Francesco Totti Pantoffelheld, Daumenlutscher, Weltmeister

Das verrückte Jahr des Francesco Totti: Wie Rom mit seinem größten Idol leidet und jubelt.

Von Birgit Schönau

Januar

Francesco Totti

(Foto: Foto: ddp)

,,Um ein Topspieler zu werden, durfte ich keine Grillen im Kopf haben und keine Schmetterlinge jagen.''

Wird es Tottis Jahr? Wird es ein 2006 im Zeichen des Capitano? Wenn schon nicht mit AS Rom, dann vielleicht mit der Nationalelf. Wenn schon nicht als Italienmeister - wer kommt schon an Juventus Turin vorbei -, dann doch wenigstens als Weltmeister. Ob man das wohl auch im Circus Maximus feiern könnte, so wie die letzten beiden Meistertitel der Roma? Damit wir auch ein kleines bisschen Spaß haben?

An Silvester darf man noch träumen. Schließlich erzählen sie uns seit Jahren, dass Francesco Totti das größte Talent sei. Und wir glauben das nicht. Wir wissen es.

Seit Jahren reden sie uns ein, ausnahmslos Totti habe den Goldenen Ball für den besten Kicker Europas wirklich verdient. Dass er ihn dann doch nicht bekäme, läge am antirömischen Reflex der Franzosen, an ihrer barbarischen Weltverschwörung mit Turinern, Briten und Spaniern. Auch das glauben wir nicht. Nicht wirklich.

Ich meine, es gibt Menschen, die ernsthaft die Überzeugung pflegen, Alexander Bell habe das Telefon erfunden, weil diese armen, unwissenden Geiseln des amerikanischen Kulturimperialismus noch nie etwas von Antonio Meucci gehört haben. Bell hatte Meucci das Patent geklaut, weil der Italiener Schwierigkeiten mit der Bürokratie hatte. So werden Genies vergessen und verkannt, so ist Totti der Meucci des Weltfußballs. Wenn er für Juventus spielen würde oder bei Real Madrid, wäre die Sache doch längst gelaufen. Totti hat keine Grillen im Kopf und jagt keine Schmetterlinge. Deshalb macht er in diesem Januar an zwei Spieltagen für die Roma vier Tore.

Februar

,,Ein Tor ist für mich wie der Kuss einer Frau''

Ach, Ilary. ,,Ich bin so aufgeregt, dass ich erst mal pinkeln muss'', sagt Tottis Frau. Sie präsentiert das Schlagerfestival von San Remo. Sie ist blond. Sie ist blutjung. Sie hat eine schwache Blase, ein fettes Lachen und ein erfrischendes Mundwerk. Sie ist so direkt wie eine Marktfrau von der Piazza Vittorio.

Sie setzt ihn auf Diät, sagt Totti. ,,17 Nudeln, exakt abgezählt. Mehr gibt's nicht.'' Zur Hochzeit im vorigen Jahr hat er sich noch von den Tifosi eine Lasagneform gewünscht. Jetzt erzählt Totti, wie er bei seinem kleinen Sohn die Windeln wechselt.

Totti fährt nach San Remo. Setzt sich in die erste Reihe. ,,Nur aus Liebe'', sagt Ilary.

Totti geht an Krücken. Am 19. Februar hat ihn während der Partie Roma - Empoli der bis dato unbekannte gegnerische Verteidiger Richard Vanigli in die linke Wade getreten. Im Fallen bohrt sich Tottis Fuß in den Rasen. Und bricht. Drei Stunden dauert die Operation. Und schon ist die WM-Teilnahme in Gefahr.

Ein Drama. Die Römer machen sich auf zur Villa Stuart, der Klinik, in der Totti liegt. Sie bringen Blumensträuße, Plüschtiere und seine Leibspeise Nutella. Zwei Tifosi schleichen hinauf bis ins Krankenzimmer. Totti lädt die beiden zu einer Tasse Krankenhaustee ein. Auch Bürgermeister Walter Veltroni kommt, dabei ist er für Juventus. Silvio Berlusconi ist noch im Amt des Ministerpräsidenten und schickt ebenfalls Glückwünsche - hinter Totti stehen zwei Millionen Wähler. In Turin laufen die Olympischen Winterspiele. In Rom läuft la tragedia di Totti. Ratet mal, was ergreifender ist.

Zum Derby gegen Lazio humpelt er ins Stadion. Er setzt sich unter die Südkurve. Die Roma gewinnt. Es ist der elfte Sieg in Serie, Rekord in der Serie A. Danach trägt das ganze Team das Trikot des Kapitäns. Wie der Kuss einer Frau. Mindestens.

März

,,Wer nicht aus Rom kommt, kann es nur schwer verstehen - aber hier zu gewinnen hat einen ganz eigenen Geschmack.''

Das Festival in San Remo erlebt Tottis Debüt als Sänger. Er summt Po-po-po-po-po-po-pooo, einen Gassenhauer der White Stripes, den seine Fans im Stadion grölen. Totti singt entsetzlich schief. Sein Auftritt nährt Zweifel, ob er nicht auf die schiefe Bahn gerät. In eine Karriere als Pantoffelheld. Einstweilen ist er das etwas ungehobelte Accessoire eines heruntergekommenen Festivals. Zum Glück kommt San Remo, wenn die Kinder schon im Bett sind. Gefragt, wie sie sich ihre Laufbahn beim Fernsehen vorstelle, sagt Ilary: ,,Ich weiß es noch nicht. Ich kann es mir schließlich auch leisten, zu Hause zu bleiben.''

Unsere Tochter will nicht werden wie Ilary. Noch nicht. Nachmittags besucht sie ihre Freundin Marta. Die spielt Fußball wie Totti und hat alle möglichen Totti-DVDs. Zu Hause haben wir nur ,,Lazio-Roma 1:5'' und ,,Totti - König des Olympiastadions''. Das ist schon so lange her, dass es noch auf Videoband gespeichert wurde. Aber was soll man machen? Unser Leben in diesem verdammten 2006 ist eine einzige Durststrecke. Den ureigenen Geschmack des Sieges werden wir so schnell wohl nicht kosten. Also rein mit dem Einszufünf.

April

,,Vielleicht ist es einfacher in Mailand oder Turin zu gewinnen, aber in Rom trittst du in das Herz der Menschen.''

Einfacher? In Mailand oder Turin?! Jetzt ist auch klar, warum!!! Die gesamte Meisterschaft haben die manipuliert. Juves General Luciano Moggi mit seinen 23 Handys und zwei Dutzend willfährigen Schiedsrichtern! Der AC Mailand, Lazio und der AC Florenz hängen mit drin. Es ist der größte Skandal aller Zeiten, schreiben die Zeitungen. Na, es ist nicht so, als hätten wir's nicht geahnt. Auch unser Kapitän ist kein Prophet. Aber er macht als Erster den Mund auf.

,,Wir müssen bei null wieder anfangen. Wir brauchen klare Entscheidungen. Man muss jetzt diejenigen bestrafen, die Fehler gemacht haben.''

Mit dem passionierten Radfahrer Romano Prodi gewinnt die linke Mitte die Parlamentswahlen knapp gegen den Fußballpräsidenten Silvio Berlusconi. Ausländische Kommentatoren ziehen aufgeregt Zusammenhänge zwischen Berlusconis Niederlage und den Enthüllungen des Fußballskandals. Nach dem Motto: Erst kippt Berlusconi, dann der von ihm protegierte und manipulierte Calcio. So einfach ist es aber nicht. Roms Kartenleger haben in diesem Monat ein Sonderangebot: ,,Gegenwart die Hälfte. Vergangenheit gratis.'' Na, vielen Dank.

Totti hat sich die Haare abgeschnitten und sein erstes Freundschaftsspiel absolviert. ,,Der Knöchel antwortet mir'', sagt er. In der Rekonvaleszenz hat er fünf Kilo abgenommen. Tja, Ilary zählt die Nudeln.

Mai

,,Ich sage immer das Gleiche: Ich will eine starke Mannschaft, weil es die Stadt, die Roma und ihre Tifosi verdienen.''

Juventus gewinnt die Meisterschaft. Aber die Spieler schleichen mit Leichenbittermienen zu ihrer eigenen Feier. Nichts ist mehr, wie es war, und erst recht ist nichts mehr, wie es scheint. Täglich gibt es neue Enthüllungen aus dem Manipulationsskandal.

,,In Deutschland zählt nur, wie wir gegen die anderen spielen'', glaubt Totti. Er ist in die Squadra Azzurra berufen, deren Trainer Marcello Lippi inzwischen auch unter Beschuss steht. Lippis Sohn hat für eine sinistre Spielervermittlungsagentur gearbeitet, der Nationaltrainer selbst war sieben Jahre lang Juve-Coach. ,,Alle haben es gewusst und keiner hat etwas gesagt'', erklärt Totti. ,,Wenn ich mal etwas angedeutet habe, wurde ich gleich verwarnt. Dabei übertrifft das hier alle Vorstellungen. Aber mein Image ist sauber.''

Deshalb braucht man ihn ja auch für die WM. Drei Roma-Spieler beruft Lippi, damit hätte vor dem Skandal kaum jemand gerechnet. Totti kann zwar noch nicht wieder laufen wie früher, aber seine Rolle füllt er auch mit Krücken aus. Und Rom ist glücklich. Rom will ihn spielen sehen, nur das. Ansonsten ist die Begeisterung gering. Die Nationalmannschaft hat hier noch nie jemanden hinterm Ofen hervorgeholt. Zu viele Spieler von Juve und Milan. Aber jetzt ist das Maß wirklich voll. Wenn Totti nicht berufen worden wäre, hätte in Rom keiner hingeguckt. Vorsorglich wurde der Fanklub Forza Africa aus der Taufe gehoben. Lieber für Ghana und Togo als für Lippi und Cannavaro.

Juni

,,Das Geheimnis meines Erfolgs? Vielleicht die Tatsache, dass ich gar nicht merke, wie gut ich bin.''

Unser Nachbar ist Australier. Er macht sein Geld in Kuala Lumpur. Ganz Malaysia pflastert er mit Einkaufszentren zu. Aus steuerlichen Gründen lebt er in Italien. Das große Problem mit den Shopping Centers, sagt unser Nachbar, ist, dass die Leute sie neuerdings als Bühne für ihren Freitod benutzen. Die Selbstmörder steigen uns aufs Dach, das schreckt die Kundschaft ab. Bei uns klettern sie immerhin aufs Kolosseum, sage ich. Daran sieht man, dass die Römer ein Kulturvolk sind.

Du bist zynisch, sagt unser Nachbar. Just like Totti.

Man muss das verstehen. Die haben tatsächlich gedacht, sie kommen ins Viertelfinale. Die Australier! Diese naiven Kinder des Weltfußballs. Grosso hat's dann gerichtet. Einmal kunstvoll hinfallen, kurz vor Schluss. Und Totti hat den Elfmeter geschossen.

,,Ich dachte: Hoffentlich macht er keinen Lupfer'', gestand Lippi nachher. Totti ist berühmt für sein ,,Löffelchen''. Gerade ist sein neues Buch erschienen: Mo je faccio er cucchiaio. Jetzt mache ich ihm das Löffelchen. Totti schildert darin, wie der Fußball ihm half, seine Schüchternheit zu überwinden. Wie der Calcio aus dem verhuschten Kind Francesco einen König machte.

Gegen Australien lieferte er einen sauberen Schuss. ,,Für den Löffel war's mir zu warm.'' Danach lutschte er am Daumen. Ein Gruß an Söhnchen Cristian.

Löffelheber, zynischer Vollstrecker, Daumenlutscher. ,,Sie haben mich massakriert'', wird Totti später über seine WM-Wochen sagen. Er wirkt wie ein Schatten seiner selbst. Die Verletzung wirkt nach, aber Lippi lässt ihn spielen. Nein, es ist nicht seine WM. Die anderen merken wieder mal nicht, wie gut er eigentlich ist. Aber immerhin hat er Italien ins Viertelfinale gebracht.