Süddeutsche Zeitung

Formel E:Rennen um die Zukunft

Weil die Automobilindustrie einen Umbruch erlebt, wandelt sich auch der Motorsport. Die elektrische Formel E erlebt einen Ansturm der Anbieter. Aber was sagen die Konsumenten?

Von Dominik Fürst und René Hofmann

"Käse. Wo bleibt da die Faszination, wenn ein Auto an dir vorbeirast und du nur den Wind hörst?"

Sebastian Vettel, damals Formel-1-Weltmeister, 2014 zum Start der Formel E.

"Wir haben das Wachstum der Formel E mit großem Interesse verfolgt. Wir schauen uns momentan alle Optionen für die Zukunft des Motorsports an."

Mercedes-Sportchef Toto Wolff 2016.

Weg vom Klassiker, hin zum ganz Neuen

Die Frage ist spannend. Und sie ist heikel: Wie sieht der Motorsport der Zukunft aus? Nicht alle sind sich da so sicher wie Rupert Stadler. Als der Vorstandsvorsitzende der Audi AG Ende Oktober nach 18 Jahren den Ausstieg seiner Marke aus der Langstrecken-Weltmeisterschaft bekannt gab, prägte er einen plakativen Spruch: "Das Rennen um die Zukunft tragen wir elektrisch aus."

Statt beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans an den Start zu gehen, will die Firma künftig in der Formel E durchstarten, der Elektro-WM, die es erst seit zwei Jahren gibt. Weg vom Klassiker, hin zum ganz Neuen: Wer mag, kann den Kurswechsel als Symbol sehen, zumal Stadler nicht als einziger auf diese Idee gekommen ist.

Jaguar, einst ebenfalls erfolgreich in Le Mans aktiv, ist bereits mit einem Werksteam in die Formel E eingestiegen. BMW, 1999 Gesamtsieger beim berühmten Langstreckenrennen in Frankreich, stellt seit dieser Saison nicht nur das Safety Car für die Elektro-WM; die Münchner haben sich als Antriebsentwickler mit dem Andretti-Team verbündet. Auch Mercedes hat einen Fuß in die Tür gestellt und sich eine Option auf einen Einstieg 2018 gesichert. "Die Elektrifizierung wird in der Zukunft der Automobil-Industrie eine große Rolle spielen, und der Rennsport war immer eine Entwicklungsplattform - das macht die Formel E so relevant", sagt Sportchef Toto Wolff, unter dessen Ägide die Marke mit dem Stern seit nun schon drei Jahren in der Formel 1 glänzt.

Wenn selbst der aktuelle Seriensieger der Königsklasse ein Auge auf die neue Spielform geworfen hat, dann sagt das schon einiges. Noch aussagekräftiger aber: Selbst das traditionsreichste Formel-1- Team überhaupt schließt es inzwischen nicht mehr aus, bei den Flüsterrennen mitzumischen: Ferrari. Lange galt dort, was Firmengründer Enzo Ferrari einst vorgab: "Zuerst kommt der Motor, dann das Fahrzeug, schließlich das Team und zuletzt der Fahrer."

In diesem Geist gab Ferraris Nachfolger Luca Cordero di Montezemolo, selbst als die Rivalen auf der Rennstrecke längst mit kleineren Motoren vorausjagten, noch die Losung aus: "Der Motor ist das Sexualorgan eines jeden Ferrari. Für uns kommt nur ein Zwölfzylinder in Frage." Diese Zeit ist offenkundig vorbei. Für den aktuellen Firmen-Presidente Sergio Marchionne ist der Schritt in die Formel E "in ein paar Jahren durchaus denkbar".

Ansturm der Anbieter

Die neue Serie erlebt einen Ansturm der Anbieter. Davon aber sollte sich keiner täuschen lassen. Wie gut das Produkt bei den Konsumenten langfristig ankommt, ist nämlich keineswegs klar. Die E-Formel ist eine Wette auf die Zukunft, ein spannendes Start-up. Mehr aber erst mal noch nicht. Die Übertragung des Rennens am 12. November in Marrakesch verfolgten bei Eurosport gerade einmal 80 000 Zuschauer.

Zum Vergleich: Die Formel 1 kam einen Tag später mit dem Großen Preis von Brasilien bei RTL im Schnitt auf 6,83 Millionen. Selbst für sie war das aber ein herausragender Wert. Seit vor einigen Jahren die Hybridtechnik Einzug hielt, erreicht die Formel 1 derlei Ausschläge nur noch selten. Die Autos seien zu leise geworden, lautet ein Kritikpunkt. Manche Traditionalisten behaupten gar: Vernünftige Technik sei generell kontraproduktiv, weil sie einem Grundprinzip des Spektakels zuwiderlaufe; der Motorsport müsse unvernünftig sein. Gerade das begründe seine Faszination.

Die Formel E setzt auf Stadtrennen. Weil die Autos nicht röhren und nicht stinken, kann sie dort antreten, wo die Menschen von röhrenden und stinkenden Autos genug haben. Mitten in Berlin zum Beispiel, in Paris oder in New York. Sie hat damit das Zeug dazu, etwas zu werden, was die Formel 1 nie war: ein Metropolen-Spektakel. Hinkommen und ankommen sind aber zweierlei. Die entscheidende Frage ist, wie groß das Interesse an den Autos, die nicht röhren und stinken, sondern nur pfeifen und quietschen, wirklich ist.

Noch befindet sich das Projekt in der Aufbauphase. Und viele der Aufbauhelfer für die neue Welt stammen aus der alten. Titelträger Sébastien Buemi zum Beispiel, Nelsinho Piquet oder Nick Heidfeld. Der 39-Jährige war in seinen elf Formel-1- Jahren bei sechs Rennställen beschäftigt (Prost, Sauber, Jordan, Williams, BMW, Renault). 2011 endete Heidfelds Karriere auf der großen Bühne, seit dem Start der Formel E ist er nun schon auf der kleineren dabei. Seine Einschätzung zu dem Hersteller-Ansturm: "Das macht die Sache sportlich nicht einfacher, aber wir freuen uns alle darüber."

Trotz der Konkurrenz sei die Stimmung unter den Fahrern "extrem gut". Man versuche in der Formel E eben noch "an einem Strang zu ziehen", sagt Heidfeld: Wenn die Formel 1 ein riesiger Kuchen sei, von dem jeder ein Stück abhaben wolle, dann sei die Formel E eine kleine Torte, an der alle gemeinsam backen.

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Quelle:
SZ vom 18.11.2016
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