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Start der Formel E in Saudi-Arabien:Werbung für den Schurkenstaat

Felipe Massa launches new SAUDIA Ad Diriyah E-Prix at the Ad Diriyah UNESCO Heritage site Saudi Arabia - ahead of The ABB FIA Formula E Championship - Season 5 opening race

Moderner Rennwagen vor hübscher Kulisse: Das Formel-E-Fahrzeug von Felipe Massa wird am Samstag durch Ad Diriyah rollen, einen Vorort von Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad.

(Foto: Neville Hopwood/Getty Images)
  • Die Formel E will die Rennserie der Zukunft sein. Doch ihren Saisonstart feiert sie im Öl- und Folterstaat Saudi-Arabien.
  • Wie der Automobil-Weltverband Fia das dem Publikum erklärt? Mit dem "Briefing Document" zum "Positive Positioning".

Gut, ein bisschen Pech haben die Veranstalter der Formel E nun auch noch gehabt. Das hätten sie ja schlecht vorhersehen können: dass sich der US-Senat ausgerechnet am Tag vor dem Auftakt der fünften Saison darauf festlegt, dass Mohammed bin Salman, der Kronprinz von Saudi-Arabien, "verantwortlich" für den Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi sei. Die vom amerikanischen Geheimdienst CIA zusammengetragenen Beweise erachtet die Kammer als ausreichend, um bin Salman des Mordes zu bezichtigen. Für alle Rennfahrer, Sponsoren und Hersteller ist es insofern eine unglückliche Situation, wenn an diesem Samstag nun also der mutmaßliche Auftraggeber eines Mordes als Gastgeber aus seiner Loge winken wird, sobald die Formel E, die Serie für Rennwagen mit Elektromotoren, zum ersten und wohl nicht letzten Mal in Ad Diriyah rollt, einem Vorort von Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad. Oder nicht?

Andererseits dürften sie in der Formel E von der Entwicklung auch nicht allzu überrascht sein. Für die zu erwartenden Fragen nach Ethik und Moral, die ihren als fröhlichen Festakt geplanten Rennauftakt in der Wüste stören könnten, hat die Formel E schon vor Wochen ein Kommunikationspapier verfasst. Eine Art Ratgeber zur rhetorischen Abwehr lästiger Journalisten: "Racing in Saudi Arabia - Briefing Document. Communications Challenges and positive Positioning". Der Klarheit halber hätte man die Handlungsanweisung auch überschreiben können mit: "So veranstalte ich ein Autorennen im Schurkenstaat - und keiner redet über die Schurken, sondern alle nur über die Autos".

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Das Dokument, das der SZ vorliegt, beginnt mit einer wunderbar dezidierten Auflistung, weswegen gleich "aus einer Vielzahl von Gründen" mit der Kritik der internationalen Presse zu rechnen sei. Wunderbar ist die Sammlung, weil sie einem Eingeständnis entspricht; gleich vier Punkte ("Challenges") werden genannt.

Erstens: "Die Menschenrechtsbilanz der Regierung des Königreichs Saudi-Arabien."

Zweitens: "Die mutmaßliche Verstrickung der königlichen Familie und Regierung in den Tod von Jamal Khashoggi".

Drittens: "Die Wahrnehmung der Geschlechtersegregation und der männlichen Vormundschaft."

Viertens: "Die enge Verbandelung mit der Ölindustrie und (gemeint sind jetzt wohl "fehlende"; d. Red.) Nachweise der Nachhaltigkeit."

Obwohl hier ein fünfter Punkt vergessen wurde - der blutige Krieg, den das Land im Jemen führt -, sind das vier triftige Gründe, um ein Rennen in Saudi-Arabien gar nicht erst zu veranstalten, könnte man meinen. Für den Automobil-Weltverband Fia allerdings sind diese vier Punkte nicht so ärgerlich, als dass sie sich nicht mir vier simplen Kunstgriffen aus der Welt schaffen ließen. Und das geht, laut dem offiziellen Strategiepapier, so:

Erstens: "Die Formel E konzentriert ihre Kommunikationsbemühungen auf spannende Sporterzählungen."

Zweitens: "Sie weigert sich, in die politische Debatte hineingezogen zu werden, und lehnt es ab, sich zu politischen oder aktuellen Themen zu äußern."

Drittens: "Sie hebt das Potenzial hervor, Elektrofahrzeug-Technologie zu präsentieren und zu feiern auf dem Verbrauchermarkt in Saudi-Arabien - dem 23. größten der Welt."

Viertens: "Die Formel E positioniert sich als etwas, das eine positive Rolle in Saudi-Arabiens Zukunft spielen kann - indem das Rennen hilft, Barrieren abzubauen - z.B. Fan-Visa-Prozess."

Die Formel E teilt sich die Bühne mit dem Kronprinzen eines Unterdrückungsstaats

Ist es wirklich so einfach?

Offenbar schon. Die Formel E ist in den vergangenen Wochen zumindest ganz gut gefahren mit der Strategie. Immer wenn das aus ihrer Sicht ungeliebte Thema aufgebracht wurde - und das Thema wurde zumindest auf dem Höhepunkt des Falls Khashoggi hin und wieder aufgebracht -, wand sich Formel-E-Chef Alejandro Agag mit dieser Gebrauchsanweisung aus der Kritik. Saudi-Arabien sei das "neue Zuhause der Formel E", sagte Agag Ende Oktober, unmittelbar nach der Ermordung Kashoggis. Da war er gerade für eine sogenannte "Future-Investment-Initative-Konferenz" in Riad. Die Formel E wolle "mit dem Rennen unseren Beitrag zur Modernisierung des Landes leisten", kündigte er an. Eines Landes, das er Monate vorher sogar "als ein aufregendes und lebendiges Land" erlebt hat, das sich "immer mehr auf seine Zukunft fokussiert".

Zunächst fokussiert sich Saudi-Arabien darauf, der Formel E kolportierte 260 Millionen Euro zu überweisen. Als Gegenleistung dafür, dass Riad in den kommenden zehn Jahren die Bühne bereiten darf für die modernste Rennserie der Welt. Für eine Sportart, die für eine ganze Reihe positiver Eigenschaften steht wie Nachhaltigkeit, Emissionsfreiheit und Technologiefreundlichkeit. Eine Rennserie mithin, die nicht auf derselben Bühne stehen sollte wie der Kronprinz eines Unterdrückungsstaats, der mutmaßlich ein buntes Killerkommando, bestehend aus Geheimdienstlern, Militärs, einem Forensiker und einer Knochensäge, nach Istanbul hat schicken lassen, um im dortigen Generalkonsulat Saudi-Arabiens einen kritischen Journalisten zu zerteilen, der noch gerne geheiratet hätte. Oder ist das jetzt spitzfindig?

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Die Formel E fährt da, wo gut gezahlt wird. Da folgt sie ihrem historischen und moralischen Vorbild, der Formel 1. Als die Rennklasse mit Verbrennungsmotoren 2012 in Bahrain Station machte, ein Jahr, nachdem die dortige Monarchie im Arabischen Frühling Demonstranten hatte niederknüppeln und Verhaftungswellen folgen lassen, hielt der Weltverband am Rennen fest. Die Formel 1 wolle sich ganz auf den Sport konzentrieren, verfügte Fia-Präsident Jean Todt. Ein schräges Argument. Hat nicht der Sport, da er im Gegensatz etwa zur Wirtschaft keine Funktion besitzt, die über die Unterhaltungsebene hinaus weisen würde, eine viel größere Verpflichtung, darauf zu achten, welche Botschaft er sendet? Wer mag, kann etwa Siemens vorwerfen, dass der Konzern weiter Geschäfte betreibt in Staaten, in denen die Menschenrechte nicht geachtet werden. Aber Siemens-Chef Joe Kaeser sagte immerhin mal eine seiner Reisen nach Saudi-Arabien ab, als sich die Welt angewidert abwendete angesichts der Barbarei im Fall Khashoggi. Das war zumindest ein Signal.

Schon richtig: Seit der Präsentation des Formel-E-Deals hat sich Saudi-Arabien gegenüber der Welt ein wenig geöffnet, wie es so schön heißt. Allerdings ist bei geschlossenen Gesellschaften sehr schnell die Rede davon, sie hätten sich geöffnet. Meist reicht, dass einer vor die Tür geht zum Rauchen. Die Tür geht kurz auf, fällt wieder zu. Sonst passiert nicht viel.

Bin Salman will sich dafür feiern lassen, dass er in diesem Jahr das Fahrverbot für Frauen aufgehoben hat. Auch wurden Kinos wiedereröffnet, die 35 Jahre geschlossen waren. Für das Rennen lockerte das Königreich jene in Punkt vier des Kommunikationskonzepts erwähnten Visa-Bestimmungen für Ausländer. Die Veranstalter erwarten 40 000 Besucher. "Dieses einmalige Ereignis hat das Potenzial, das Leben und die Wahrnehmung zu verändern, sowohl in Bezug auf den Sport als auch auf Saudi-Arabien", wirbt der Präsident des saudi-arabischen Motorsport-Verbandes, Chalid bin Sultan Al Faisal Al Saud.