bedeckt München 15°
vgwortpixel

Daniel Frahn beim SV Babelsberg:"Ich bin kein Nazi"

Daniel Frahn (SVB), angespannt, SV Babelsberg 03 - BSG Chemie Leipzig, Fußball, Regionalliga Nordost, Saison 2019/2020,

Nicht die Art von Fahne, die er aus Chemnitz gewohnt ist: Daniel Frahn, 32, will in Babelsberg seinen Ruf retten - und den Abstieg verhindern.

(Foto: Jan Kuppert/imago)
  • Daniel Frahn war beim Chemnitzer FC Nähe zur rechten Szene vorgeworfen worden.
  • Nun stürmt er für den linken SV Babelsberg - seine Verpflichtung spaltet den Verein.
  • "Nach den Gesprächen mit Daniel Frahn bin ich überzeugt, dass er keine Nähe zu rechtem Gedankengut hat", teilte Präsident Archibald Horlitz mit.

Politik tragen die Fußballer vom SV Babelsberg 03 schon auf der Brust. "Seebrücke" ziert die beste Werbefläche, die so ein Trikot haben kann; der Regionalligist hat sie im vergangenen Sommer für die Initiative zur Seenotrettung im Mittelmeer freigemacht und von den über 1000 verkauften Shirts je fünf Euro gespendet. Ein Zeichen gegen die Ausgrenzung von Flüchtlingen will man damit setzen, Verein und Anhängerschaft vereinte in der Vergangenheit nicht nur der Kampf um Punkte in der vierten Liga, sondern auch gegen nationalistische Tendenzen. Doch seit ein paar Tagen weiß ein Teil der Fans nicht mehr, wie ernst es dem Klub damit wirklich ist.

Auch der Stürmer Daniel Frahn trägt nun die "Seebrücke" auf seiner Brust; es ist derselbe Frahn, der im vergangenen März bei einem Torjubel für den Chemnitzer FC ein Shirt mit der Aufschrift "Support your local Hools" in die Höhe streckte - ein in der rechten Szene beliebtes Motiv. Frahns Verpflichtung, die am vergangenen Freitag publik wurde, sie spaltet nun nicht nur die Babelsberger. Es geht um die Frage, wie weit ein von Idealen geprägter Verein geht, um den Abstiegskampf nicht zu verlieren; im Kern aber auch um eine Frage ganz menschlicher Natur: Wann hat jemand eine zweite Chance verdient?

Frahn hat einst RB Leipzig als Kapitän und Publikumsliebling in die Zweite Liga verholfen; im vergangenen Sommer wurde ihm nach drei Jahren beim Chemnitzer FC fristlos gekündigt, aufgrund seiner "offenkundig zur Schau gestellten Sympathie zu führenden Köpfen der rechts gesinnten Gruppierung ,Kaotic Chemnitz' und der aufgelösten Gruppe ,NS-Boys'", so die damalige Begründung. Monate nach dem Torjubel im März war es zu einem neuen - wohl entscheidenden - Zwischenfall gekommen. Der Fußballer zog vors Arbeitsgericht, das die Kündigung als unzulässig einstufte, Chemnitz wollte in Berufung gehen; vergangene Woche einigten sich beide Seiten dann aber außergerichtlich - und Babelsberg angelte sich den 32-Jährigen, der schon seit Wochen mit dem Team trainiert hatte.

"Nach den Gesprächen mit Daniel Frahn bin ich überzeugt, dass er keine Nähe zu rechtem Gedankengut hat", teilte Präsident Archibald Horlitz mit. Frahn, der schon zwischen 2007 und 2010 in Babelsberg gespielt hatte, ließ sich mit den Worten zitieren: "Ich habe in der Vergangenheit Fehler gemacht. Ich habe Situationen, Hintergründe und Leute nicht ausreichend hinterfragt [...]. Aber ich bin kein Nazi und distanziere mich eindeutig von rechtem Gedankengut und Menschen mit dieser politischen Einstellung." Es ist ein Distanzieren, das für viele nicht zu dem passt, was sich im vergangenen Jahr alles zugetragen hat.

Leichtfertig ins Team geholt hat der SV Babelsberg Frahn nicht

Der Tag, an dem Frahn mit dem Hooligan-T-Shirt jubelte, war ein schwarzer Tag für den gesamten Chemnitzer FC: weil der Verein damals dem verstorbenen Thomas Haller, einer Größe der rechtsextremen Szene, eine erstaunliche Bühne bot. Hallers Foto auf der Leinwand, kurze Trauerrede und eine Schweigeminute für den Mann, der in den 1990er Jahren die Vereinigung HooNaRa (Hooligans-Nazis-Rassisten) mitgegründet hatte. Der Nordostdeutsche Fußballverband bestrafte Frahn mit einer Sperre, er musste zudem 3000 Euro zahlen. Frahn selber distanzierte sich vom Gedankengut Hallers, der Verein verbreitete seine Entschuldigung.

Ausschlaggebend für seine Kündigung beim Chemnitzer FC war schließlich ein Vorfall fünf Monate später: Wie der Tagesspiegel nun berichtete, soll der damals verletzte Frahn im Auto zum Auswärtsspiel beim Halleschen FC gefahren sein, an seiner Seite: führende Personen der Ultra-Gruppierung "Kaotic Chemnitz". Umgeben von "Kaotic"-Ultras verfolgte er das Spiel, auf seiner Haut ein T-Shirt der Gruppe. Sie wird vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. Die Klubführung soll Frahn laut Tagesspiegel eine einvernehmliche Trennung vorgeschlagen haben, wenn er bereit sei, sich von seinen rechten Begleitern zu distanzieren - Frahn habe abgelehnt, daher der Rauswurf. Beim Gerichtstermin im Dezember 2019 behaupten seine Anwälte, er habe nichts von der politischen Einstellung seiner Bekannten gewusst. Schon im August 2018 will ihn ein Polizist mit den fraglichen Personen beim Chemnitzer Stadtfest gesehen haben.

Frahn lädt Fans zu öffentlichem Gespräch ein

Leichtfertig ins Team geholt hat der SV Babelsberg Frahn nun nicht, Aufsichtsratmitglied Katharina Dahme schilderte auf Facebook, sie sei anfangs sehr skeptisch gewesen. Dann habe Frahn aber seine Version der Vorfälle geschildert, "es brauchte nicht viel Zeit und ich glaubte ihm"; Einzelheiten zu seiner "Version" nannte sie allerdings nicht. "Mir ist auch klar: Indem wir ihm helfen, seinen Ruf zu retten, büßen wir selbst ein Stück Glaubwürdigkeit ein", schrieb Dahme weiter. Dass Präsident Horlitz am Sonntag in einem MDR-Interview die Huldigung von Thomas Haller in Chemnitz als "Trauerfeier für einen verstorbenen Fan" herunterspielte, trug nicht unbedingt zur Beruhigung der Fanszene bei.

"Im Abstiegskampf ist jedes Mittel rechts" , stand auf einem Banner der Gästefans von Chemie Leipzig, die am Sonntag beim ersten Spiel Frahns zu Gast waren. Die Babelsberger Nordkurve hatte keine offensichtliche Stellungnahme im Gepäck; nur die kleinere Gruppe "Brigade Konrad Wolf" drehte ihre Zaunfahne aus Protest um. Bei seiner Einwechselung wurde Frahn von den Leipzig-Anhängern laut ausgepfiffen, von den Babelsbergern nach dem Spiel am Zaun abgeklatscht. "Ich weiß, dass es viele Kritiker gibt - auch zu Recht", sagte er dem Tagesspiegel, "ich hoffe aber, dass diese Leute mir die Chance geben zu beweisen, wer Daniel Frahn wirklich ist. Und das ist nicht der, wie er in den Zeitungen dargestellt wird." Welches Herz unter dem neuen Trikot schlägt, will er den Fans in einer offenen Gesprächsrunde am 13. Februar mitteilen.

© SZ vom 05.02.2020/tbr
DFB-Pokal Solidarität für Nummer 11

Chemnitzer FC

Solidarität für Nummer 11

Wegen seiner Nähe zu rechtsextremen Hooligans schmiss der Chemnitzer FC Teamkapitän Daniel Frahn raus. Der Verein will Haltung zeigen - doch zieht nun die Wut der eigenen Fans auf sich.   Von Antonie Rietzschel

Zur SZ-Startseite