Formel 1 in Hockenheim Eine Frage des Willens

Die Formel 1 bleibt erst mal nicht in Hockenheim - 2019 wird die Rennserie nicht in die Kurpfalz kommen.

(Foto: REUTERS)

Die Formel 1 gastiert zum vermutlich letzten Mal in absehbarer Zeit in Hockenheim. Es haben sich zwei Rennfahrerwelten auseinandergelebt.

Kommentar von Philipp Schneider

Es ist ja nicht so, als würden sie nur im Rhein-Neckar-Kreis ächzen angesichts der gewaltigen finanziellen Herausforderung, die die Ausrichtung eines Formel-1-Rennens mit sich bringt. Auch in Florida rotieren sie gerade. Doch zunächst nach Hockenheim.

22 000 Einwohner hat die Stadt, kurpfälzisch "Hoggene" genannt, und wer sich umschaut in Hoggenes herausgeputzten Stadtkern rund um den "Güldenen Engel", das älteste Haus der Stadt, der bekommt eine Vorstellung davon, auf welchem geistigen Fundament die ganze Region gründet. Der Güldene Engel wurde 1690 von Johann Georg Engelhorn errichtet, einem fleißigen Mann, der der Welt nicht nur ein herrliches Fachwerkhaus hinterließ, sondern gleich noch ein paar Nachfahren, die ihrerseits nicht unproduktiv waren. Friedrich Engelhorn gründete die BASF, Georg Engelhorn ein großes Modehaus, und Curt Engelhorn wurde Eigentümer der Firma Boehringer in Mannheim. Mit den Engelhorns nichts zu tun hat die Firma SAP, der viertgrößte Softwarehersteller der Welt, der 1972 nur zehn Kilometer entfernt von Hockenheim in Walldorf hochgezogen wurde.

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Ein bisschen Geld wäre schon vorhanden in der Region. Nur nicht für den Motorsport. "Die Deutschen sind wohl ein bisschen Formel-1-müde", glaubt der Rennfahrer Nico Hülkenberg. "Aber eigentlich geht es nur ums Geschäft."

Sie alle, die Nachfahren der Engelhorns und die Chefs von SAP, haben nichts zu tun mit dem nahegelegenen Hockenheimring: der seit dem Jahr 1947 ältesten Rundstrecke Deutschlands, auf der am Sonntag das vorerst letzte Formel-1-Rennen gefahren wird. Weil sich Formel-1-Rennen, finanziell betrachtet, schon längst nicht mehr von alleine tragen, und sie die Unterstützung von Bund oder Ländern benötigen. Oder halt von wohlhabenden Unternehmen, die in der Region ansässig sind. Aber dieses Phänomen existiert auch nur in einer Stadtgemeinde mit 5000 Einwohnern im Bezirk Murtal im österreichischen Bundesland Steiermark, wo sich Dietrich Mateschitz, Besitzer eines Rennstalls und einer Limonade, für sehr viel Geld eine Spielwelt in Spielberg errichten ließ.

In Kanada und Frankreich fließen öffentliche Gelder für die Formel 1

Es ist also nicht allein eine Frage des Geldes, sondern des Willens, ob jemand einspringt und das finanzielle Risiko teilen möchte mit der Stadt Hockenheim als Mehrheitseigentümer der Strecke und Georg Seiler, dem Geschäftsführer der Hockenheim GmbH, der sagt, er werde nur für weitere Jahre unterschreiben, wenn er sicher sein kann, dass am Ende seiner Jahresbilanz eine schwarze Null aufscheint. Das kann er, wenn sich die Voraussetzungen nicht ändern, allerdings nie. Wenn niemand weiß, in welche Richtung sich die Formel 1 nach 2020 entwickeln wird, woher soll Seiler dann wissen, ob dann noch Zuschauer kommen? Auch wenn am Sonntag eine Rekordzuschauerzahl von 70 000 erreicht werden soll und Seiler zumindest dieses Jahr keinen Verlust verbuchen wird.

Am Freitag hat nun das Wirtschaftsmagazin Forbes berichtet, dass selbst die Millionenmetropole Miami auf die finanzielle Unterstützung der Regierung angewiesen ist, um jenes Rennen zu veranstalten, das Liberty Media, die neuen Eigentümer der Formel 1, besonders gerne im Kalender verankern wollen. Am liebsten schon 2019, womöglich erst 2020. Vertreter von Stadt und Landkreis wollen in der kommenden Woche darüber abstimmen, ob sie Floridas Gouverneur Rick Scott und dessen Regierung darum bitten sollen, die Kosten des Straßenrennens zu übernehmen. Man darf davon ausgehen, dass in Florida die Dinge irgendwie geregelt werden. Gut, vielleicht werden sie in Nuancen anders geregelt als in den Emiraten oder Aserbaidschan. Aber zumindest ähnlich wie in Kanada oder Frankreich, wo ebenfalls öffentliche Gelder fließen.

Und weil Seiler nicht müde wird zu betonen, dass der Hockenheimring das einzige aller internationaler Rennen sei, das gänzlich ohne Zuschüsse auskommen muss, so haben sich hier wohl auch zwei Rennfahrerwelten auseinandergelebt. Die Welt der konservativ rechnenden Kurpfälzer, die sich alleine durchkämpfen müssen. Und die Welt des milliardenschweren Unterhaltungskonzerns Liberty Media, der bereits mit dem Erwerb der teuren Formel 1 das maximale Risiko auf sich genommen hat. Und der von seinen Ausrichtern nun so etwas wie Leidenschaft einfordert. Leidenschaft, die sich zumindest aus Sicht des Konzerns in der Höhe des Antrittsgeldes messen lässt.

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