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Betrug beim E-Sport:Virtuelle Schummelei, realer Rauswurf

Daniel Abt

Darf weder virtuell noch in Wirklichkeit für Audi ans Steuer: Rennfahrer Daniel Abt.

(Foto: dpa)

Der Formel-E-Fahrer Daniel Abt wird dabei erwischt, wie er bei einer E-Sports-Serie betrügt. Erst gibt es nur eine Geldstrafe - dann statuiert Audi ein Exempel an ihm.

Von Philipp Schneider

Dieter Gass, der Motorsportchef von Audi, hat sich kürzlich erst mit Vehemenz gegen den Vorwurf gewehrt, er sei ein Spielverderber. Nachdem die Ingolstädter Ende April verkündet hatten, sie würden sich Ende des Jahres aus der Tourenwagenserie DTM zurückziehen und BMW somit ohne Spielkumpanen auf der Strecke zurücklassen, sah sich der Konzern mit zwei Vorwürfen konfrontiert: Einerseits sei er so etwas wie der Totengräber der DTM. Zweitens habe er schlechten Stil bewiesen, weil die Ingolstädter ihre Partner in München vorab nicht in Kenntnis gesetzt hatten von ihrem Rückzug. "Ziemlich unfair" sei die Kritik, wehrte sich Gass.

Am Dienstag statuierten die Audi-Sportchefs ein Exempel, wie ernst sie Spielregeln nehmen, wenn sie selbst die Opfer sind - und wie aus ihrer Sicht eine faire Bestrafung für eine Schummelei aussieht: Sie suspendierten Daniel Abt, einen ihrer Fahrer in der Formel E, nachdem der betrogen hatte bei der E-Sports-Serie "Race at Home Challenge". Das war mindestens konsequent, wenn nicht sogar knallhart.

Zumal Abt nur "eine lustige Idee" hatte in einem Wettbewerb, in dem es nichts zu gewinnen gibt, wie er am Dienstagabend versicherte.

Was war geschehen? Um die Leere zu füllen, die die Pandemie auch bei den Piloten der Formel E hinterlässt, der elektrifizierten Schwesterserie der Formel 1, tragen deren Piloten seit April virtuelle Rennen aus. Dabei sitzen sie jeweils zuhause hinter dem PC auf "Gaming chairs", kurbeln mit den Händen an "Gaming wheels" und schalten sich per Kamera zu einer Konferenz zusammen. Die Teilnahme an diesen Wettfahrten sei "eine Mischung aus Verpflichtung und Good Will", hieß es auf SZ-Nachfrage bei Audi.

Plötzlich fährt Abt auffällig gut

Am vergangenen Wochenende fuhren die Piloten auf der virtuellen Strecke des Flughafen Tempelhofs. Und Daniel Abt? Der 27-Jährige aus Kempten, ein Formel-E-Pilot der ersten Stunde, der seit 2014 für den Rennstall Audi Sport Abt Schaeffler fährt, den sein Vater Hans-Jürgen Abt gegründet hatte, oh ja, er war plötzlich auffallend schnell! Sim-Racing hatte bis dahin nicht als Spezialität von Abt gegolten, er war als virtueller Cruiser im Mittelfeld aufgefallen. Jetzt aber: Zweiter Startplatz, klasse Rennen, am Ende als Dritter ein Platz auf dem Podium.

Auffällig auch: Seine Kamera, die eigentlich einen Livestream bereichern sollte, in dem alle Piloten in ihrem Zuhause Interviews geben, war ausgeschaltet. Aus gutem Grund, wie sich kurz darauf herausstellte: Abt war nicht selbst gefahren: Er hatte dem Simracing-Experten Lorenz Hörzing aus Österreich, Spitzname "Lozbert", sein Steuer überlassen. Der Schwindel flog auf. Offenbar endgültig, weil sich Lozbert über eine andere IP-Adresse eingewählt hatte als jene, die die Techniker der Formel E aus dem Hause Abt gewohnt waren.

Abt entschuldigte sich am folgenden Tag, akzeptierte die Disqualifikation sowie 10 000 Euro Geldstrafe, die er an eine bedürftige Einzelperson spendet. Das schützte ihn aber nicht vor Häme und Kritik, die in den sozialen Netzwerken auch danach noch über Abt und seinem Rennstall ausgekippt wurden. Also verschärfte Audi die Strafe und verbannte Abt für sein digitales Vergehen für alle Zeiten aus den realen Rennwagen des Konzerns: wohlgemerkt den Junior eines Familienunternehmens, mit dem Audi seit 2004 in der DTM eng verbandelt war. "Integrität, Transparenz und die konsequente Einhaltung geltender Regeln haben für Audi oberste Priorität", heißt es in der Mitteilung vom Dienstag. Dies gelte ausnahmslos für alle Aktivitäten, an denen die Marke beteiligt sei.

Und offensichtlich auch für vermeintlich lustige Ideen von Angestellten.

Audis Botschaft lässt sich auch so verstehen: Sich herauszukaufen nach einer Unehrlichkeit, das funktioniert vielleicht bei einer millionenschweren Schummelei wie dem Abgasskandal. Aber bitteschön nicht beim E-Sport!

© SZ vom 27.05.2020/tbr
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