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Fortuna Düsseldorf:Fortunas Sünden

Theatralisch geht der Düsseldorfer Ayhan nach seinem Armduell mit Gegenspieler Hübner zu Boden. Der Hoffenheimer sah die rote Karte.

(Foto: Marius Becker/AFP)

Trotz Führung und Überzahl gelangt Düsseldorf abermals nur zu einem 2:2. Neben dem Ärger um verlorene Punkte im Abstiegskampf, erregt Fortunas Kaan Ayhan die Gemüter. Der Angreifer provoziert auf zweifelhafte Weise eine rote Karte.

Von Ulrich Hartmann, Düsseldorf

"Wir sind Fortuna Düsseldorf!", sagte Trainer Uwe Rösler. Das klang wie eine rheinische Antwort aufs "Mia san mia" des FC Bayern. Doch bevor sich arglose Fans der Fortuna den Satz stolz auf T-Shirts drucken lassen, bedarf es einer Interpretation von Röslers Aussage. Das unzureichende 2:2 gegen Hoffenheim - trotz Überzahl fast über das ganze Spiel hinweg - war bereits das siebte Unentschieden in elf Ligaspielen unter Rösler. Und es war das zehnte Saisonspiel, in dem Düsseldorf eine Führung hergegeben und dadurch 24 Punkte verspielt hat. Ein halbes Jahr ist die Fortuna deshalb nicht mehr über den drittletzten Platz der Tabelle hinausgekommen. In dieser Lage wurde Rösler also gefragt, warum seine Mannschaft es nicht geschafft hatte, die vielversprechende Überzahl zu nutzen. Seine Antwort: "Wir sind Fortuna Düsseldorf - wir spielen zwar mit einem Mann mehr, aber gegen einen Gegner von hoher Qualität."

Sein Bonmot hatte also nichts von rheinischem Selbstbewusstsein - es war eher eine Entschuldigung. Und es war eine Abbitte nach einem turbulenten Spiel. Hoffenheims Benjamin Hübner hätte allerdings lieber eine Entschuldigung des Düsseldorfers Kaan Ayhan gehört. Denn die Überzahl der Fortuna resultierte aus einer kniffligen Szene in der 9. Minute, wie man sie im Fußball selten gesehen hat. In Erwartung eines Hoffenheimer Eckballs standen Hübner und Ayhan vor dem Tor inmitten einer Spielertraube. Um Distanz zu Ayhan hinter sich zu wahren, streckte Hübner mit Blick nach vorn seinen Arm nach hinten aus. Diesen ausgestreckten Arm drückte Ayhan plötzlich nach oben, so dass Hübners Hand in Ayhans Gesicht landete - im selben Moment fiel Ayhan theatralisch zu Boden.

"Das ist eine große Schande", schimpfte Hoffenheims Hübner

Schiedsrichter Sören Storks zeigte Hübner Rot und ließ sich die Entscheidung von Videoassistent Christian Dingert bestätigen. Nach dem Spiel war Ayhan um eine Erklärung bemüht: "Der Impuls bei mir war, dass ich eine Faust im Gesicht spüre. Dann habe ich gemerkt, dass es nicht ganz so doll weh tut - aber nachdem ich die Bilder gesehen habe, glaube ich, dass die rote Karte okay ist." Es ist nicht final zu beurteilen, wie viel Absicht in Ayhans Marionettenaktion steckte und wie viel unabsichtlicher Impuls. Sein theatralischer Sturz, die ausbleibende Interaktion mit dem Schiedsrichter und seine Einschätzung zur roten Karte sogar noch nach dem TV-Studium hinterließen bei Hübner aber das Gefühl, von Ayhan ausgetrickst worden zu sein. Deshalb erhob er Anklage: "Was Kaan Ayhan daraus macht", sagte er, "das ist für mich eine ganz große Schande und eine Frechheit. Das nimmt mir den Spaß am Fußball."

Kleine Sünden bestraft der Fußballgott aber bekanntlich sofort, und so kamen die stark abstiegsgefährdeten Düsseldorfer trotz der strittigen Szene über ein mageres 2:2 nicht hinaus. Angesichts nun bevorstehender Spiele gegen Dortmund und in Leipzig droht ein Abstieg, der für alle Fortuna-Fans beklemmend wäre - ebenso wie für Stürmer Rouwen Hennings, 32, der noch nie in seiner 14-jährige Profikarriere so gut getroffen hat. Seine beiden Tore gegen Hoffenheim waren die Saisontreffer 13 und 14, womit Hennings in der Bundesliga-Torjägerliste auf Rang vier steht, zwischen den Champions-League-Angreifern Jadon Sancho (Dortmund, 17 Tore) und Serge Gnabry (FC Bayern, 12 Tore). Trotz dieses Lorbeers in die zweite Liga zu müssen, wäre schmerzlich. "Leider haben wir mal wieder zwei Punkte liegenlassen", sagte Hennings mit norddeutscher Trockenheit, er kommt gebürtig aus Bad Oldesloe (Holstein).

Während bei 16 Fortuna-Profis der Vertrag Ende Juni ausläuft, haben Hennings und Ayhan bereits verlängert. Der Stürmer und der Abwehrchef wären Eckpfeiler eines möglichen Neuaufbaus in der zweiten Liga. Aber noch haben sie sich nicht aufgegeben. Rösler sieht nach wie vor Kampfbereitschaft bei seinen Spielern. Auch das ist Fortuna Düsseldorf.

© SZ vom 08.06.2020
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