Formel 1 Der Träumer steigt aufs Gaspedal

Rennstall ohne Stallorder: Melbourne-Sieger Valtteri Bottas (mit Mütze), der diesmal seinen Kollegen Lewis Hamilton abhängte.

(Foto: imago)

Nach dem Sieg von Valtteri Bottas in Melbourne drängt sich eine Frage auf: Wen muss Lewis Hamilton mehr fürchten - Sebastian Vettel oder den eigenen Kollegen?

Von Philipp Schneider, Melbourne

Auf den letzten Metern dieses Rennens aktiviert Valtteri Bottas noch einmal seinen Funk. Es geht um seinen ersten Sieg in einem Autorennen seit langer Zeit, es geht darum, diese Führung zu behaupten, die Verfolger abzuschütteln, Lewis Hamilton und Sebastian Vettel. Bottas muss sich konzentrieren. Also weist er seine Ingenieure per Boxenfunk an, doch bitte etwas weniger zu quatschen. Die Ingenieure schweigen, Bottas siegt - und erklärt daraufhin: "Ich wollte Ruhe, weil ich mich wie zu Hause fühlen wollte." Zwei Dinge erfährt die Welt an diesem Tag über Bottas. Dass bei ihm zu Hause offenbar niemand brüllt oder laute Musik hört. Und: "Das einzige Ziel meiner Karriere ist der Titel" - diesen Einblick in seine Karriereplanung schiebt Bottas nach, als er auf dem Podium steht. Der Tag, an dem die Welt zwei elementare Dinge über den Rennfahrer Bottas erfährt, ist der 30. April 2017.

Was hat sich seitdem geändert?

Fast zwei Jahre liegen zwischen Bottas' erstem Rennsieg in der Formel 1 in Sotschi und seinem vierten und vorerst letzten am vergangenen Sonntag in Melbourne. Zwei Jahre bei Mercedes, die jeweils davon geprägt waren, dass sein Teamgefährte Lewis Hamilton Weltmeister wurde. Zwei Jahre, in denen außerdem teils aufgeregte Debatten darüber geführt wurden, dass Bottas seinem Kollegen auf dem Weg zum Pokal da und dort sekundieren musste.

"Lewis und ich wollen kämpfen. Gegeneinander und gegen alle anderen", sagt Valtteri Bottas

2017 war Bottas gerade erst von Williams gewechselt, um den entlaufenen Weltmeister Nico Rosberg zu ersetzen, als er in seinem erst dritten Rennen für Mercedes über Funk erfuhr, dass er Hamilton vorbei lassen sollte. "Das Schlimmste, was einem Fahrer passieren kann", sei das, erklärte Bottas nach dem Rennen in Baku. Dann reiste er nach Sotschi, bat um Funkruhe - und gewann.

2018, wieder Sotschi, die nächste Stallorder. Diesmal eine, die beim Zusehen fast körperlich schmerzt. Bottas parkt nahezu am Straßenrand, um seinen Teamkollegen an sich vorbeizuschleusen und so die Führung des WM-Führenden künstlich zu vergrößern. Die Empörung diesmal? Nur in den Medien, nicht im Fahrerlager. Bottas sagt: "Die Situation, in der ich heute bin, muss ich akzeptieren. Denn sie ist eine Folge meiner Resultate in der ersten Saisonhälfte. Ich würde es wieder tun."

In beiden Fällen gibt Mercedes die Stallorder auf Basis einer nachvollziehbaren Kalkulation: Lewis Hamilton liegt in der Gesamtwertung in Führung, also hat sich Bottas zu fügen.

Als der 29-jährige Finne am Sonntag in Melbourne als Erster über die Ziellinie rollte, lag er so weit vor dem zweitplatzierten Teamkollegen, dass Hamilton Bottas' Zieldurchfahrt nicht einmal sehen konnte: 20,8 Sekunden. Irgendwann, auf der Auslaufrunde, entfuhr dem der Derbheit unverdächtigen Bottas ein deftiger Satz: "To whom it may concern: fuck you!" Der Spruch sei ihm ganz spontan eingefallen, erklärte Bottas später, als er schließlich vor den Journalisten saß, brav in die Runde schaute und im gewohnt ruhigen Tonfall seine Analyse vortrug. Der Fluch war seinen Kritikern gewidmet, die beanstandet hatten, dass er im Vorjahr kein Rennen gewonnen hat. Man durfte das in diesem Moment auch so sehen: Ein kleines bisschen war der alte Valtteri Bottas zum Vorschein gekommen: jener Bottas, der 2017 in Sotschi Weltmeister werden wollte. Jener Bottas, der seine Titelambitionen schon in der Phase seines Wechsels zu Mercedes in den sozialen Netzwerken nie verheimlicht hatte. Damals schickte er Bilder aus dem Fitnessstudio, an dessen Wand geschrieben stand: "Ein Sieger ist ein Träumer, der nie aufgegeben hat."

Frage an Bottas: Ob es in diesem Rennen einen Moment gegeben habe, in dem er sich gesorgt habe, gleich per Stallorder zurückgepfiffen zu werden wie in Sotschi?

"Nein, daran habe ich nicht gedacht", sagte er. "Es gab ja keinen Grund. Wir starten alle mit null Punkten in eine neue Saison. Wir sind alle hier, um zu fighten. Lewis und ich wollen kämpfen in dieser Saison. Gegeneinander und gegen alle anderen. Und wir sind immer noch ein Team."

Da war er also. Der Träumer, der nicht aufhören wird zu träumen, bis er ein Sieger ist. Warum sollte er auch?

Die Kräfteverschiebung im Team Mercedes war die Pointe des Auftakts der Formel-1-Saison in Melbourne. Zuvor war ja der drohende Stallkrieg bei Ferrari zwischen Sebastian Vettel und seinem selbstbewussten neuen Teamkollegen Charles Leclerc das große Thema gewesen. Dann hatte sich zunächst Leclerc brav der Anweisung von Ferrari-Chef Mattia Binotto gefügt, den lahmenden viermaligen Weltmeister Vettel nicht zu überholen, der letztlich Vierter wurde. Dafür überflügelte Bottas den fünfmaligen Weltmeister Hamilton auf der Strecke und sicherte sich nicht nur den Rennsieg, sondern auch noch die schnellste Rennrunde, für die es neuerdings einen Extrapunkt in der Gesamtwertung gibt. Muss Hamilton künftig Bottas mehr fürchten als Vettel?

2016 war die Saison schon einmal losgegangen mit einem Sieg von Hamiltons Teamkollegen in Melbourne. Er hieß Nico Rosberg und wurde in dem Jahr Weltmeister. "Jedes Jahr lernt man als Mensch dazu", erzählte Bottas: "Was bei der Vorbereitung hilft, wie man sich erholt, wie man trainiert, wie man reist. Ich habe versucht, alles für dieses Jahr zu optimieren, was möglich ist." Und dann schob er noch einen kryptischen Gedanken nach. Er wisse nicht, wie er es erklären solle, was vorgegangen sei im Winter: "In meinem Kopf hat sich definitiv etwas gewandelt. Die Art und Weise, wie ich über das Leben denke und das Rennfahren."

Gut möglich, dass er sich überlegt hat: Einmal im Leben möchte ich als Rennfahrer Weltmeister werden. Der Zeitpunkt ist ideal. Wenn Ferrari weiter so schwächelt, gibt es keinen Grund für Stallorder.