rufen oder Schoko Schachner interviewen, der bis heute behauptet, bei der "Schande von Gijón" nicht eingeweiht gewesen zu sein - aber eigentlich käme nur zusammen, was zusammengehört.

Niemand hat einen Vertrag geschlossen, es gibt keine Unterschriften, aber doch wirkt es, als hätten Österreich und die deutsche Bundesliga eine Vereinbarung getroffen, von der beide profitieren.

Es ist im Grunde eine Win-Win-Situation (österr.: Wien-Wien-Situation): Österreich bildet Talente aus, die für deutsche Bundesligisten bezahlbar sind und im weitesten Sinne Deutsch sprechen; die deutschen Bundesligisten schärfen die Talente dann im anspruchsvollen Ligabetrieb und schicken sie wettbewerbshart zum Nationalteam zurück.

Das ist der Deal. Vor 15 Jahren habe Österreich angefangen, sich an der Schweiz zu orientieren, erinnert sich Foda, "die Schweiz war bekannt für top ausgebildeten Nachwuchs, und in Österreich hat man sich gesagt: Die Schweiz ist ein vergleichbares Land, was dort aufgebaut wurde, können wir auch schaffen". Anlässlich der EM 2008 in Österreich und der Schweiz wurden diverse Förderprogramme aufgelegt, der Verband spendierte den Erstligisten Individualtrainer für die Junioren, professionelle Coaches wurden in den Nachwuchsakademien Pflicht. Österreich sei "ein sehr gutes Ausbildungsland geworden", sagt Foda, "auch die Red-Bull-Achse Liefering/Salzburg und im weiteren Sinne Leipzig" habe zur Anhebung des Niveaus beigetragen.

Franco Foda fühlt sich bereit für ein Wiedersehen mit dem großen Fußball. Nach Maradonas Absage hat er damals übrigens noch das Trikot von Jorge Burruchaga ergattert, jenem großen Spieler, der das Siegtor im WM-Finale 1986 schoss, nach einem Pass von Maradona.

© SZ vom 30.11.2019/sonn
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