Die orange gekleidete Menschenmenge tut alles, was ihr möglich ist. Sie klatscht, sie jubelt, sie ehrt die unerwartete Siegerin des 3000-Meter-Rennens, die sich so stolz und gerührt zugleich durch die Halle bewegt. Doch irgendwann können die Orangenen nicht mehr helfen. Nach vielen Freudenläufen und Umarmungen steht die italienische Eisschnellläuferin Francesca Lollobrigida ganz oben auf dem Siegerpodest, die Zeit für die Nationalhymne ist gekommen, und wie viele Nationalhymnen gibt es auf dieser Welt, die sich besser zum Würdigen eines Sieges eignen als „Fratelli d’Italia“? Noch dazu, wenn es sich um einen so speziellen handelt?
Aber statt eines lauten Chores hört man: quasi nichts. Die niederländischen Fans, die bekanntlich in jeder Eisschnelllauf-Arena der Welt die Mehrheit auf der Tribüne ausmachen, sind nicht so textsicher. Italienische Zuschauer wiederum sind in der Halle kaum auszumachen. Gerade mal ein halbes Dutzend grün-weiß-rote Fahnen sind zu sehen, als Lollobrigida die Goldmedaille überreicht bekommt, analog fällt auch der Gesang von den Rängen eher mau aus. Normalerweise ist der erste Olympia-Sieg für die Gastgebernation ein großes Fest. Aber dass sich dieser am Samstagabend in der Milano Speed Skating Arena ereignen würde, das hatte offenkundig kaum ein Tifoso erwartet – und umso verzückter gaben sich das Land und seine Gazetten anderntags beim Belobigen ihrer goldenen Francesca.
Dabei hätten sich die Italiener für den Auftakt ihrer Spiele kaum eine emotionalere Geschichte ausdenken können als die von Francesca Lollobrigida, der Großnichte der früher so berühmten Schauspielerin Gina Lollobrigida.
Eisschnelllauf ist nie eine große Nummer gewesen in Italien, es fehlt an Hallen und Unterstützung, aber Lollobrigida hat es trotzdem versucht. Sie ist dafür viel auf Reisen gegangen und öfter auf Rollschuhen durch ihre Heimatstadt Rom gefahren und hat es schon vor vier Jahren in Peking zu zwei Medaillen gebracht. Als sie vor drei Jahren Mutter des kleinen Tommaso wurde, sei es noch einmal schwieriger geworden, wie sie am Samstagabend ausführlich berichtete. Vom Verband sei da wenig Unterstützung gekommen, und immer wieder und trotz zwischenzeitlicher Erfolge habe sie ans Aufhören gedacht, auch in dieser olympischen Saison, als ihren Sohn ein Virus monatelang quälte.

Aber sie habe da halt unbedingt durchgewollt. Sie habe allen zeigen wollen, dass es möglich sein könne, Mutter und Top-Sportlerin zu sein. Mit der Hilfe ihrer Familie, zu der auch Schwester Giulia gehört, die als Inlineskaterin früher mal positiv auf Doping getestet wurde und jetzt oft als Babysitterin einspringt. Und auch mit der Hilfe ihres Trainers Maurizio Marchetto, den die Szene nicht nur wegen seiner bisweilen mürrischen Art kennt – sondern auch, weil er zu Beginn der Zehnerjahre sehr erfolgreich die russische Nationalmannschaft trainierte. Damals führte er Russlands Eisschnellläufer bei deren Heim-Winterspielen von Sotschi zu drei Medaillen.
Und so legte Lollobrigida am Samstag zur Krönung der Karriere einen so unerwarteten Auftritt hin. Ihre bisherigen Ergebnisse in dieser Saison waren überschaubar gewesen, aber jetzt flitzte sie an ihrem 35. Geburtstag so schnell ums Oval, dass sie in 3:54,28 Minuten nicht nur ihre persönliche Bestzeit, sondern gleich noch einen neuen olympischen Rekord aufstellte. All die Niederländerinnen, angeführt von der Favoritin Joy Reute, hatten keine Chance, der gleichsam hoch gehandelten Norwegerin Ragne Wiklund blieb nur Silber. Und während das Publikum mangels italienischer Präsenz unerwartet zurückhaltend blieb, flogen und sprudelten die Emotionen aus Lollobrigida nur so heraus, auf dem Eis und nach dem Eis, im Kreise ihrer Familie.
„Das ist der beste Tag meines Lebens, ein perfekter Tag. Vor allem, weil mein Sohn Tommaso, mein Mann und meine Familie hier waren und mir zugesehen haben“, sagte sie: „Es ist unglaublich, wir sind in Italien. Die Olympischen Spiele finden in Italien statt. Mein größter Traum ist wahr geworden.“
Die Italiener wollen den Medaillen-Rekord der 1994er-Spiele von Lillehammer einstellen
Es gehört zu den immerwährenden Geschichten von Olympischen Spielen, dass Gastgeber überraschende und überraschend viele Erfolge feiern. Russland war das zum Beispiel bei den Winterspielen in Sotschi 2014 gelungen, als es – auch mithilfe des großen Staatsdopingprogramms – seinen ewigen Bestwert von elf Goldmedaillen und insgesamt 33 Plaketten aufstellte. Großbritannien räumte in London 2012 besser ab als je zuvor, und gleiches konnte Kanadas Winter-Team bei den Spielen in Vancouver 2010 von sich behaupten. Nun wollen auch die Italiener ähnliches vollbringen und den Rekord der 1994er-Spiele von Lillehammer einstellen (20 Medaillen).
Die Spiele waren aus einer sportlichen Perspektive ja gar nicht so gut losgegangen für Italiens Olympia-Team, weil die Biathletin Rebecca Passler positiv auf eine verbotene Substanz getestet worden war (wogegen sie jetzt vor der Ad-hoc-Kommission des Internationalen Sportgerichtshofs vorgeht, um doch noch einen Start zu erzwingen.) Aber gleich der Auftakttag erwies sich dann als ertragreich: Erst gewannen die Abfahrer Giovanni Franzoni und Dominik Paris Silber und Bronze, dann gelang Lollobrigida ihr Coup. Noch rund ein halbes Dutzend goldene Plaketten sollen auf ihren Triumph folgen – und es ist sehr wahrscheinlich, dass dann noch ein paar mehr italienische Fans da sind, um sie kräftig zu bejubeln.


