Francesco Totti:Pantoffelheld, Daumenlutscher, Weltmeister

Juli

Francesco Totti: 2005: Totti hatte noch lange Haare und nicht gerade viel an...

2005: Totti hatte noch lange Haare und nicht gerade viel an...

(Foto: Foto: Reuters)

,,Das Olympiastadion ist mein Zuhause. Das Stadion, von dem ich immer geträumt habe. Hier fällt mir alles leicht.''

Tja, um das Halbfinale kommen wir jetzt nicht herum. ,,Ist es nicht schön, dass eine unserer beiden Mannschaften ganz bestimmt im Finale ist?'', frage ich die Kinder. Es ist ein Versuch. Immerhin war unser Sohn im Viertelfinale noch für Lehmann. Die Kinder haben zwei Pässe. Sie sind Deutschitaliener, und sie parieren besser als Buffon und Lehmann zusammen. Die Kinder sagen: ,,Wir haben keine zwei Mannschaften, Mamma.''

Die Römer haben zu diesem Zeitpunkt schon ihren passiven Widerstand gegen die WM der Juventini aufgegeben. Sie schauen hin. Sie wollen jetzt Weltmeister werden. Forza Africa hat sich in aller Stille wieder aufgelöst.

Auch in Berlin gibt es ein Olympiastadion, dort küsst Totti den Pokal. Er hat sich die italienische Trikolore wie ein Kopftuch umgeschlungen, er sieht aus wie die Hexe Befana, die am Dreikönigstag den römischen Kindern Geschenke bringt. Weltmeister gegen die Franzosen! Das hat einen ganz eigenen Geschmack.

Nachts sind wir eine Million Menschen auf der Via dei Fori Imperiali. Das Kolosseum ist hell erleuchtet, die Kaiserstatuen tragen Totti-Trikots. In dieser Nacht geht keiner schlafen. Alle singen Po-Po-Po, noch etwas schiefer als Totti in San Remo. Am nächsten Abend, bei der gigantischen Siegesfeier mit der Mannschaft im Circus Maximus, hält einer ein Spruchband hoch: ,,So' partiti cojoni, so' tornati campioni''. Als Idioten gefahren, als Weltmeister zurück.

Tage später werden Juventus die letzten beiden Meistertitel aberkannt. Zum ersten Mal wird die Alte Signora in die zweite Liga relegiert. Lazio, der AC Florenz und der AC Mailand werden ebenfalls hart bestraft, aber in den nächsten beiden Instanzen finden sie gnädige Richter. Man hat ein Exempel am Rekordmeister statuiert, das soll reichen.

Juve hatte acht Spieler im WM-Finale, fünf Italiener und drei Franzosen. Vier von ihnen kehren dem Klub sofort danach den Rücken. Marcello Lippi erklärt zwei Tage nach der Siegesfeier seinen Rücktritt als Nationaltrainer. Sein Nachfolger ist Roberto Donadoni. Und Totti nimmt sich eine Auszeit: ,,Ich muss erst mal mit Ilary sprechen.''

August

,,Glück ist nicht zu siegen, sondern mit sich selbst im Reinen zu sein.''

Der Fußballskandal geht durch die Instanzen. Man weiß noch nicht so recht, wann die Meisterschaft wieder losgeht, doch das ist eigentlich in jedem Sommer so. Diesmal müssen die Mauschelklubs in die Ligen sortiert werden. Inter Mailand bekommt den letzten Meistertitel zuerkannt. Die Roma rückt in die Champions League auf. Italien macht inzwischen Urlaub. Die Tottis in Polynesien.

September

,,Ich arbeite für Unicef, weil Kinder das Wichtigste sind.''

Juventus spielt in der Serie B. Lazio leider nicht. Trotzdem tragen wir gern unser Scherflein in die Wallfahrtskirche der Göttlichen Liebe. Viele Juventini haben zum Saisonbeginn die Roma als ihren Zweitklub entdeckt. Juventini haben einen Hang zum Zweitklub, die brauchen nämlich auch was fürs Herz. Und unser Herz ist ... ach, unser Herz ist groß.

Die Roma ist der vielleicht einzige Klub weltweit, über den eine - sagen wir mal: unabhängige - Tageszeitung berichtet. Il Romanista könnte auch Il Tottista heißen, denn es dreht sich sowieso fast alles um Totti. Am 27. September, Tag 28919 nach AS Romas Geburt, wird Totti 30. Der Leitartikel im Romanista ist aber merkwürdig melancholisch: ,,Der Junge ist zum Mann geworden. Eine schreckliche Idee, dass nach dreißig 31 kommt. Und dann 32, 33, 34, 35. Der Kapitän wird jedem von uns in die Augen sehen, wenn er sich die Gladiatorenbinde vom Arm nimmt. Lächelnd wird er sagen: ,Jetzt seid ihr dran. Ich kann nicht mehr.' UND WIE SOLLEN WIR WEITERMACHEN, WENN FRANCESCO NICHT MEHR DA IST?!''

Ahò. Mit der Ruhe, Ragazzi. Mit 30 gibt man noch lange nicht den Löffel ab. Totti schon gar nicht. Der lutscht doch noch am Daumen! Und zwar an der Spitze einer Daumenlutscherbewegung. Täglich bringt Il Romanista Fotos mit daumenlutschenden Römern. Verkehrspolizisten mit SPQR-Helmen. Hausfrauen mit Betonfrisur, Mädchen mit blitzenden Bauchnabeln. Jetzt lutschen sie noch Daumen. Und wehe, sie werden morgen eine Partei.

Oktober

,,Mein erstes Ziel ist, hierzubleiben und mit der Roma zu gewinnen. Und dabei geht es nicht um Geld.''

Totti hat einen Vertrag bis 2010. Geld ist dabei wirklich kein Problem. Man munkelt so von 7,5 Millionen netto. Aber wenn einer Multimillionär ist, heißt das noch lange nicht, dass er sich zu Hause an Nudeln sattfuttern darf.

Zu Hause regiert die Frau. Das hat sich in den letzten 3000 Jahren in Rom so bewährt. Wer das nicht einsehen wollte - Typen wie Nero, oder Caligula - hatte irgendwann das Nachsehen. Bei Totti regierte vor llary uneingeschränkt Mamma Fiorella. Angeblich hatte sie einer Herzensfreundin ihres Sohnes sogar einmal einen Privatdetektiv hinterher geschickt. Die Romanisti waren dankbar. Wenn das mit den Frauen nicht gut läuft, kann man auch nicht ordentlich Fußball spielen.

Mit Ilary möchte Totti fünf Kinder. Schließlich ist die Gens Totti die wichtigste römische Familie nach der Gens Iulia, dem Stamm der Cäsar-Leute, man muss dynastisch denken. Wollen wir hoffen, dass mit Ilary alles im Lot ist, denn in diesem Monat verschießt Totti drei Elfmeter. Und das Nationalteam lässt er weiter warten. Aus familiären Gründen.

November

,,Der Totti von heute ist der beste aller Zeiten, denn ich wachse jedes Jahr.''

Totti schießt ein Tor gegen den AC Mailand. Zwei gegen Sampdoria. ,,Die widme ich Michel Platini und unserem Verbandspräsidenten Matarrese'', sagt er. ,,Vielleicht kommen die dann mal nach Rom und reden nicht weiter von Dingen, die sie nicht verstehen.''

Matarrese versteht nicht, dass Totti nicht mehr für die Squadra Azzurra antreten will. Platini hat erklärt: ,,Er hat unglaubliches Talent und kann für eine Sekunde Ronaldinho sein. Dann gibt es aber noch weitere 89 Minuten und 59 Sekunden. Er ist zu römisch. Wenn er in Deutschland geboren wäre, wäre er ganz anders.''

Mit Nummer zehn Franz Totten für Hertha BSC. Das muss man sich mal vorstellen! Könnte Franz Totten für 89 Minuten und 59 Sekunden Ronaldinho sein? Achtung, das war eine rhetorische Frage.

Die Roma ist Tabellenzweiter hinter Inter. ,,Die Leute bezahlen Eintritt und sollen auch was dafür sehen'', sagt Preuße Totten. Und die Nationalelf ,,ist kein Thema, solange ich noch Schrauben im Knöchel habe.'' Ilary erklärt offiziell: Sie erwartet das nächste Kind.

Dezember

,,Die Roma ist mein Paradies.''

Ein guter Freund heiratet im Standesamt auf dem Kapitol. Der Bürgermeister selbst vollzieht die Trauung. Man kennt sich aus Pennälertagen, vom Fußball auf dem Schulhof. Die überwiegend in hohen Ämtern ergraute Festgemeinde ist beladen mit Paketen aus dem Roma-Shop. Totti-Devotionalien als Hochzeitsgeschenk. Das Bankett findet auf der Terrasse der Kapitolinischen Museen statt. Es ist einer der schönsten Orte der Welt, mit Blick von den Kaiserpalästen bis zur Peterskirche. Beim ersten Gang werden die Gäste aber unruhig. Die Roma spielt gegen Atalanta Bergamo - und es ist kein Fernseher da! Immerhin wird ein Radio aufgetrieben. Zwei Torschreie klingen vom Kapitol. Totti. Und nochmal Totti. Der Bürgermeister verzieht keine Miene. Er ist Juventino.

Wochen später verliert die Roma das Derby. Null zu drei. Der Trainer von Lazio springt vor Freude in einen Barockbrunnen. Die Romanisti behaupten, sie hätten vorher reingepinkelt.

Am Jahresende sind wir immer noch Zweiter. Mit zwölf Treffern ist Totti der beste Torschütze. Die Roma spielt im Achtelfinale der Champions League. Michel Platini hat sich entschuldigt.

Totti sagt, er will noch sieben Jahre spielen. Ein Jahr für jeden Hügel von Rom. Und 2007 wird das beste von allen.

(SZ vom 30./31.12.2006/1.1.2007)

© Kalendersprüche aus: Gazzetta dello Sport - Francesco Totti, Kalender 2006
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